In Niederösterreich wurde am Mittwoch mit 41,2 Grad ein neuer österreichweiter Temperaturhöchstwert erreicht – und damit jener aus Wien vom Vortag noch einmal übertroffen (41 Grad). Zwischen den beiden heißesten Tagen der Messgeschichte lag die österreichweit historisch wärmste Nacht im Burgenland (28,5 Grad).
Auch die Trockenperiode ist historisch: „Eine derart lange und flächendeckende Trockenperiode hat Österreich in dieser Form noch nie erlebt“, so Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig in einer Aussendung. „2026 ist ein absolutes Ausnahmejahr.“
„Extremwetterereignisse werden weiter zunehmen“
Für Huppmann, Klimaforscher am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) und Obmann des Climate Change Center Austria (CCCA) ist das eine „Normalisierung des Ausnahmezustandes“. Schließlich sei es „vollkommen klar, dass wir diese Art von Sommer in Zukunft immer öfter erleben werden. Es wird zur neuen Realität werden. Die Extremwettereignisse werden weiter zunehmen.“
Klimawissenschaft „überrascht“
Doch lässt sich bei der aktuellen Hitze überhaupt schon sagen, dass es sich dabei um eine Folge des Klimawandels handelt? Tatsächlich könne das erst statistisch im Nachhinein bestimmt werden, so Huppmann. Doch: Das, was jetzt im Moment passiere, stimme mit den Projektionen der Klimamodelle überein. „Die Klimamodelle sagen diese Art von Wetterereignissen seit Jahrzehnten vorher.“
Auch der Weltklimarat (IPCC) sagt: Durch die Klimakrise werden Extremwetterereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen, Hitze und Dürre häufiger und intensiver. Aus Sicht der Klimawissenschaft überrasche lediglich, dass diese Extreme viel schneller eintreten, als noch vor etwa zehn Jahren prognostiziert worden sei, so Huppmann.
Sommer immer schon heiß gewesen?
Österreich ist aufgrund seiner geografischen Lage besonders vom Klimawandel betroffen, hat es sich mit 3,1 Grad Celsius doch fast doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt – Bericht legt volle Tragweite der Klimakrise in Österreich offen.
Wer hierzulande trotzdem behaupte, dass es „immer schon“ heiße Sommertage gegeben habe, dem rät Huppmann, einen Blick auf die Statistiken zu werfen, etwa jene der GeoSphere Austria. Da zeige sich eindeutig, dass die Temperaturen früher nicht so extrem gewesen seien. In Wien etwa hat sich die Zahl der Hitzetage in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht.
Zweifellos spiele Verdrängung hierbei eine große Rolle. „Es ist relativ einfach, Fake News zu glauben, wenn man sich damit in einer gewissen Bequemlichkeit wiegen kann. In der Sicherheit, dass man ja selber nicht daran schuld ist. Aber die Realität ist ganz eindeutig. Wir alle sind durch unsere Treibhausgasemissionen zu einem Teil schuld an der Erderwärmung.“
Wo immer möglich, müssten Emissionen reduziert werden. Eine effiziente Maßnahme für den Einzeln sei etwa der Umstieg von einer fleischlastigen auf eine eher pflanzenbasierte vegetarische Ernährung, so Huppmann. Oder sich dort politisch zu engagieren und einzusetzen, wo man Einfluss habe, etwa in der eigenen Gemeinde oder einer Organisation, sagt Huppmann.
Kritik an Klimapolitik
Vor allem aber bedarf es politischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für die Transformation. Statt in Projekte wie Lobautunnel sollte vielmehr in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs investiert werden, meint der Klimaforscher. Generell gebe es in der Politik zwei große Hebel: Finanzielle Anreize wie Förderungen und Subventionen oder Ordnungspolitik mit Vorschriften wie einen fixen Ausstiegsplan für fossile Heizsysteme.
Bei beidem fordert Huppmann mehr Ambitionen der Regierung. Schließlich habe es gerade bei der Klimapolitik im Zuge der Budgetsanierung harte Einschnitte gegeben. Auch das im vergangenen Jahr von Totschnig angekündigte Klimagesetz sei immer noch ausständig: „Wir brauchen einen großen Rahmen, der die Ziele der Transformation festlegt. Und das kann nur ein übergreifendes, gesamtheitliches Klimagesetz liefern.“
Verhandlungen zu Klimagesetz „mit Nachdruck“ geführt
Zu diesem würden, so heißt es aus dem Umweltministerium gegenüber ORF.at, derzeit „mit Nachdruck“ Verhandlungen geführt werden. „Angesichts der Bedeutung des Klimaschutzes und der Anpassung an die Folgen des Klimawandels braucht es eine sorgfältige politische Abstimmung.“
Dennoch setze man bereits „konsequent konkrete Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsmaßnahmen“ um. Beispiele dafür seien die Sanierungsoffensive oder Biodiversitätsmaßnahmen in der Landwirtschaft.
Auch beim Thema Hitze investiere man gezielt in Maßnahmen, „die den Menschen konkret helfen – von der thermischen Sanierung, die Gebäude im Sommer kühler macht, über die Sicherung der Trinkwasserversorgung und die Renaturierung unserer Gewässer bis hin zur Unterstützung klimaresilienter Gemeinden“, so Totschnig gegenüber ORF.at. Auch will die Regierung Maßnahmen zum Hitzeschutz in Wohnungen und Schulen erleichtern – mehr dazu in Regierung will Maßnahmen erleichtern.
Anpassung neben Klimaschutzmaßnahmen
Unterdessen fordert Huppmann, was die Anpassung an den Klimawandel betrifft, etwa autofreie Innenstädte. Auch Parkplätze müssten begrünt werden. Anpassung alleine sei jedoch keine langfristige Lösung: „Bäume in der Stadt zu pflanzen ist eine super Idee. Aber wenn es in den Städten schon zu heiß ist, dass man die Bäume gar nicht mehr pflanzen kann, weil sie nach einem Jahr ohnehin sterben, dann hat man einen Anpassungskipppunkt überschritten.“
Ohnehin seien die Kipppunkte im Klimasystem, die Eiskörper, Ökosysteme und Strömungssysteme betreffen, die große Unbekannte. „Wir können es nicht einschätzen, wann das genau passieren wird.“ Klar sei aber: Jeder Kipppunkt nimmt Handlungsspielraum. Um das Risiko zu minimieren, müssten die Emissionen jetzt gesenkt werden.
„Sind nicht darauf vorbereitet, was in zehn Jahren ist“
Irgendwann, so ist sich Huppmann sicher, würden die Emissionen auf null runtergehen. „Die Frage ist, wie viel Schaden an unserer Infrastruktur und an unserer Gesellschaft sowie am sozialen Zusammenhalt haben wir bis dahin auf uns genommen, weil wir nicht rasch genug aus Öl und Gas und fossiler Infrastruktur weggekommen sind.“ Und weiter: „Wir sind auf den Zustand des jetzigen Klimasystems nicht vorbereitet. Und noch viel weniger sind wir darauf vorbereitet, was in fünf bis zehn Jahren kommen wird.“