Berlin Was über den Angriff auf den CSD bekannt ist
Eine Tote, mehrere Verletzte: Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin herrschen Trauer und Entsetzen. Die Polizei sucht einen Tatverdächtigen, der der islamistischen Szene zugerechnet wird. Noch sind viele Fragen offen.
Was ist passiert?
In der Nähe des Potsdamer Platzes ist am Samstag gegen 22 Uhr ein Fahrzeug am Tiergarten in eine Menschenmenge gefahren. Mindestens eine Frau ist dabei ums Leben gekommen, etliche weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Das Fahrzeug, ein weißer Kastenwagen, war nach Polizeiangaben vom Potsdamer Platz kommend in den Tiergarten und durch den Ahornsteig gefahren. Dabei soll der Fahrer Menschen an- oder umgefahren haben und dann mit einem Baum zusammengestoßen sein. Laut Polizei flohen der Fahrer und eventuell ein Beifahrer in unbekannte Richtung.
Nach Augenzeugenberichten soll, nachdem der Wagen zum Stillstand gekommen war, auch eine Stich- oder Hiebwaffe gegen Passanten eingesetzt worden sein. Die Polizei prüft dies: "Es ist Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab", sagte ein Polizeisprecher. Mutmaßlich habe es sich um eine Machete gehandelt, erklärte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Nachmittag bei einer Pressekonferenz.
Die Polizei fahndet nach einem Tatverdächtigen. Die genauen Hintergründe sind noch unklar.
Wie viele Opfer gibt es?
Bundesinnenminister Dobrindt sprach von einer Toten und 29 Verletzten - darunter Schwerverletzte. Laut Polizei sind alle Verletzten inzwischen außer Lebensgefahr. Ferner wurden nach Angaben der Feuerwehr 30 Menschen psychologisch betreut. Sie stünden unter dem Eindruck des Geschehens.
Die Berliner Polizei hat ein Hinweisportal und eine Personen-Auskunftsstelle eingerichtet für Personen, die Menschen vermissen. Die Rufnummer lautet: 030 / 84 85 44 60.
War die Tat ein terroristischer Anschlag?
Laut dem Bundesinnenminister handelte es sich bei Tat um einen "islamistischen Anschlag". Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte eine Übernahme der Ermittlungen durch den in Karlsruhe ansässigen Generalbundesanwalt an.
Der Generalbundesanwalt übernimmt Ermittlungen in der Regel nur bei schweren Straftaten, die sich gegen die innere oder äußere Sicherheit Deutschlands richten. Dazu zählen etwa Terrorismus oder Spionage.
Was ist über den Tatverdächtigen bekannt?
Die Ermittler fahnden öffentlich nach dem 21-jährigen Abdul B. Er sei noch nicht festgenommen worden. "Allerdings ist dieser Tatverdächtige polizeibekannt als Angehöriger des islamistischen Milieus hier in Berlin", so die Polizei. Laut Innenminister Dobrindt ist B. deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund. Er sei 2005 in Deutschland geboren, seine Mutter 2002 eingebürgert worden. Genaue Details zu einem möglichen Motiv haben die Ermittler bisher nicht bekannt gegeben.
Die Polizei Berlin warnte in einer im Onlinedienst X veröffentlichten Erklärung davor, den Verdächtigen anzusprechen, da er "möglicherweise bewaffnet und gefährlich" sei. Der Mann habe eine schlanke Statur, sei etwa 1,90 Meter groß und habe schwarze Haare.
Die Polizei hat dieses undatierte Foto von Abdul B. veröffentlicht.
Nach Informationen von NDR, WDR und SZ war Abdul B. als islamistischer "Gefährder" eingestuft. Sicherheitsbehörden schätzten ihn demnach als radikalisiert und gewaltbereit ein. Er soll versucht haben, nach Syrien auszureisen, um sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen. Demnach wurde er Ende 2025 bei einer Rückreise aus dem Libanon am Berliner Flughafen BER festgenommen. Laut Ermittlerkreisen soll er wegen des Verdachts auf Vorbereitung einer terroristischen Straftat bis Mai 2026 in Untersuchungshaft gesessen haben.
Innenminister Dobrindt sagte, der Verdächtige sei in der Vergangenheit durch "eine Vielzahl von Straftaten und Radikalisierung" aufgefallen. Er sei zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Gegen diese habe die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt.
B. erhielt laut Informationen von NDR, WDR und SZ die Auflage, an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen. Laut Ermittlerkreisen sei B. daraufhin teilweise observiert worden. Außerdem wurde demnach sein Telefon überwacht. Nachdem er ein Foto von einer Waffe in Sozialen Medien postete, habe es eine Durchsuchung bei ihm gegeben, die Waffe habe sich aber als Spielzeugwaffe herausgestellt.
Gibt es weitere Verdächtige?
Noch ist die Lage unübersichtlich. Es wird untersucht, ob sich zwei Menschen im Tatfahrzeug aufhielten.
Noch in der Nacht zum Sonntag soll es nach rbb-Informationen eine Festnahme gegeben haben. Dabei soll es sich um einen Mann mit iranischer Staatsbürgerschaft handeln. Die Polizei geht davon aus, dass er womöglich mit im Auto saß. Der Tagesspiegel berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass offenbar nicht nur der Airbag auf der Fahrer-, sondern auch auf der Beifahrerseite ausgelöst haben soll. In einigen Fahrzeugen lösen allerdings die Airbags aus, auch wenn niemand auf dem Beifahrersitz sitzt.
Holger Schmidt, ARD-Terrorismusexperte, zum Tatverdächtigen in Berlin
Gibt es einen Zusammenhang mit dem CSD?
Zur Tatzeit waren im Tiergarten und den umgebenden Straßen zahlreiche Menschen unterwegs, um den diesjährigen Christopher Street Day (CSD) zu feiern, der auf einem Festivalgelände in der Nähe stattfand. Ob es einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem CSD und der Tat gibt, ist noch nicht bekannt.
Bundesinnenminister Dobrindt und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner betonten, dass sich der Anschlag nicht auf dem eigentlichen CSD-Festivalgelände ereignet habe. Es sei davon auszugehen, dass sich der Verdächtige nicht in diesen Bereich hätte begeben können, sagte Dobrindt bei seinem Pressestatement mit Wegner.
Wegner sagte, die Strecke des CSD sei von der Polizei "abgesichert" und die Sicherheit insgesamt "hoch" gewesen. Laut Dobrindt traf die Tat Menschen, die sich entweder im Tiergarten aufhielten oder sich gerade zu dem nahegelegenen Festivalgelände oder davon wegbewegten.
Wie sind die Reaktionen auf die Tat?
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verurteilte die Tat. "Das ist ein Angriff auf unsere Gesellschaft", erklärte Merz am Morgen. "Hunderttausende Menschen aus aller Welt feierten friedlich beim Christopher Street Day. Sie wollten, dass wir gut und tolerant miteinander umgehen", so der Kanzler weiter. Die "abscheuliche Tat" werde aufgeklärt und mit aller Härte verfolgt, kündigte er an.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt teilte mit: "Diese feige, abscheuliche Attacke auf friedlich feiernde Menschen erschüttert mich zutiefst. Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und allen, die diese Tat miterleben mussten", so Dobrindt. "Wir werden alles daransetzen, diese schreckliche Tat und ihre Hintergründe schnell aufzuklären und zu ahnden."
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner erklärte: "Es ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft. Nach einem friedlichen und bunten CSD wurde die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert. Berlin ist die Stadt der Freiheit - und unsere Freiheit ist heute aufs Schrecklichste angegriffen worden."