Abschreckung und Deeskalation

Die deutsche Politik kennt nur die Sprache des Friedens

„Das wichtigste Ziel ist es, das blutige und voller falscher Mythen stehende Bewusstsein eines Teils der heutigen Ukrainer zu verändern. Das Ziel ist Frieden für zukünftige Generationen von Ukrainern und die Möglichkeit, ein offenes Eurasien aufzubauen – von Lissabon bis Wladiwostok“ (Dmitri Medwedew)

Die von Frankreichs Präsident Emmanuel Macrons auf einer Hilfekonferenz für die Ukraine am 26. Februar 2024 geäußerte und am 2. Mai 2024 bekräftigte nicht ganz private Meinung, er könne sich vorstellen, wenn es geboten und von der Ukraine gewünscht sei, auch Bodentruppen in die Ukraine zu schicken, wurde von Bundeskanzlers Olaf Scholz und anderen europäischen Politikern sofort kategorisch zurückgewiesen. Scholz verlautbarte am 28. Februar 2024 auf X: „Als deutscher Bundeskanzler werde ich keine Soldaten unserer Bundeswehr in die Ukraine entsenden. Die Nato ist – und wird – keine Kriegspartei. Dabei bleibt es.“ (Merkur, 3.4.2024) Schon die Anmaßung als Regierungschef eines Mitgliedsstaats für das ganze, in der Ukrainefrage zerstrittene Militärbündnis zu sprechen verweist darauf, dass es um höchste nationale Dinge ging, denen Höflichkeit und Diplomatie zu opfern seien. Der Kanzler sprach also vom Frieden, der gegen die Ukraine und sogar gegen den engsten Bündnispartner in der Nato und in der EU durchzusetzen sei. Als Frontmann einer notorisch friedensbewegten Partei, die schon in den späten 1950er Jahren zum Kampf gegen den Atomtod aufgerufen hatte, brauchte er nicht eigens darauf zu verweisen, dass Russland unmissverständlich mit dem Einsatz von Atomwaffen drohe1, um vor allem im eigenen Land als besonnener Staatsmann gewürdigt zu werden, dem das Wohl der Menschen in Europa und der Welt oberstes Anliegen sei. Nicht Vladimir Putin erscheint in dieser Logik als der Hasardeur, sondern der französische Präsident, der, um einiger Sympathiepunkte in der Heimat willen keine militärische Option ausschließen wolle, also den entgrenzten Krieg leichtfertig riskiere. Flugs kursierten in den sozialen Medien Memes, die Macron als Napoleon vor Moskau zeigten, die die tiefsitzende deutsche Sehnsucht nach dem antifranzösischen Bündnis mit Russland zum Ausdruck bringt, das konstitutiv für den deutschen Nationalismus ist.

Ende Februar 2024 zeichnete sich bereits ab, dass die Kriegslage in der Ostukraine sich zugunsten Russlands wendet und die bis dahin geleistete Militärhilfe nicht ausreichen würde, um eine Niederlage der Ukraine abzuwenden. Macron hatte auf dem Gipfel darauf bestanden, was als Konsens gilt, nämlich „einen russischen Sieg in der Ukraine zu verhindern“ was darauf hindeutet, dass den führenden europäischen Politikern klar ist, dass es um den eigenen Bündnispartner schlecht bestellt ist und dass es darum gehen müsse: „Alles tun, was nötig ist, damit Russland diesen Krieg nicht gewinnen kann.“ Denn andernfalls werde „die Glaubwürdigkeit Europas auf null sinken. Welche Glaubwürdigkeit hätte eine Macht wie die Europäische Union vor unseren Mitgliedern, die das zugelassen hat?“ Es würde keine Sicherheit mehr auf dem Kontinent geben, nicht für Frankreich und erst recht nicht für die Länder im Osten: „Glauben Sie, dass die Polen, die Litauer, die Esten, die Letten, die Rumänen, die Bulgaren eine Sekunde lang in Frieden leben können? Und ich spreche noch nicht einmal von Moldau, das zwar heute nicht in der Europäischen Union ist, aber in jeder Sekunde bedroht wäre.“ (FR, 16.3.2024) Die meisten Vertreter europäischer Regierungen, US-Präsident Joe Biden und selbst Regierungsvertreter Frankreichs distanzierten sich von Macron, ohne zu erläutern, welche alternativen Schlussfolgerungen gezogen werden sollten. Schließlich wissen alle, dass sich trotz enormer militärischer Unterstützung durch Waffenlieferungen, Geheimdienstinformationen und Ausbildung sich die militärische Situation für die Ukraine kontinuierlich verschlechtert und ein Wahlsieg Donald Trumps in den USA die Existenz des Landes existentiell bedrohen könnte.2

Wir alle hier im Westen müssen treu zu unserer Überzeugung stehen, daß der Friede in Europa nie vollständig sein kann, solange nicht überall in Europa die Menschen in Frieden und Freiheit darüber befinden können, wie ihre Länder regiert werden sollen, und – ohne Bedrohung irgendeines Nachbars – die Wiedervereinigung mit ihren Landsleuten erwählen können.
John F. Kennedy (1963).
(Bild von TravelScape auf Freepik)

Abschreckung einer Ideologie

Dem Krieg Russlands gegen die Ukraine liegen weder Gebietsansprüche der Ukraine an Russland noch eine angeblich existierende Bedrohungslage für Russland zugrunde. Selbst die sogenannte Nato-Osterweiterung kann nicht ernsthaft als Bedrohung für Russland interpretiert werden, weil es umgekehrt die russischen Hinterhofallüren waren und sind, die diese Staaten dazu bewegten, den Schutz der Nato zu suchen. Es geht vielmehr ganz einseitig um die Umsetzung von Expansionskonzepten des großrussischen Chauvinismus. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder konstatierte im Zusammenhang der Annektion der Krim „Putin möchte die Ukraine in seiner Eurasischen Union haben“3 und bezog sich dabei auf die Worte des russischen Alleinherrschers, der bereits 2012 eine zukünftige Eurasische Union als strategisches Ziel bekanntgegeben hatte. Sie sollte zunächst durch eine intensivierte, auch politische Integration der eigentlich nur auf wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit angelegten GUS entstehen. Weil die GUS-Staaten dem damit verbundenen Souveränitätsverzicht durchweg skeptisch oder ablehnend gegenüberstanden, lag schon damals das Problem der Durchsetzung offen auf dem Tisch. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner und der finnische EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn hatten bereits 2008 nach Russlands Krieg gegen Georgien davor gewarnt, dass die Krim das nächste Ziel Putins sein könnte.4 Die Logik der russischen Politik lässt sich in folgenden Zielen darstellen: Die Verhinderung der Westorientierung der Ukraine und anderer postsowjetischer Staaten, einer „Volksrevolution“ in Russland selbst entgegenzuwirken und den Status einer Großmacht durch die Sicherung und Erweiterung von Einflusszonen zu behaupten. Der deutsche Politikwissenschaftler Andreas Heinemann-Grüder, forderte daher schon 2014 eine fundamentale Neubestimmung der europäischen Politik gegenüber Russland. Um einen großen Krieg zu verhindern, müsse man „Russlands revanchistischer Außen- und Sicherheitspolitik Grenzen setzen und gleichzeitig verhindern, dass Russlands Bevölkerung und Eliten sich vom normativen Projekt des Westens dauerhaft abwenden.“5 Das geschah bekanntlich nicht. Ohne Einbindung der USA folgten die Krisengespräche zunächst im Normandie-Format, also unter exklusiver Beteiligung von Russland, Deutschland, Frankreich und der Ukraine. Französischer Präsident war damals der Sozialist Francois Hollande, der sich Angela Merkels Appeasement-Politik gegenüber Russland anschloss. Deutschland und Frankreich verkannten wieder besseren Wissens die Motive von Putins Politik, was dazu führte, dass in den Minsker Protokollen von 2014 die russische Annektion der Krim als gegeben hingenommen und die Insurrektionspolitik Russlands in der Ostukraine als Konflikt um die nationale Selbstbestimmung einer russischen Minderheit in der Ukraine kleingeredet wurde. Man ging darüber hinaus gegen jede Evidenz davon aus, dass die russische Aggressionspolitik von rationalen Motiven wie Sicherheitsinteressen Russlands angesichts der Nato-Osterweiterung geleitet sei. Die Vorspiegelung vermeintlicher in Verhandlungen auszugleichender Interessengegensätze waren der Antrieb der sich über Jahre hinziehenden Verhandlungen europäischer Akteure. Dabei wurde Russland seit dem Ende der Sowjetunion von keiner Nation bedroht, die unmittelbaren Nachbarstaaten Russlands haben keine Gebietsansprüche geltend gemacht, obwohl Staaten wie Finnland, Polen und Rumänien in der Folge des zweiten Weltkrieges größere Gebietsverluste an die Sowjetunion hinnehmen mussten. Auch leben auf russischem Territorium keine größeren Minderheiten von Polen, Finnen, Balten oder Ukrainern, für deren vermeintliche oder tatsächlichen Interessen diese Staaten einstehen wollten. Eine Entsprechung der putinschen Doktrin gegenüber der Ukraine und den baltischen Staaten, die nach dem Motto „Wir sind ein Volk“ verfährt oder einer „russischen Welt“ jenseits der Grenzen des russischen Staates proklamiert, gibt es in Osteuropa gegenüber Russland nicht.6

Ob der großrussische Chauvinismus die Folge einer von Russland zu verantwortenden Eskalation in der Ukraine und der Krim ist, oder ob er der darüber hinaus gehend Ausdruck eines Bestrebens ist, das vom zaristischen Russland über die sowjetische Periode bis in die nachsowjetische Gegenwart reicht, bedarf aktuell keiner Klärung. Der Wille, eine „Eurasische Union“ mit Russland als Zentrum und die anderen „Mitglieder“ beherrschende Macht zu etablieren, die im Westen die EU verdrängen oder schlucken soll und damit auch dem verhassten westlichen Gesellschaftsmodell ein Ende bereitet, kann in Wort und Tat als für die russische Politik handlungsleitend dokumentiert werden. Vielleicht sprach aus der Politik Putins zu Beginn der 2000er Jahre, als es um die Stabilisierung der politischen und ökonomischen Verhältnisse nach der desaströsen Jelzin-Periode ging noch ein Rest von Zweckrationalität. Spätestens seit der Annektion georgischer Gebiete während des Kaukasus-Krieges 2008 kann davon keine Rede mehr sein. Die Kampagne gegen die Ukraine seit 2014 und die sie begründenden Grundlagentexte Putins aus den Jahren 2020 und 2021 machen deutlich, dass das großrussische Konzept inzwischen ausgereift ist. Blieb 2008 immerhin ein besiegtes, schwaches und gedemütigtes Georgien mit Resten eigener Souveränität zurück, so wird die Existenz der Ukraine als souveräner Staat mit einem eigenständigen Nationalbewusstsein gänzlich in Abrede gestellt, eine Voraussetzung dafür, neue Ziele ins Visier zu nehmen.7

Fehlt eine dem Völkerrecht bzw. zwischenstaatlichen Vereinbarungen verpflichtete rationale Grundlage in der Politik eines Staates, oder ist diese alleine durch ideologische Vorgaben bestimmt, dann bleibt seinen Nachbarn militärische Abschreckung und Gegenwehr als einzige Option. Der Kreml, so Macron, habe in der Vergangenheit Zeichen der Stärke besser verstanden als Verständnis und Kompromisse. Ein unmittelbares militärisches Engagement Frankreichs könnte die letzte Möglichkeit Europas sein, eine Niederlage der Ukraine und eines größeren Krieg zu verhindern.8 Obwohl das was oft von westliche Politikern auf irgendwelchen Geberkonferenzen deklamiert wird auf der Hand liegt, bleiben die bis zum Ende zu denkenden Schlussfolgerungen unausgesprochen. Die Ukraine ist zu einem Schauplatz geworden auf dem die Zukunft Europas entschieden wird, denn der von Russland vorgetragene Krieg ist nicht nur zurück nach Europa gekommen, eine Zukunft ohne Kriegsdrohung gegen den Aggressor und im Zweifel eben des offenen Krieg gegen ihn, ist unausweislich, es sei dann, man unterwirft sich und gibt zunächst die Ukraine und dann weitere osteuropäische Bündnispartner preis. Das derzeitige Russland, dass den Einsatz aller mobilisierbaren materiellen, sozialen, ideologischen und politischen Ressourcen mit einem skrupellosen Behauptungswillen verbindet, kennt den Frieden nur als Versprechen um den Gegner zu lähmen. Und Russland kennt seine „Gegner“, allen voran Deutschland, die für ein bisschen Frieden zu jedem Verrat bereit sind sehr gut. Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire beschrieb die weltpolitische Situation vierundzwanzig Jahre nach dem faktischen Ende der Sowjetunion so: „Die Zeit der glücklichen Globalisierung (sei) vorbei“, an ihre Stelle sei eine „Globalisierung der Rivalitäten“ getreten (FAZ, 10.4.2024). Dem ist für die Zeit seit 1990 unbedingt zuzustimmen. Glücklich waren die Zeiten, als Extra-Profite im nicht mehr sozialistischen Neuland, das nunmehr aus offenen und ungeschützten Märkten bestand, gemacht werden konnten und die Verteidigungsetats nach dem Wegfall des Warschauer Pakt reduziert wurden. Seit die Nato sich in Richtung einer Unterabteilung der Vereinten Nationen entwickelt, nicht nur Russland, sondern vor allem China äußerst selbstbewusst sich Märkte und Staaten unterwerfen – zumeist noch ohne Krieg – und durch unfreundliche Akte wie den Einsatz von Spionageballons, Hacking im großen Stil und Anwerbung von Influencern, die auch einmal Spione sein können, alles ausreizt, was unterhalb der Schwelle zum Krieg möglich ist, agiert das von Deutschland angeführte alte westliche Europa fatalistisch, fügt sich in ein vermeintliches Schicksal und beschwört die ungeglaubte Gewissheit, dass die Dinge sich nicht wirklich ändern würden.

Auferstehung aus der Asche

Die Wahrnehmung des Ukraine-Krieges in Westeuropa und zunehmend auch in den USA zeugt nicht nur von mangelnder Einsicht, dass der Sturmabteilung der rivalisierenden Globalisierung nur durch die glaubwürdige Drohung mit kriegerischer Gegenwehr begegnet werden kann, sondern auch von einer Realitätsverweigerung und Geschichtsvergessenheit, die umso weiter um sich greift, je mehr sich Analogien vor allem mit den 1930er Jahren aufdrängen. Um das zu verdeutlichen soll eine historische Situation bemüht werden, die seit Jahrzehnten nur noch als unverzeihliches Hasard-Spiel der USA kritisiert wird, die in unverantwortlicher Weise die ganze Welt beinahe dem „Atomtod“ ausgesetzt hätten.

Im Jahr 1962, in der weltpolitisch gefährlichsten Situation seit 1938 ging es auch um eine „Globalisierung der Rivalitäten“, wenn auch mit an Anzahl und Potenz weniger Akteuren als heute. Damals konnte sich der amerikanische Präsident kein Weggucken leisten und scheute auch nicht den vergleichenden Blick auf die Geschichte. Der zentrale Satz in John F. Kennedys Rede9 anlässlich der Verhängung einer Seeblockade gegen Kuba im Jahr 1962 lautet: „Die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts haben uns eine deutliche Lehre erteilt: Aggressives Verhalten führt, wenn man ihm freien Lauf lässt und keinen Einhalt gebietet, letztlich zum Kriege.“

Hintergrund der sogenannten Kuba-Krise war die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden konnten. Dieser feindselige Akt ging zunächst auf eine Initiative der Sowjetunion zurück, um die USA nach deren gescheiterter Aktion in der Schweinebucht von weiteren Invasionsplänen gegen Kuba abzuschrecken. Da die Atomraketen das US-amerikanische Festland binnen einiger Minuten hätten erreichen können, stieß diese Maßnahme auf den energischen Widerstand der USA. Kennedy erklärte in seiner Rundfunkrede, dass die USA dieser Bedrohung mit allen erforderlichen Mitteln zu begegnen sei: „Wir wünschen keinen Krieg mit der Sowjetunion, denn wir sind ein friedliches Volk, das mit allen anderen Völkern in Frieden leben will. Es ist jedoch schwierig, diese Probleme in einer Atmosphäre der Einschüchterung zu regeln oder auch nur zu erörtern. Aus diesem Grunde muß und wird dieser jüngsten sowjetischen Drohung – oder jeder anderen Drohung, die entweder unabhängig von oder als Antwort auf unsere Maßnahmen in dieser Woche ausgesprochen wird – mit Entschlossenheit entgegengetreten werden. Jedem feindseligen Vorgehen irgendwo in der Welt gegen die Sicherheit und die Freiheit von Völkern, für die wir Verpflichtungen eingegangen sind – einschließlich insbesondere der tapferen Bevölkerung West-Berlins – wird mit allen erforderlichen Maßnahmen begegnet werden.“

Der Kalte Krieg wurde auf Seiten der USA und ihrer Verbündeten mit dem Ziel geführt, das sowjetische und zeitweise auch chinesische Expansionsbestreben das sowohl im Korea- als auch im Krieg in Vietnam10 zu Tage trat, einzudämmen und das eben auch mit kriegerischen Mitteln. Diese vordergründig imperiale Logik, folgte schon 1962 der keineswegs nur amerikanischen Einsicht, dass überall dort, wo sich sozialistische Regime etablierten, Terror gegen die nicht konformen Bevölkerungsschichten aber auch Zweifler im eigenen Lager die Regel war. Beginnend mit der in Jalta und Potsdam beschlossenen Auslieferung aller Osteuropäer an die Sowjetunion, fortgesetzt durch eine chinesische Revolution, die spätestens mit der Opferung von Millionen für einen schwachsinnigen Plan namens „großer Sprung nach vorn“ (1958 – 1962) nicht mehr diskutabel hätte sein dürfen, ein nordkoreanisches kommunistisches Regime, das bis heute als Monument der Barbarei zu gelten hat, aber auch mit der seit 1949 (Krawtschenko-Prozess in Paris) einsetzenden Ernüchterung der westeuropäischen Proletarier über den großen Bruder im Osten und schließlich dem Paukenschlag, den Chruschtschows Geheimrede von 1956 bedeutete, – der Staat gewordene Sozialismus oder Kommunismus galt nicht mehr als Versprechen, sondern erwies sich – was eigentlich schon seit dem 18. März 1921 hätte erkannt werden müssen – als Bedrohung.

In den Jahren 1961 und 1962 war es das rationale Motiv der Sowjetunion, durch Abschreckung die USA von weiteren militärischen Schritten gegen das gesellschaftliche Experiment in Kuba abzuschrecken, ein Ziel, das indirekt sogar durchgesetzt wurde: Es gab kein zweites Schweinebucht-Unternehmen mehr. Doch wochenlang war unklar, ob die kubanischen Hasardeure versuchten, Chruschtschow vor sich herzutreiben, oder ob dieser deren Todesverfallenheit als revolutionären Enthusiasmus verklärte und das treibende Element im Vabanquespiel war. Erst seit den 1990er Jahren sind die irrwitzigen Einlassungen der beiden charismatischen Führer der kubanischen Revolution bekannt, die die Welt an den Rand des Abgrundes führten. Das Konterfei des weitaus unberechenbareren von beiden, Ernesto Che Guevara, ist heute noch auf den T-Shirts bewegungsaffiner Menschen in Westeuropa zu sehen. Fidel Castro und Che Guevara verbanden mit dem Einsatz von Atomraketen und der mit ihnen verbundenen Zerstörungskraft, die chiliastische Vision eines Weltenbrands, der geeignet sei, die Weltrevolution zu verwirklichen. Für die Hasardeure der kubanischen Revolution war der drohende Massentod im Atomkrieg Ausdruck revolutionärer Unbedingtheit ohne Rücksicht auf Verluste: beide sehnten und schrieben den Dritten Weltkrieg mit seinen wohl in hunderten von Millionen zu zählenden Opfern in krankhaftem Überschwang herbei.

Fidel Castro schrieb 1962 an den damaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow: „Meiner Meinung nach darf man im Fall einer entfesselten Aggression dem Aggressor nicht das Privileg der Entscheidung zugestehen, überdies nicht, wenn es um den Einsatz der Nuklearwaffe geht. Die Zerstörungskraft dieser Waffe ist so stark und die Schnelligkeit der Abschußmittel ist so beschaffen, daß derjenige, welcher die Nuklearwaffe als erster einsetzt, von Anfang an einen beachtlichen Vorteil daraus ziehen kann. […] ich habe vorgeschlagen, daß, wenn der Imperialismus Kuba und die militärischen Kräfte der UdSSR, […] angreifen würde, […] daß man dann mit einem Schlag, der zu seiner Vernichtung fähig ist, antwortet.“ Im gleichen Brief verlautbarte er sich wie ein amerikanischer Sektenpriester im Namen seiner als Geiseln gehaltenen Gefolgschaft aus seiner von der Nationalgarde umstellten Zentrale: „Sie wissen vielleicht nicht, bis zu welchem Grade das kubanische Volk bereit war, seine Pflicht gegenüber dem Vaterland und der Menschheit zu erfüllen. […] wenige Male in der Geschichte, und ich könnte sogar sagen niemals, denn niemals hat sich irgendein Volk einer vergleichbaren Gefahr ausgesetzt, niemals war ein Volk bereit, mit einem derart universellen Pflichtgefühl zu kämpfen und zu sterben. Wir wußten, […] daß wir vernichtet worden wären […] falls der thermonukleare Krieg ausgebrochen wäre. Dies hat uns nicht dazu veranlaßt, […] zurückzuweichen.“11 Das und nicht Ronald Reagans Gefasel aus den 1980er Jahren ist mit dem Wort Armageddon, zu deutsch jüngstes Gericht, wirklich gemeint. In seinem revolutionären Fieberwahn unterschied sich Castro zum damaligen Zeitpunkt noch nicht von Che Guevara, der die Ideologie des Alles oder Nichts in schwüler Todessehnsucht so auf den Punkt brachte: „Es ist das fiebererregende Beispiel eines Volkes, das bereit ist, sich im Atomkrieg zu opfern, damit noch seine Asche als Zement diene für eine neue Gesellschaft, und das für einen Waffenstillstand nicht dankbar ist“, woraus folgt, „dass wir auf dem Weg der Befreiung bleiben müssen, selbst wenn er durch einen Atomkrieg Millionen Opfer kostet.“12

Die Einhegung des Schreckens

Die Metapher von der Asche griff Kennedy auf, um zu verdeutlichen, dass man in aller Entschlossenheit den Fanatikern der Unbedingtheit entgegentreten müsse. „Wir waren entschlossen, uns von unseren zentralen Anliegen nicht durch bloße Scharfmacher oder Fanatiker abbringen zu lassen. Aber nunmehr sind weitere Maßnahmen notwendig geworden – und sie sind angelaufen. Und diese Maßnahmen sind vielleicht nur der Anfang. Wir werden weder voreilig noch unnötigerweise die Folgen eines weltweiten Atomkrieges riskieren, bei dem selbst die Früchte des Sieges nur Asche auf unseren Lippen wären – aber wir werden auch niemals und zu keiner Zeit vor diesem Risiko zurückschrecken, wenn wir uns ihm stellen müssen.“13 Und er benannte in den folgenden Zeilen auch worum es geht und unterschied sich in der Klarheit seiner Formulierungen von fast allen14 Statements westeuropäischer Politiker angesichts der aktuellen Konfrontationspolitik des vom russischen Chauvinismus angetriebenen Regime Putins: „Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihren Standpunkt gegenüber dieser sowjetischen Bedrohung des Friedens sowie unsere eigenen Vorschläge für eine friedliche Welt zu jedem Zeitpunkt und vor jedem Forum – vor der Organisation der Amerikanischen Staaten, vor den Vereinten Nationen oder auf jeder anderen Konferenz, wo sich dies als nützlich erweisen könnte – darzulegen, ohne unsere Handlungsfreiheit einzuschränken. […] Es ist jedoch schwierig, diese Probleme in einer Atmosphäre der Einschüchterung zu regeln oder auch nur zu erörtern. Aus diesem Grunde muss und wird dieser jüngsten sowjetischen Drohung – oder jeder anderen Drohung, die entweder unabhängig von oder als Antwort auf unsere Maßnahmen in dieser Woche ausgesprochen wird – mit Entschlossenheit entgegengetreten werden. Jedem feindseligen Vorgehen irgendwo in der Welt gegen die Sicherheit und die Freiheit von Völkern, für die wir Verpflichtungen eingegangen sind. […] wird mit allen erforderlichen Maßnahmen begegnet werden. […] Meine Mitbürger, es soll niemand daran zweifeln, dass es ein schwieriges und gefährliches Bemühen ist, das wir begonnen haben. Niemand kann genau voraussehen, welchen Verlauf es nehmen oder welche Kosten und Verluste es mit sich bringen wird. Viele Monate an Opfern und Selbstdisziplin liegen vor uns – Monate, in denen sowohl unser Wille als auch unsere Geduld auf die Probe gestellt werden, Monate, in denen zahlreiche Drohungen und Anklagen uns unsere Gefahr vor Augen halten werden. Aber die größte aller Gefahren wäre, nichts zu tun. Der Kurs, den wir jetzt gewählt haben, ist voller Risiken wie alle Wege – aber es ist der Kurs, der unserem Charakter und unserem Mut als Nation sowie unseren Verpflichtungen überall in der Welt am meisten entspricht. Der Preis der Freiheit ist stets hoch – aber wir Amerikaner haben ihn immer entrichtet, und ein Weg, den wir niemals wählen werden, ist der Weg der Kapitulation oder der Unterwerfung. Unser Ziel ist nicht der Sieg der Macht, sondern die Aufrechterhaltung des Rechts – nicht Frieden auf Kosten der Freiheit, sondern beides: Frieden und Freiheit hier in unserer Hemisphäre und – wie wir hoffen – überall in der Welt.“

Die Stationierung von über 40.000 sowjetischen Soldaten mehrerer Abschussrampen für Atomraketen auf Kuba wurden zwar in größter Geheimhaltung vorangetrieben, doch konnte diese Aktivitäten schon wegen ihres schieren Umfang nicht unentdeckt bleiben, was die US-Seite mit regelmäßigen Aufklärungsflügen über der Insel auch demonstrierte. Während man über die Vorgänge am Boden und zu Wasser weitgehend im Bilde war, konnten Kennedy und seine Regierung nicht einschätzen, wie weit die andere Seite den Konflikt eskalieren würde und ob es dabei zu Differenzen zwischen den kubanischen Hasardeuren und Chruschtschow kommen würde. Schließlich führte der Abschuss eines amerikanischen U2-Aufklärungsflugzeuges, der die Verhandlungen zwischen den sowjetischen und US-amerikanischen Unterhändlern torpedierte, zum Höhepunkt der Kuba-Krise. Der Abschuss ging mutmaßlich nicht auf eine mit der Sowjetunion abgesprochenen Aktion kubanischer Kräfte zurück, sondern war wohl eine Provokation der kubanischen Heißsporne.15

Chruschtschow, einst Stalins willfähriger Scherge, entgegnete Castro in einem Brief, dessen bedachter Ton die beiden vollbärtigen Revolutions-Hippies, eigentlich für immer hätte desavouieren müssen. „In Ihrem Brief vom 27. Oktober haben Sie uns vorgeschlagen, als erste einen nuklearen Schlag gegen das Territorium des Feindes auszuführen. Sie wissen sicherlich, was das für uns zur Folge haben würde. Dies wäre nicht nur ein einfacher Schlag, sondern der Beginn des thermonuklearen Krieges. Wenn wir gegen den Imperialismus kämpfen, dann ist es nicht um zu sterben, sondern um alle unsere Möglichkeiten nutzbar zu machen, um in diesem Kampf so wenig wie irgend möglich zu verlieren, hernach um so mehr zu gewinnen und den Kommunismus triumphieren zu lassen.“ Deutlicher wurde Chruschtschow in einem Brief an den damaligen Generalsekretär der UNO Sithu U Thant: „Dies könnten nur Wahnsinnige oder Selbstmörder tun, die selbst zugrunde gehen und die ganze Welt zerstören wollen, bevor sie sterben. Wir aber wollen leben und auf keinen Fall unser Land zerstören.“ (eigene Übersetzung)16 In solchen Worten äußerte sich nicht nur die Restvernunft sowjetischer Politiker in den Zeiten des Kalten Kriegs, sondern vielleicht auch das bei Chruschtschow im Hinterstübchen dämmernde Wissen um die Idee vom Kommunismus als Idee von der Befreiung der Menschen als konkrete Wesen und nicht des Menschen als Abstraktum. Und so entsprachen diese Erklärungen auch dem, was Chruschtschow tatsächlich umtrieb, dass es nämlich nicht darum gehen könne, die Welt einer apokalyptischer Erlösungsideologie folgend in den Abgrund zu führen, um sie dann, von allem Schlechten gereinigt, herrlichen Zeiten entgegen zu führen.

Putin ist kein Kommunist und auch kein von schlechtem Gewissen geplagter Ex-Stalinist wie Chruschtschow, er hegt keine Idee von einer besseren Welt, die es um aller Menschen Willen anzustreben gelte. Grundlage seiner Politik ist der großrussische Chauvinismus. Dieser ist noch keine dezidierte Todesideologie, diese könnte aber sehr wohl vom Patriarchen Kyrill und seiner Kirche beigesteuert werden, denn diese sieht die russische Orthodoxie in einem „Heiligen Krieg“ gegen den Globalismus und Satanismus des Westens engagiert. (FAZ, 18.4.2024) Putin betreibt skrupellose Machtpolitik, die solange ihr nichts entgegengesetzt wird, sich selbst reproduziert. Es geht ihm dabei allerdings immer auch um die Abschaffung des Westens und die Zerstörung der EU und wenn ihm niemand in den Arm fällt, könnten seine imperialistische Praxis und die sie flankierende Ideologie apokalyptische Ausmaße annehmen. Macron hat das erkannt, als er ausführte, „wir haben unserem Vokabular, wenn ich das sagen darf, zu viele Grenzen gesetzt. […] Vor zwei Jahren haben wir gesagt, dass wir niemals Panzer schicken. Dann haben wir es getan. Vor zwei Jahren haben wir gesagt, dass wir niemals Mittelstreckenraketen schicken. Dann haben wir es getan. […] Wenn wir uns heute entscheiden, schwach zu sein, wenn wir angesichts von jemandem, der keine Grenzen kennt, angesichts von jemandem, der alle Grenzen überschritten hat, naiv sagen: ‚Ich gehe nicht weiter als dies oder jenes.‘ In diesem Moment entscheiden wir uns nicht für den Frieden. Wir entscheiden uns bereits für die Niederlage.“ (FR, 16.3.2024)

Unter den Bedingungen postbürgerlicher Zustände in denen das Individuum als Markt- und Rechtssubjekt immer weniger Bezugspunkt des bürgerlichen Staat ist, sondern Souveränität in einem Prozess der Entgrenzung supranationalen Strukturen übertragen wird, ist die Idee davon zunehmend abhanden gekommen, worauf sich Kennedy einst bezog. Kennedy, verteidigte die Prinzipien des Nationalstaats und mit ihnen die Interessen der bürgerlichen Subjekte als Vertreter amerikanischer Interessen und konnte deswegen auch im Weltmaßstab überzeugend agieren. In dem Maße wie der Nationalstaat mit seinen Grenzen preis gegeben wird, erweisen sich die pathetischen Versprechen europäischer Politiker, man werde den Verächtern des Individuums und der persönlichen Unversehrtheit widerstehen, als verlogen. „Wenn wir jeden Tag erklären, was unsere Grenzen gegenüber jemandem sind, der gar keine hat und diesen Krieg angezettelt hat, kann ich Ihnen schon sagen, dass der Geist der Niederlage sich einschleift“17 versicherte Macron. Ob der Rückgriff auf die revolutionäre Tradition seines Landes zu einer Wende in der französische Politik führen wird, die sich dann nicht nur dem Islam, sondern auch den Versuchen, eine imaginäre Natur gegen das bürgerliche Subjekt in Stellung zu bringen widersetzt, also antideutsch agiert, ist unwahrscheinlich. Und doch wäre ein solcher Politikwechsel zunächst in Frankreich, die Voraussetzung dafür, den direkten militärischen Angriff des per se antibürgerlichen Despotismus zurückzuschlagen, wie John F. Kennedy es 1962 in der Kuba-Krise getan hat.

(Zuerst erschienen in: Bahamas 94, Frühjahr 2024)

_________________________________________________________________________________________

John F. Kennedy, Rede in der Paulskirche, 25. Juni 1963. (KAS)

  1. „Wir sind bereit, Atomkraft einzusetzen, wenn unsere Souveränität bedroht ist. Wir werden keine roten Linien gegenüber denen haben, die sie nicht für uns haben.“ zit. n. Russland für Atomkrieg bereit: Putin prahlt mit Atomwaffen – „Keine roten Linien“, Frankfurter Rundschau, 14.3.2024. ↩︎
  2. Vgl: France: Troops in Ukraine? US: No., Politico, 27.2.2024. Sowie: Edward Luttwak, It’s time to send Nato troops to Ukraine After 75 years, the alliance is locked in the nuclear age, UnHerd, 4.4.2024. ↩︎
  3. Timothy Snyder: Fascism, Russia and Ukraine. The New York Times Review of Books, 19.2.2014. ↩︎
  4. Martin Malek: Moskaus Schlachtpläne, in: Osteuropa 64. Jg., 9-10/2014, S. 99. ↩︎
  5. Andreas Heinemann-Grüder: Politik als Krieg. Die Radikalisierung des Putinismus, in: Osteuropa 2014, S 79. ↩︎
  6. vgl., Kappeler: ob.cit, S. 73f und Wladislaw Inosemzew: Wer gehört zur „russischen Welt?“, Internationale Politik, 1.11.2014. ↩︎
  7. vgl. Andreas Kappeler: Revisionismus und Drohungen. Vladimir Putins Text zur Einheit von Russen und Ukrainern, in: Osteuropa 71, Jg., 7/2021, S. 67–76. ↩︎
  8. „Der Kreml hat in der Vergangenheit Zeichen der Stärke besser verstanden als Verständnis und Kompromisse. Ein militärisches Engagement Frankreichs wäre damit wohl die letzte Möglichkeit Europas, eine Niederlage der Ukraine und einen grösseren Krieg zu verhindern.“ zit.n.: Macron will französische Bodentruppen in die Ukraine schicken: Was wäre zu erwarten, falls den grossen Worten Taten folgten? NZZ, 25.3.2024. ↩︎
  9. Rundfunk- und Fernsehansprache von John F. Kennedy über die Kuba-Krise (22. Oktober 1962). ↩︎
  10. Beide Kriege wurden von massiven gesellschaftlichen Konflikten und den Folgen der Kolonialherrschaft Japans und Frankreichs überlagert. Diese hier auszuführen ist nicht der Raum. ↩︎
  11. Der Briefwechsel zwischen Castro und Chruschtschow aus dem die folgenden Passagen zitiert werden, wurde 1990 dem französischen Publizisten Jean-Edern Hallier übergeben, der dann in Le Monde veröffentlicht wurde. Ingo Juchler: Revolutionäre Hybris und Kriegsgefahr: Die Kuba-Krise von 1962, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 41 (1993) Heft 1, S. 79–100. ↩︎
  12. Zitiert nach Juchler: ob.cit., S. 97 und Frank Niess: Ernesto Che Guevara, in: Populisten, Revolutionäre, Staatsmänner, Politiker in Lateinamerika, (Hg,.) N. Werz, Frankfurt, 2010, S. 333. ↩︎
  13. Rundfunk- und Fernsehansprache von John F. Kennedy, ob.cit. ↩︎
  14. Polnische, tschechische und Politikerinnen und Politiker der baltischen Staaten seien als die Ausnahme in der Regel an dieser Stelle erwähnt. ↩︎
  15. vgl., Juchler: S. 87f. ↩︎
  16. zit. n. Juchler: S. 82, S. 94. ↩︎
  17. „Wenn Putin hustet, sucht Scholz nach einem Bunker“ – Unverständnis in Frankreich wächst, Merkur.de, 10.03.2024. ↩︎

Vor 100 Jahren: Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck

  1. Sally Kaufmann Redakteur und Herausgeber
  2. Die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck
  3. Die Auseinandersetzungen zwischen Zionisten und dem Zentralverein
  4. Das Augenmerk auf Palästina
  5. Die Jüdische Wochenzeitung an der Seite der Weimarer Republik
  6. Trotzki und Mussolini – Zwei Beispiele über die Bandbreite der Diskussionen in der Jüdischen Wochenzeitung
  7. Der Nationalsozialismus und die Jüdische Wochenzeitung
  8. Auswanderung

Am 4. April 1924 erschien in Kassel das erste Mal die Jüdische Wochenzeitung.1 Sie wurde zunächst als Mitteilungsblatt im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Kassel von Sally Kaufmann herausgegeben. Zusammen mit dem Kasseler Rechtsanwalt Julius Dalberg2 war er außerdem Chefredakteur dieser Zeitung, die sich durch ihre Nähe zur Weimarer Republik auszeichnete und in der nicht nur heimische Autoren, wie zum Beispiel Rudolph Hallo3 und Ludwig Horwitz4, Artikel zur lokalen Geschichte der jüdischen Gemeinde, sondern auch landesweit prominente Autoren wie Arnold Zweig, Theodor Lessing und Max Brod inhaltlich anspruchsvolle Artikel veröffentlichten.5

Die erste Ausgabe der Jüdischen Wochenzeitung. Der Untertitel „für Cassel, Hessen und Waldeck“ fehlt wie der Name Sally Kaufmanns als Herausgeber noch.

1. Sally Kaufmann Redakteur und Herausgeber

Sally Kaufmann wurde am 26.02.1890 als Sohn des jüdischen Lehrers Markus Kaufmann und dessen zweiten Ehefrau Betty in dem Ort Ungedanken (Schwalm Eder Kreis) geboren.6 Kaufmann wollte wie sein Vater Lehrer werden. Weil sein Vater Markus 1891 starb begann Sally aus wirtschaftlichen Gründen jedoch 1907 eine kaufmännische Lehre, die er 1910 abschloss. Während des Ersten Weltkrieges diente Kaufmann von 1915 bis 1916 dem Deutschen Heer. An der Somme wurde er 1916 schwer verwundet. Bis 1918 wurde er wegen seiner schweren Verwundung in verschiedenen Lazaretten behandelt und als schwer Kriegsversehrter entlassen.

Nach den Lazarettaufenthalten besuchte Kaufmann die Abendschule, engagierte sich zunächst ehrenamtlich in der Kriegsblindenfürsorge und war als Geschäftsführer des Glas- und Porzellangeschäfts M. Bähr in Kassel tätig. 1921 heiratete er Helene Kaufmann. 1922 wurde Martin (gest. 2018), 1924 Benno ( gest. 2017) und 1931 Micha (gest. 2006) geboren. 1921 machte Kaufmann sich mit der Gründung eines Lebensmittelladens in der Kasseler Innenstadt selbstständig, den er zusammen mit seiner Ehefrau führte. Kaufmann war seit 1924 Vorstandsmitglied der Kasseler Gruppe des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF)7 und aktiv in der Kasseler Zionistischen Gruppe8, der er ebenfalls zeitweise als Vorstandsmitglied angehörte. Auch im Elternbeirat der Israelitischen Volksschule Kassel war Kaufmann aktiv.

1924 gründete er im Auftrag der Jüdischen Gemeinde die Jüdische Wochenzeitung für die seine Frau Helene von Beginn an als bezahlte Arbeitskraft mitarbeitete. Als Herausgeber und Redakteur erhielt er zunächst ein Gehalt von der Jüdischen Gemeinde Kassels in Höhe von 250 Mark im Monat. 1926 gründete Kaufmann dann einen eigenen Verlag über den die Wochenzeitung herausgebracht wurde. Kaufmann gab später auch in Hannover, Braunschweig, Bremen, Chemnitz, Dortmund, Elberfeld, Duisburg und Düsseldorf Zeitungen ähnlichen Formats heraus. In den jeweiligen Städten wurde ein Redakteur beschäftigt. Das Betriebsvermögen seines Verlages schätzte Kaufmann in einer Mitteilung an die Entschädigungsbehörde 1954 auf 20.000 Reichsmark.9 Ende der Zwanziger Jahre war Kaufmann nicht nur Verleger der Zeitungen in verschiedenen Städten, sondern organisierte auch Lesungen und Kulturabende in Kassel, zum Beispiel mit dem damals sehr prominenten Vortragkünstler Ludwig Hardt.10

Die Tätigkeit als Verleger und Herausgeber trugen zu Wohlstand und gesellschaftlicher Reputation der Kaufmanns bei. Ende 1927 konnten sie sich in der Kölnischen Straße 77 ein Haus kaufen, in welchem sie ab 1931 eine großzügige und modern eingerichtete Wohnung bewohnten. Es handelte sich um eine 5 ½ Zimmerwohnung in der sich dann auch das Büro für die Jüdische Wochenzeitung befand. Seine Wohnung bestand aus einem holzvertäfelten Herrenzimmer, einem ebenfalls holzvertäfelten kombinierten Ess-und Wohnzimmer, einem Buffet, einem Schlafzimmer und einem Bad, einem Kinderzimmer, einem Gästezimmer und einem Zimmer für das Hausmädchen. Die Küche galt für damalige Verhältnisse mit 16 qm als besonders groß und war, so Kaufmann, modern ausgerüstet. Kaufmann erwähnte 1955 in einem Schreiben an das Regierungspräsidium Kassel, dass sich in der Wohnung u.a. eine Original-Radierung von Hermann Struck11 als auch eine wertvolle Bibliothek befanden.12 Das ehemalige Hausmädchen Katharina Kamman berichtete, dass die Kaufmanns häufig und viel Besuch empfingen und das Kaufmann auch einen Lehrling beschäftigte.13

2. Die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck

In der im April 1924 erschienen ersten Ausgabe der Jüdischen Wochenzeitung fehlte noch der Zusatz „für Cassel, Hessen und Waldeck“. Auch die Angabe, dass Sally Kaufmann Herausgeber der Zeitung war, fehlte noch in den ersten Ausgaben.

Dr. Josef Prager14 schrieb den Leitartikel der ersten Ausgabe. Dort stellte er das Projekt vor und schrieb über die Ausrichtung der Zeitung wie folgt:

[…] in der Zeit des Aufbaus wollen auch wir daran gehen, den Ausbau des Alten und den Aufbau des Neuen mit aller Kraft vorzunehmen. […] jetzt […] finden sich alle diejenigen zusammen, die, unbeschadet ihrer verschiedenen Grundeinstellung, in dem Ziel einig sind, dem Judentum zu dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit einzutreten, und an der Verbreitung jüdischen Wissens, der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitzuarbeiten.

Jede Ausgabe war mit einem Leitartikel versehen, der oft von überregional bekannten Autoren verfasst wurde. Aber auch wichtige regionale Themen oder Autoren aus Kassel fanden auf der ersten Seite ihren Platz. Dann folgten auf der zweiten und dritten Seite kürzer gehaltene Themenartikel, Abhandlungen und Aufrufe. Auf den dann folgenden Seiten fand man unter der Überschrift „Jüdische Nachrichten“ die überregional wichtigen Ereignisse und in der Rubrik „Aus dem Gemeindebezirk Kassel“ die regionalen Ereignisse wie runde Geburtstage, Geburts-, Heirats-, Verlobungs- und Sterbemeldungen, Veranstaltungshinweise und -berichte oder kurze Berichte über regionale Ereignisse. Mehrere Seiten mit Werbeanzeigen und ein Fortsetzungsroman folgten auf den letzten Seiten.

Hier ist die Ausgabe Nr. 10 des 4. Jahrgangs zu sehen, für die der Mitredakteur Dr. Julius Dalberg einen Artikel zum Anlass des Volkstrauertages veröffentlichte. Anschaulich schildert er zunächst das Leid der zu hunderttausenden in den masurischen Sümpfen um ihr Leben ringenden russischen Soldaten in der Schlacht zu Tannenberg. Vor dem Hintergrund, dass diese Schlacht zum Heldenmythos des angeblich im Felde unbesiegten deutschen Heeres und des General Hindenburg beitrug, dürften allein diese Zeilen von den Zeitgenossen als Skandal betrachtet worden sein. Es folgen Zeilen über das Leid der Soldaten im Lazarett und Dalberg erteilt dem Militarismus eine klare Absage. Dass Dalberg als Jude und Kriegsteilnehmer sich über das Maulheldentum der in sicherer Entfernung zum Gemetzel schwadronierenden Stammtischstrategen mit feiner Ironie lustig machte, dürfte ebenfalls für Viele als pure Provokation gegolten haben.

Und während wir dies alles erlebten, standen daheim die Heimkrieger – ebenso gute und vielleicht bessere Menschen als wir – und feierten den „herrlichen“ Krieg und unsere „herrlichen“ Siege bei Predigt und Gebet. […] Und wir, die dabei waren, wissen doch, wie lächerlich er manchmal war, der Heldentod. Der Held bekam aus Furcht den Herzschlag und der bekam ihm bewußtlos im Rausche des ihm zugeteilten Alkohols, und den Dritten infizierten die Läuse mit Typhusbazillen, von noch lächerlichen Fällen ganz zu schweigen. […] Weil noch die Ansicht derer, die den Krieg als den Vater aller Dinge betrachteten, die herrschende ist, die friedliche Arbeit sei nur die Mutter der Dinge. […] Demgegenüber stehen die anderen, die vom Vernunftstandpunkte den ewigen Frieden für das größte Glück der Menschheit erklären, […] Das starke Volk von heute sei selbst infolge ruhmreicher Kriege das dekadente von morgen, weil die Besten gefallen und die wertlosen Volksglieder übriggeblieben.

Ein Pazifist war das Mitglied des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Dalberg trotzdem nicht. Er bezeugte den Pazifisten gegenüber zwar seinen Respekt, weil sie „das Werk der Wühler und Hetzer erschweren, Kriege hier und da hinausschieben und die Menschen immer wieder auf die Greuel des Krieges hinweisen“, um ihnen dann doch eine klare Absage zu erteilen, weil sie „das Wesen der Menschennatur verkennend, die Menschen verhinderten, an sich selbst zur ethischen Vollendung zu arbeiten. […]“ Seine ausführliche Auseinandersetzung über die Idee vom ewigen Frieden und dem Militarismus endet mit einer mit Blick auf die Geschichte Israels fast prophetisch anmutenden Reflektion über Ethik im Judentum.

Das Judentum steht also nicht ganz auf dem Standpunkt des ewigen Friedens, denn die Menschen sind noch nicht reif. Aber es sieht den Krieg als Unglück an, als Fluch, der sich aus dem unethischen Verhalten der Menschen ergibt. [….] Solange in der Menschheit noch der Geist Amaleks15 herrscht, muß Krieg geführt werden. Aber er schafft weder Freude noch Glück.

3. Die Auseinandersetzungen zwischen Zionisten und dem Zentralverein

Was jedoch, wie es Prager in der ersten Ausgabe einforderte, dem Judentum am besten dient und in seinem Interesse sei, genau hierüber entbrannte sehr bald ein heftiger Streit auch in Kassel. Die Zeitung sollte laut Prager zwar „keiner Partei dienstbar sein“, sondern „alle Fragen behandeln, und alle Nachrichten vermitteln, die zu kennen für die Juden jeglicher Partei wichtig sind.“ Mit dem Auftreten des organisierten Zionismus setzte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung zwischen der zionistisch orientierten Jüdischen Volkspartei16 und der liberal orientierten Mehrheit des Zentralvereins ein. Vor dem ersten Weltkrieg waren die zionistischen Gruppen noch eine kleine Minderheit unter den Vertretern der jüdischen Gemeinden. Das änderte sich nach der Balfour-Erklärung. Schon 1920 konnte die Jüdische Volkspartei und die linksorientierten Zionisten der Poale Zion über 37 % der Stimmen zur Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde erzielen.17 In den Anfang 1925 zur Wahl zum 1922 gegründeten Preußischem Landesverband jüdischer Gemeinden erschienen Beilagen der Zionistischen Ortsgruppe Kassel und des Zentralvereins wurde der Streit zwischen beiden Fraktionen auch in Kassel mit harten Bandagen geführt. Man sparte nicht mit Verweisen dem Gegner antisemitischen Jargon vorzuwerfen oder völkische Ideologie zu verbreiten. Es war die Wahl, in der die bis dahin dominierende liberale Fraktion unter den Gemeindevertretern des Preußischen Landesverbandes die Mehrheit verloren.

In den Beilagen der Jüdischen Wochenzeitung anlässlich der Wahl zum Preußischem Landesverband jüdischer Gemeinden sparte man nicht an Polemik

In der am 23. Januar in der Jüdischen Wochenzeitung erschienenen Beilage der Ausgabe Nr. 2 des Zentralvereins hieß es:

Die Gesamtarbeit des Central-Vereins, die von den Gedanken der Leitworte unseres seligen Führers Eugen Fuchs18: „Vermählung zwischen Deutschtum und Judentum“ getragen ist, fordert von uns allen eine Stärkung und Kräftigung der jüdischen Gemeinden als Religionsgemeinde. Das bedeutet eine nachdrückliche und scharfe Ablehnung des Begriffs der Volksgemeinde. Die Schaffung dieser Volksgemeinden erstreben die Jüdisch-Nationalen. Volksgemeinden statt Religionsgemeinden schaffen, heißt anerkennen, daß wir zum deutschen Volk nicht gehören, bedeutet unsere heiligen religiösen Angelegenheiten mit politischen verquicken. Wir fühlen uns nicht als „Gäste im Wirtsvolk“, sondern als Angehörige des deutschen Volkes und sehen unsere Heimat im deutschen Boden.

Die Zionistische Ortsgruppe Cassel, die zur Wahl der Jüdischen Volkspartei aufrief, konterte in der am 23. Januar 1925 von Kasseler Rechtsanwalt Willy Weisbecker19 herausgegebenen Nr. 2 der Mitteilungen der Zionistischen Ortsgruppe Beilage scharf:

Die Schlagwort von der „nationalen Autonomie“ und der „Volksgemeinde“ sind unversehens im Wahlkampfe aufgetaucht. Seit vielen Wochen verbreitet der Centralverein systematisch die Behauptung, daß die Zionisten eine „nationale Autonomie“ wollen, und daß die Volksgemeinde ein „Staat im Staate“ sei, der unsere staatsbürgerliche Stellung in Deutschland gefährde. Es scheint, daß diese Behauptungen für den Centralverein ebenso unentbehrliche Kampfesrequisiten sind wie etwa die Märchen von der „jüdischen Weltherrschaft“ und von den „Wesen von Zion“ für die edlen Ritter vom Hakenkreuz.

Für Deutschland haben wir Zionisten niemals eine nationale Autonomie verlangt. Niemals hat ein zionistischer Delegiertentag oder die Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland oder sonst eine verantwortliche zionistische Stelle eine derartige Forderung erhoben. Wir lehnen vielmehr eine solche Forderung für Deutschland ausdrücklich ab. Wenn unsere Gegner uns gleichwohl beharrlich unterstellen, daß wir die nationale Autonomie der Juden in Deutschland fordern, so handeln sie wider besseres Wissen.

Im redaktionellen Teil der Jüdischen Wochenzeitung wurde über die zionistischen Kongresse auch von Sally Kaufmann selbst berichtet. Am 21. August 1925 erschien ein von Sally Kaufmann selbst verfasster Bericht über den 14. Zionistenkongress in Wien. Dieser Bericht drückte seine Verbundenheit zur Zionistischen Bewegung deutlich aus.

Aus den Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten, von denen dieser Kongreß ein klares und umfassendes Bild gibt, sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und für sein schöpferisches Leben in der Zukunft.

Am 8. Mai 1925 veröffentliche die Wochenzeitung den Beitrag „Meine Stellung zum jüdischen Nationalismus“ des dänischen Literaturkritikers, Philosophen und Schriftstellers Georg Brandes20, der anlässlich seines 85. Geburtstages im Februar 1927 noch mal in gekürzter Form als Leitartikel unter dem Titel „Meine Stellung zum Judentum“ erschien. In dieser Abhandlung erläutert Brandes exemplarisch die Hinwendung eines auch der jüdischen Religion kritisch gegenüber eingestellten Juden zum Zionismus. Grundlage dieses Hinwendung ist die Erfahrung, dass trotz Assimilation, Integration und Identifikation mit der Nation der Jude in der Wahrnehmung der Antisemiten nur ein Jude blieb.

Georg Brandes 1925 zum ersten Mal veröffentlichte Abhandlung über seine Haltung zum Judentum und zum Zionismus erschien nach zwei Jahren nochmals als Leitartikel

Ich betrachtete das Judentum von meinem fünfzehnten bis zu meinem 60. Lebensjahr lediglich als eine Religion. Die Juden in Westeuropa, die dänisch, französisch, englisch oder deutsch sprechen, haben sich in der Regel, seit sie dieselben Rechte wie die übrigen Einwohner der betr. Länder erhalten haben, selbst als reine Dänen, Franzosen, Engländer und Deutsche gefühlt. Auch wenn sie religiöse Überzeugungen hegten, blieb ihre nationale Stellung davon unberührt. Meine Weltanschauung stammte von Spinoza – und dieser war nicht nur von Christen verachtet, sondern auch aus der Synagoge ausgeschlossen worden.

So kam es, daß ich mich nur dann als Jude fühlte, wenn diese Beiwort in schmähender Form angewandt wurde, und dies geschah vom ersten Tage meiner öffentlichen Laufbahn an. Daher war es mir unmöglich, zu vergessen, daß ich Jude war, oder […] daß ich weder daheim noch im Auslande als vollwertiger Däne angesehen wurde. […] Bis ich 24 Jahre alt war, sprach ich niemals eine andere Sprache als Dänisch, und noch heute kann ich kein Wort hebräisch sprechen. Ich wuchs in einem dänisch-nationalen Milieu auf.

Diese Gedanken aber haben mich niemals davon abgehalten, zu versuchen, mein Äußerstes zu tun, um mich an die öffentliche Meinung zu wenden, sobald die Juden verfolgt wurden. Vor ungefähr 40 Jahren erhob ich die Stimme zugunsten der russischen und verschiedene Male danach zugunsten der rumänischen Juden. Ich war der erste Nichtfranzose, der für Alfred Dreifus Unschuld kämpfte.

In den letzten Jahren hat meine Ansicht über die jüdische Frage eine starke Veränderung durchgemacht.

Der Antisemitismus ist überall zu enormen Proportionen angeschwollen. In allen Ländern gibt man dem Juden zu verstehen, daß man ihn nicht als richtigen Eingeborenen betrachtet. Die Antwort hierauf, die am nächsten liegt, ist die Gründung eines eigenen Landes.

[…] obwohl das Judentum keine religiöse Renaissance erlebt hat, [hat] sich ein gewaltiger nationaler Enthusiasmus der Juden bemächtigt. Diese Bewegung hat, obgleich ich durch und durch Kosmopolit bin, all meine Sympathie.

Seit man sich über Palästina als Ziel der jüdischen Kolonisation einig geworden ist, […] scheint mir die Zukunft des Zionismus gesichert.

Den Juden soll die Gelegenheit gegeben werden, ein Zentrum in Palästina zu schaffen. In absehbarer Zeit wird zwar das jüdische Gemeinwesen dort viel zu schwach sein, […] aber dieser Einfluß wird täglich wachsen.

Und es ist außer aller Frage, daß die Kolonisation in Palästina eine ungeheure moralische Stütze für alle Juden in der Welt wird.

Die Jüdische Wochenzeitung präsentierte sich als die Zeitung der Zionisten, ließ aber auch Diskussionsbeiträge ihrer Gegner und Kritiker zu Wort kommen. In einem Leitartikel, der am 4. Dezember 1925 erschien, griff Dr. Max Meyer21 die Argumentation des in der Jüdischen Wochenzeitung mit einigen Artikeln vertretenen und später berühmt gewordenen Leo Strauß22 auf und wies die Verwendung des Schlagworts vom „Assimilanten“, das die Zionisten in polemischer Absicht gegen ihre Gegner verwendeten, zurück, um dann auf die Frage der Assimilation genauer einzugehen.

Gerade das Zerrbild des „Assimilanten, das demagogisch, wie Strauß selbst zugeben muß, als Normaltyp des mit deutscher Kultur verwurzelten Juden von zionistischer Seite vielfach hingestellt wird, ist der Beweis dafür, daß die Assimilation allein aus dem Willen heraus unmöglich ist, und daß gerade die Menschen, die sich um jeden Preis assimilieren wollen, in ihrem ganzen Auftreten zeigen, wie wenig sie die Eierschalen des Ghettos abgestreift haben. Nur die Assimilation, die den Menschen ergreift, macht die Werte, die sie vermittelt, zu organischen Bestandteilen des menschlichen Seins. Wir werden assimiliert, ob wir wollen oder nicht, und auch der radikalste in Deutschland lebende Zionist kann sich dieser Assimilation nicht entziehen. […] Heute ist der religiöse Liberalismus eine Bewegung die, ohne nach außen zu schielen, ganz unbewußt den „durch Generationen ererbten Anlagen und Neigungen“ des deutschen Juden, die aus jüdischem und deutschen Erbgut stammen, Rechnung trägt. Nicht um eine Emanzipation vom Judentum, um deutsch zu sein, handelt es sich beim religiösen Liberalismus, sondern um eine Emanzipation von allem nicht mehr als dem Judentum wesenszugehörig empfundenen, um jüdisch-religiös zu sein. Diese Art der Erneuerung des Judentums aus den seelischen Grundkräften des jüdischen Menschen heraus fand und findet sich aber nicht bloß in Deutschland.

Mayer schließt mit der Empfehlung an die Zionisten, dass auch der Zionismus gut daran täte, die religiöse-liberale Bewegung nicht mehr wie bisher mit Schlagworten abzutun, sondern dem Gedanken einer religiösen Erneuerung des Judentums seine Stätte auch im Palästinaaufbauwerk zu gönnen [?].

4. Das Augenmerk auf Palästina

Breiten Raum nahm die Entwicklung des Jishuv in Palästina und die Auseinandersetzungen mit den Arabern ein. In jedem Jahrgang der Zeitung wurde in zahllosen Artikeln die Entwicklung der jüdischen Einwanderung, das Leben der dort lebenden Juden und über die Konflikte mit der arabischen Bevölkerung berichtet. Schon 1924 wurde die Frage diskutiert, wie die arabische Position zur jüdischen Einwanderung einzuschätzen sei.

Zunächst sei hier auf einen am 14. April 1924 erschienenen Artikel Lamer Saabs23 verwiesen, der auf die Möglichkeit der Verständigung mit der arabischen Bevölkerung verwies, deren Grundlage er in dem durch die jüdische Einwanderung ausgelösten wirtschaftlichen Aufschwung sah.

Palästina zeigt noch manche Reste aus der Zeit des Feudalismus. Einige wenige Familien beherrschen die Ländereien, Personen und Meinungen der Dorfbewohner, die eine große Mehrheit in der Bevölkerung bilden. Die meisten Fellachen sind von diesen Familien in irgend einer Weise abhängig. Die Juden werden nicht von der ganzen arabischen Bevölkerung bekämpft, sondern von den oben erwähnten Familien, der sogenannten „Effendiklasse“. Diese Herren sind den Massen der Araber ebenso verhaßt, wie die türkische Herrschaft vor dem Kriege. Die arabische Bevölkerung besteht in politischem Sinne hauptsächlich aus Fellachen und Beduinen. Der Fellache ist ein froher, hart arbeitender, ehrlicher, friedliebender und religiöser Bürger. Nicht zu verwechseln mit den ins Land eingewanderten Mughrebis, Marokkanern und Afghanen, meistens aus ihrer Heimat eingewandertes Mord- und Diebesgesindel, die in den Orangegärten (sic!) Wächterdienste tun. Der arabische Fellach nimmt weniger oder gar kein Interesse an der Politik seiner Gegend. Er kümmert sich mehr um seine persönlichen, häuslichen Angelegenheiten. Er ist für eine sichere Regierung und nicht gegen das Fortschreiten der Juden. Die Juden wissen auch, daß ihr Fortschreiten allein möglich ist im friedlichen Einhergehen mit den Arabern. Daher sollten Araber und Juden einträchtig einen politischen Körper bilden. […] Die Juden bringen Palästina großen Nutzen, die Araber brauchen ihre Hilfe und ihr Kapital. Der große Einfluß, den die zionistische Bewegung auf das wirtschaftliche und politische Aufblühen Palästina hat, sowie der Nutzen, den die Araber aus der landwirtschaftlichen Tätigkeit der Juden ziehen, sind wichtige Tatsachen. Dieser günstige Einfluß macht sich schon hier und da in den arabischen Dörfern bemerkbar.

Der seit 1922 in Palästina lebende Korrespondent der Vossischen Zeitung und Vertreter des revisionistischen Zionismus Dr. Wolfgang (von) Weisl24 schätzte in einem am 5. September 1924 erschienen Artikel, dass die Mehrheit der arabischen Positionen, für ein starres „Nein“ zur Frage der Verständigung mit den jüdischen Einwanderern stand.

[…] die Ueberzeugung, daß es England mit der ganzen Balfour-Deklaration nicht ernst sei, und daß es nur nach einem Vorwand suche, um sich seiner Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Volke zu entledigen […] führte folgerichtig zu der Taktik der Noncooperation, die bis in die allerletzte Zeit beibehalten worden ist. Vom November 1918 an, wo der von der Regierung ernannte (mohammedanische) Bürgermeister des (jüdischen) Jerusalem gegen die Zulassung der jüdischen Einwanderung nach Palästina protestierte, führte über die großen Pogrome der Jahre 1920 und 1921 bis zu der Ablehnung der englischen Angebote einer Arab Agency (arabische Vertretung als Gegenstück zu der Jewish Agency) die gleiche Linie, die wir in Aegypten und Mesopotamien finden: die Politik des starren „Nein“ der Araber.

Dieses starre „Nein“ blieb bis in die siebziger Jahre die maßgebliche Linie der arabischen Staaten gegenüber Israel. Als Israel infolge des 6-Tage-Krieges den arabischen Nachbarstaaten Verhandlungen auf der Grundlage Land für Frieden anbot, antworteten dies mit dem Diktum des „Drei Nein“, das in Khartum formuliert wurde und erst durch die Friedensverhandlungen Ägyptens mit Israel nach dem Yom-Kippur-Krieg durchbrochen wurde.25

Wären die Araber wirklich einheitlich gesinnt gewesen, so hätte diese Politik in den ersten Jahren nach dem Krieg (zur Zeit vollständiger Desorganisation der zionistischen Bewegung) Erfolg haben können. Statt dessen waren aber unter der einheitlichen Flagge der „Mohammedanisch-Christlichen Vereinigung“ nicht weniger als drei verschiedene Tendenzen zu finden, eine, deren Repräsentant der Präsident der Vereinigung, Musa Kiazim Pascha el Husseini26, ist, lehnt sowohl die Engländer als auch die Juden ab und will vollständige Unabhängigkeit der arabischen Länder. Eine zweite Gruppe, deren Wortführer die beiden christlichen Zeitungen „Falestin“ (Jaffa) und „Karmel“ (Haifa) sind, versichert, daß sie gerne bereit wäre, das englische Mandat anzunehmen, wenn daraus die Bestimmung über die „jüdische Heimstätte“ verschwinden würde. Hinter diesen Zeitungen stehen fast alle christlichen Notabeln (sic!) der Extremisten, die in Englands Regierung ein Bollwerk gegen den benachbarten Kalifen sehen, aber noch mehr als den Einfluß des Kalifen den der Juden fürchten. Die dritte Gruppe spricht so, wie Emir Abdallah am Hofe des Kalifen zu mir gesprochen hat. „Wir sind nicht gegen die Juden, wir sind nur gegen England. Wen die Juden mit uns gemeinsame Sache machen würden, könnte man sich über alles verständigen.“ (Wozu die Juden allerdings nicht das richtige Vertrauen aufbringen!).

Die Unruhen in Palästina und das Pogrom in Hebron im Jahre 1929, bei dem in der Stadt Hebron, wo Juden seit der Antike lebten, 67 Juden umgebracht wurden und die überlebenden Juden restlos vertrieben wurden27, wurden in zwei ausführlichen Artikeln dargelegt. Die Kasseler Redaktion bekundete im am 30. August 1929 erschienen Beitrag „Die Unglückstage in Palästina“:

Erschüttert stehen wir an der Bahre all der Opfer, die ihre Liebe zu Erez-Israel, ihre Verbundenheit mit dem Lande mit ihrem Tod besiegelt haben.

In seinem zwei ganze Seiten umfassenden Bericht „Nach dem Sturm“ erläuterte der Korrespondent Maurice Samuel28, dass die Unruhen nicht aus heiterem Himmel über Palästina einbrachen, sondern dass die jüdischen Repräsentanten die Mandatsmacht frühzeitig gewarnt hätten und diese aus offensichtlicher Feindseligkeit gegen die jüdische Bevölkerung keine Maßnahmen ergriffen hätten, die jüdische Bevölkerung zu schützen. Besonders schockierend für den Korrespondenten war das Pogrom in Hebron. Hebron und die dortige Jeschiwa29 galten, so Samuel, stets als das Zentrum der antijüdischen Hetze.

[Die] Juden dieser Stadt, alter jüdischer Tradition anhängend und Zöglinge der Jeschiwa [waren] in der Selbstverteidigung nicht im geringsten geschult. Diese in der Lebensführung edlen und frommen Kreise hat die Regierung schutzlos den Arabern überlassen.

Dass schon in den zwanziger Jahren der antisemitische Charakter der arabischen Riots in der Presse keine Beachtung finden konnten, verdeutlichen die Zeilen, in denen Samuel darlegte, dass das offizielle Bulletin der Palästina-Regierung sich „Unglaubliches an falscher und vertuschender Berichterstattung“ leistete.

Zum Beispiel setzte sie die Namen der jüdischen und arabischen Toten von Jerusalem und Hebron unter eine Rubrik, um den bestialischen Charakter der Massakres in Hebron zu verdecken. Über Haifa berichtete das Bulletin: „Es fand ein Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern statt, britische Polizei zerstreute die Kämpfenden.“ So konnte der Eindruck entstehen, daß beide Parteien gleich schuldig sind.

Auch die seit den sechziger Jahren bekannte Verbundenheit der radikalen Linke mit dem arabischen Mob ist nichts Neues, wie man der Jüdischen Wochenzeitung entnehmen kann. Über das Parteiorgan der KPD liest man eine kurze Redaktionsnotiz:

Die „Rote Fahne“ fordert die Kommunisten in Palästina auf, Schulter an Schulter mit den Arabern einen Vernichtungskampf gegen die Juden zu führen. […] das größte kommunistische Organ außerhalb der Sowjetunion, überschreibt in ihrer Nummer vom 27. August die Nachricht aus Palästina: „Eingeborene Araber schießen Faschisten nieder.“ […] Wir begrüßen auf das lebhafteste die heldenhaften Kämpfe, die die arabische Bevölkerung gegen die Zionisten, die Zutreiber und Agenten der raubgierigen englischen Imperialisten in Palästina, führt. Wir senden diesen Kämpfern unsere heißen, revolutionären Grüße.

5. Die Jüdische Wochenzeitung an der Seite der Weimarer Republik

Die Jüdische Wochenzeitung stand für die Weimarer Republik. 1924 gab Arnold Zweig die Richtung vor, die für die Jüdische Wochenzeitung bis zum Ende ihres Erscheinens im Februar 1933 maßgeblich blieb. Zweig führt in dem am 14. November 1924 erschienen Leitartikel unter der Überschrift „Parlamentarismus“ aus, das nichts törichter wäre, als von einer Krise des Parlamentarismus zu reden. Von einer Krise des Parlamentarismus könne erst dann die Rede sein, wenn diese in „England aufkäme – dem Lande, wo Parlamentarismus bodenständig ist.“ Man würde darauf aber lange warten müssen, bis „auch dort eine solche Parlamentsmüdigkeit auftreten würde.“

Für die Juden käme die Ablehnung des Parlamentarismus nicht in Frage, denn:

Erstens haben wir all denen zu mißtrauen, die aus der „Krise des Parlamentarismus“ Empfehlungen für andere Regierungsarten ableiten wollen, […] auf die Dauer, je länger desto mehr, [wird] Politik der Vernunft in Deutschland nur auf der Basis aufrichtiger Demokratie gemacht werden können. Und da wir an der Politik der Vernunft sehr interessiert sind, weil Politik der Unvernunft, der Leidenschaften, stets auf unsere Kosten und auf unseren Rücken vor sich geht, so haben wir allen Grund, uns nur zu Parteien zu bekennen, die nicht etwa kleinen, aber mächtigen Interessenklüngeln als Marke dienen.

Zweig kommt zu dem für die damalige Zeit, in der der Revanchismus fröhliche Urständ feierte, interessanten Schluss, dass „auf lange Sicht betrachtet, [..] nur solche Politik sich durchsetzen [wird], die im Einverständnis mit ganz Europa erfolgt […].“

Nach dem Tod des ersten Reichspräsident Friedrich Ebert, wurde dieser am 6. März 1925 in einem als Leitartikel erschienen Nachruf der Jüdischen Wochenzeitung gewürdigt. Dort heißt es:

Ebert war ein Mann aus dem Volke, er behielt die Geradheit und den Gerechtigkeitssinn des einfachen Mannes bis an sein Lebensende. Dieser Gerechtigkeitssinn war es, der auch sein Verhältnis zum Judentum bestimmte.

Es werden dann seine engen Beziehungen zum Judentum und sein großes Interesse für die „palästinensischen Probleme“, die er bei einem Kontakt mit Dr. Weizmann bekundete, hervorgehoben. In dem Artikel wurden die Angriffe der Feinde der Republik angesprochen, die „jeder objektiv denkende Mensch als ungerecht, unberechtigt und gehässig erkennen mußte.“ Die Jüdische Wochenzeitung wies auch darauf hin, dass die Verleumder Eberts „dieselben Leute sind, deren antisemitische Propaganda den Geist des deutschen Volkes vergiftet.“

Die Wochenzeitung würdigte aber auch immer wieder Vertreter der demokratischen Linken. So wurden z.B. Eduard Bernstein30, Paul Levi31 und Gustav Landauer32 in Nachrufen gewürdigt. Anläßlich des zehnten Todestages Gustav Landauers lobte der Autor Samuel Meisels33 in dem am 10. Mai 1929 veröffentlichten Leitartikel „Gustav Landauer, der Mensch und Schriftsteller“ Landauer als Sozialist und Revolutionär und bemerkte, das Landauer auch ein „wenn man durchaus das heute ganz sinnentleerte Wort behalten will, ein Anarchist, aber nur im Geiste, im Herrschaftsbezirk des Geistigen gewesen ist.“ Landauer sei ein Revolutionär,

der die Macht des Geistes anerkennt, der versteht unter Revolution eine Umwälzung ohne Aufruhr, Umgestaltung ohne Gewaltsamkeit, Wechsel der Ordnung, wie er sich einzig durch den „Geist des Rates und der Einsicht“ vollziehen kann […]

Mehrfach wurden Aufrufe zur Wahl der republikanischen Parteien als Leitartikel veröffentlicht. So erschien z. B. schon am 24. April 1925 ein Leitartikel, der für den Kandidaten der „Weimarer Koalition“ Wilhelm Marx34 (Zentrum) zur Präsidentenwahl das Wort ergriff. Der Autor erteilte den monarchistischen Kräften eine klare Absage, denn,

heute ebenso wie bei den Reichstagswahlen vor einem Jahr sind die monarchistischen, die augenblickliche Staatsform verneinenden Parteien, identisch mit den offen oder versteckt antisemitischen Parteien. eines aber, was uns wesentlich ist, soll ausgesprochen werden: die Gleichberechtigung aller Staatsbürger der Republik wird unter seiner Präsidentschaft nicht angetastet werden; das ist ja das oberste Prinzip der Demokratie, zu der er sich bekennt. Seine Wahl wird ein Erfolg des demokratischen Gedankens in Deutschland sein und eine Absage an die antisemitischen Parteien, gleich welcher Schattierung.

Marx konnte sich nicht durchsetzen, das republikfeindliche, rechts-national und monarchistische Lager gewann 1925 die Wahl mit dem Kandidaten Paul Hindenburg.

Philipp Scheidemann, der als Sozialdemokrat immer wieder gegen den Antisemitismus das Wort ergriff und auch auf einer Versammlung der Kasseler Zionisten sprach, steuerte im Jahr 1930 einen Leitartikel für die Jüdische Wochenzeitung bei.

Als Philipp Scheidemann im Jahre 1925 als Oberbürgermeister Kassels zurücktrat, wurde dies von der Redaktion der Jüdischen Wochenzeitung sehr bedauert. Es hieß in einem am 17. Juli 1925 veröffentlichten politischen Nachruf:

dass wir Juden dem scheidenden Oberbürgermeister für sein seit vielen Jahren mannhaft bewiesenes Auftreten gegen den Antisemitismus zu hohem Dank verpflichtet sind. In früheren Jahren, als der Herr Oberbürgermeister Scheidemann noch Redakteur in Oberhessen war, wirkte und kämpfte er unermüdlich für unser Recht und gegen die antisemitische Hetze. Als vor mehreren Jahren hier der Delegiertentag deutscher Zionisten seine Sitzung abhielt, fand er in seiner Begrüßungsrede von flammender Entrüstung erfüllte Worte gegen die völkischen Verleumdungen der Juden und des Judentums.

Philipp Scheidemann selbst veröffentlichte am 29. August 1930, nachdem in Thüringen eine Koalition aus rechtsnationalen Parteien und der NSDAP die Landesregierung stellte und die linksliberale Partei Deutsche Demokratische Partei (DDP) sich mit dem antisemitischen Jungdeutschen Orden unter dem Kasseler „Hochmeister“ Artur Mahraun35 vereinigte, einen Leitartikel, in dem er zur Wahl der Sozialdemokratischen Partei aufrief, um die Republik vor den Nazis zu schützen und dem Antisemitismus entgegenzutreten. Er warnte vor den spitzfindigen Versuchen innerhalb der DDP einen „kulturschänderischen“ Antisemitismus abzulehnen in Mahrauns Positionen aber nur einen gemäßigten Antisemitismus zu sehen.

Gibt es auch einen nicht kulturschänderischen Antisemitismus? Nein! Warum dann nicht die klare Antwort: Wir lehnen jeglichen Antisemitismus, gleichviel wie er sich nennt und wie er sich äußert, ab. […] Muß man vielleicht ausdrücklich feststellen lassen, daß der kulturschänderische Antisemitismus erst mit der Zerstörung jüdischer Friedhöfe und dem Pogrom anfängt? Die Nationalsozialisten um den Haßgebets-Frick36 werden entschieden bestreiten, daß ihr Antisemitismus kulturschänderisch ist, obwohl sie im Reichstag (Antrag Nr. 1741) beantragt haben, daß mit Zuchthaus bestraft werden soll, „wer durch Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutsgemeinschaft oder farbigen Rassen zur rassischen Verschlechterung des deutschen Volkes beiträgt oder beizutragen droht.“ […]

Bis du antisemitisch oder nicht? Darauf kann ein ehrlicher Mann nicht sagen, daß er den „kulturschänderischen“ Antisemitismus ablehne. Entweder – oder! Der Antisemitismus ist immer und in jeder Form kulturschänderisch.

6. Trotzki und Mussolini – Beispiele über die Bandbreite der Diskussionen in der Jüdischen Wochenzeitung

Immer wieder erschienen kurze Artikel über die Situation der Juden in verschiedenen anderen Ländern. Die Entwicklung in der Sowjetunion und die Stellung der Juden in diesem Land nahm dabei eine Sonderstellung ein, die an anderer Stelle einer gesonderten Betrachtung bedarf. Am 15. März 1929 erschien ein Beitrag über Trotzki, der damals um Asyl in Deutschland angefragt hatte. Ein unbekannter Autor meinte:

Wenn Trotzki auch von uns gegangen, so bleibt er doch einer der unseren, und in der Stunde der Not wollen wir ihm nicht den Rücken kehren. Wir können ihn verstehen, begreifen seine Gesinnung, die alles Heil in der Aenderung der sozialen Gesellschaftsstruktur sah. Weil er einen anderen Weg gegangen ist wie wir, so haben wir doch nicht das Recht, einen Stein auf ihn zu werfen. […] Er war ein Idealist vom besten Format. […] Er hat bewiesen, daß er, ein Jude, die Fähigkeit besaß, eine gewaltige Armee aufzubauen, staatliche Organisationen aus chaotischen Zuständen zu schaffen. Er hat die These widerlegt, daß der Jude nur ein negierender Teil der Menschheit ist.

Eine solche Haltung bewies den Mut der Redaktion, galt Leo Trotzki nicht nur als ausgewiesener Gegner des Religiösen und eben auch der jüdischen Religion, sondern diente der antisemitischen Agitation geradezu als Idealtypus eines Vertreters des „jüdischen Bolschewismus“.

1929 erschien ein längeres Interview mit Benito Mussolini. Das verwundert zunächst, wenn man die tiefe Abneigung der Autoren gegen autoritäre, demokratisch nicht legitimierte und gewalttätige Politik zur Kenntnis nimmt. Doch im Gegensatz zur deutsch-nationalen Rechten fehlte der Antisemitismus als konstituierendes Element im Faschismus fast völlig, was diesen wesentlich vom deutschen Nationalsozialismus unterschied. Den Redakteuren und dem Herausgeber war es offenbar wichtig, diesen Unterschied herauszustellen, betrachteten doch die Nationalsozialisten mit großer Bewunderung den Siegeszug der Faschisten in Italien. 1925 führte ein Autor unter dem Kürzel R.W.37 in dem am 17. Juli erschienen Artikel „Warum der Antisemitismus in Italien keinen Erfolg hat“ aus:

Unsere Antisemiten, die sich so gern die deutschen Faschisten nennen, haben zwar ihrem eigenen Lande genug Schaden zugefügt durch die Hetze gegen seine hervorragendsten und fähigsten Köpfe, weil sie zufällig Juden waren, aber die Frage nach dem Vorhandensein ihrer eigenen positiven hervorragenden Leistungen würde sie sicher in Verlegenheit setzen. Man spielt in diesen Kreisen gar zu gern mit dem Namen Mussolini und ihre Gefolgschaft unter den jungen und jüngsten Hitlerjüngern möchte sich gar zu gerne den Schwarzhemden Mussolinis vergleichen, aber man vergißt oder weiß es nicht, daß in Italien Nationalismus nicht gleichbedeutend ist mit Antisemitismus. Und so wird der Name Mussolini in ihren Händen zu einem irreführenden Aushängeschild.

Am 12. April 1929 erschien ein längeres Interview unter dem Titel „Mussolini über die Juden“. Ein Interview mit Benito Mussolini, das insofern von Bedeutung ist, als dass ein jüdischer Journalist38 ein Interview mit dem italienischen Führer der Faschisten führen konnte und der nicht etwa sein Messer zückte39, sondern sich mit ihm in launiger Art und Weise über die gesellschaftliche Bedeutung der Juden in Italien unterhalten konnte.

Ich: „Wollen Sie damit sagen, daß Italien ein Land ohne Antisemitismus ist? Daß das Gift des Judenhasses nicht über seine Grenzen gekommen ist?“ (Beim Sprechen dachte ich im Geiste an die bekannten Versuche der deutschen und österreichischen Hakenkreuzler, die zu verschiedenen Zeiten versucht hatten, den italienischen Geist gegen die jüdische Bevölkerung zu erregen.)

Mussolini: „Wenn Versuche gemacht worden sind, um die Italiener mit einem gefährlichen Geist gegen unsere Rassenminderheiten40 zu durchtränken, so sind sie fehlgeschlagen. Der Faschismus, unbekümmert um das, was seine Verleumder sagen, verhält sich gegen jedermann tolerant. Tolerant in jeder Beziehung, außer wenn das Wohlergehen des Landes bedroht ist. Meine Regierung und ich persönlich haben jedes Symptom eines Vorurteils gegen Rassenminderheiten im Keime erstickt. Wir passen gut auf. Das geben sogar unsere Feinde zu. Ich glaube, daß die Juden hier keinen Grund haben, sich zu beklagen. Vor einiger Zeit sprach ich mit dem Oberrabbiner von Rom: er erklärte die vollkommene Uebereinstimmung des jüdischen und italienischen Ideals.“ […]

Ich: „Wenn ich nicht wüßte, daß es nur 15000 Juden in Rom gibt, so hätte ich fast gesagt, daß es mehrere hundertausend sind. Der lateinische Typ in Italien ist dem semitischen außerordentlich ähnlich. Aeußerlich sehen sie einander gleich und auch im Temperament ähneln sie einander. Ich weiß nicht, ob die Juden sich hier so sehr assimilieren haben, oder ob wir sie assimiliert haben.“

Durch Mussolinis deutliche Freude an diesem Gedanken ermutigt, fuhr ich fort: „Es gibt in der Geschichte von amerikanischen-jüdischen Einwanderern aus Rußland, die sehr traurig darüber waren, daß ihr Sohn, obwohl er in Amerika geboren war, sich nicht von einer auffallenden jüdischen Aussprache befreien konnte. Man beschloß, ihn in den fernen Westen zu schicken, irgendwo auf das Land, damit er sich von seinem jüdischen Milieu befreie. Nach einem Jahr wagte man nachzuforschen. Der Vater stattete seinem Sohn ein Besuch ab. Bei seiner Rückkehr berichtete er den Erfolg der erwartungsvollen Mutter folgendermaßen: „Nun, bei Isaac ist alles in Ordnung. Er hat sich nicht viel verändert. Er spricht genauso, aber alle Cowboys sprechen jetzt mit einem ausgesprochen jüdischem Akzent.“

So oft ich in Rom bin, denke ich an diese Geschichte. Es herrscht zwar nicht der jüdische Akzent, aber ich fühle mich bei Italienern vollkommen zu Hause.“

Mussolini lachte laut und unkonventionell. Er stand auf und gestikulierte in einer sehr semitischen – oder richtiger lateinischen – Art und Weise. In seinem Benehmen war etwas so gänzlich unkonventionelles, solche freie Art, daß ich vollkommen für ihn eingenommen war. Ich gewann die Ueberzegung, daß die italienische Judenheit vom Faschismus oder von dem Schöpfer eines neuen Italiens nichts zu befürchten hat.

Am 18.12.1931 befasste sich der Autor Max Mandellaub41 erneut mit dem Thema der Juden im faschistischen Italien. Er schrieb, dass der „Duce unter dem italienischen Bürgertum eine große Anhängerschaft gefunden habe.

Die Studenten, die Stadtjugend, die nüchternsten Geschäftsleute geraten in Ekstase beim Anblick Mussolinis. Und die Juden Italiens sind Geschäftsleute, sind Studenten, bewohnen die Städte. Die Juden als Glieder des italienischen Bürgertums sind Faschisten . . . Die Jugend ist zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz in der Ballilla, der faschistischen Jugendtruppe, organisiert. An jüdischen Feiertagen wimmeln die Synagogen von uniformierten jung-jüdischen Faschisten. Ohne Zweifel zählen die Juden zu den aktivsten Anhängern Mussolinis. Der Faschismus Italiens unterscheidet sich von dem der Nationalsozialisten durch das völlige Fehlen des Antisemitismus.

Der Autor sah die größte Gefahr für das Judentum im faschistischen Italien in der Assimilation und kommt zu der im historischen Rückblick absurd erscheinenden These:

Immer wenn Juden in ihrer Umgebung keine Ablehnung finden, schwindet mit erstaunlicher Schnelligkeit jene Widerstandskraft, die gerade den Juden zum Juden macht.

Erst 1938 kam es in der italienischen Politik zu einem Wandel. Es wurde eine antisemitische Gesetzgebung eingeführt, viele Juden wurden zu einer entwürdigenden Arbeitspflicht gezwungen. 1940 und 1941 bombardierten italienische in Begleitung einiger deutscher Flugzeuge Tel Aviv und Haifa. Bei diesen Luftangriffen kamen über 150 Menschen ums Leben. Erst nach Besetzung Norditaliens durch deutsche Truppen infolge des Sturzes Mussolinis im Jahr 1943 wurde auch in Italien die antisemitische Vernichtungspolitik umgesetzt. 8.000 der 50.000 italienischen Juden fielen ihr zum Opfer.

7. Der Nationalsozialismus und die Jüdische Wochenzeitung

Die Nationalsozialistische Partei, ihr Wirken und das Thema Antisemitismus wurden regelmäßig auf theoretisch beachtlichem Niveau thematisiert.

Erwähnt sei hier der am 26. Juli 1929 erschienene Artikel Die Nationalsozialisten von Heinz Pol. (= Heinz Pollack).42 Pollack beschreibt nach den ersten Wahlerfolgen der Nationalsozialisten in Mecklenburg, Sachsen und Koburg und deren zunehmenden Zuspruch unter den Studenten, den von Hitler vorangetriebenen Ausbau der NSDAP zu einer ideologisch gefestigten und bewegungsorientierten Partei. Er benennt den terroristischen Charakter der auf den Straßen gewalttätig auftretenden Kader und deren militärischen Aufbau, aber auch Hitlers Bestreben diese einer klaren Führung zu unterstellen. Auch der Aufbau des ideologischen Apparats wird von Pollack nachgezeichnet. Für diesen stehen nicht nur völkische Ideologen wie Arthur Rosenberg, sondern junge ehemalige Offiziere der Reichswehr, die gezielt in die Universitäten geschickt wurden. Diesen folgten alsbald in hellen Scharen die Zwanzigjährigen und die Professoren liefen hinterher.

Nachdem das sogenannte Boxheimer Dokument der Öffentlichkeit bekannt wurde, in dem der NS-Funktionär Werner Best43 die Strategie einer gewalttätigen Machtergreifung ausführte, erläutert ein nicht genannter Autor in einem am 11. Dezember 1931 veröffentlichten Artikel, die von unmittelbarer Gewaltanwendung geprägten Vorstellungen vom Umsturz, der einem Fegefeuer gleich, die als unter Entartung und Zersetzung geprägt bezeichneten Verhältnisse hinwegfegen sollten. Die Juden standen nicht im Zentrum dieses Papiers, eher beiläufig wurde angeführt, dass man gedenke, in einer von Arbeitspflicht, zentralisierter Lebensmittelverteilung, Volksspeisung und Lebensmittelkarten geprägten militarisierten Gesellschaft, die Juden von der Versorgung auszunehmen. Trotz dem, in den – von den Nationalsozialisten freilich als Fälschung hingestellten – Dokumenten deutlich zu Tage tretenden, Charakter der nationalsozialistischen Politik, vertraute der Autor des Artikels noch auf die im Rahmen der Republik als Möglichkeit erachtete Verteidigung der Rechte der Juden und die Treue zur Republik der nicht nationalsozialistischen Parteien.

Vom politischen Gesichtspunkt ist es natürlich am wichtigsten, wie die Aufdeckung des Boxheimer Dokuments auf die heimlich oder öffentlich geführten Koalitionsverhandlungen wirken werden. Der „Völkische Beobachter“ vom 26. November, […] bringt einen Leitartikel von Dr. Frick, der […] wieder eine unverblümte Aufforderung an das Zentrum richtet, sich von den Sozialdemokraten zu trennen und mit den Nationalsozialisten zu verbünden. Das Zentrum so wird bei dieser Gelegenheit gesagt, habe als Voraussetzung einer Koalition eine Aenderung gewisser grundsätzlicher Ueberzeugungen der Nationalsozialisten gefordert. Darin liege eine Verkennung der Sachlage, denn nicht das Zentrum, sondern die Nationalsozialisten, denen ohnedies früher oder später die Macht zufallen muß, haben Bedingungen zu stellen. […] Das Dokument von Boxheim ist jedenfalls, wenn nicht mehr, so zumindest ein Symptom der furchtbaren Verwirrung, die heute in Deutschland herrscht und jeden Augenblick unabsehbare Folgen haben kann. Den Juden obliegt es, diesen Zuständen gegenüber Ruhe und Würde zu wahren, ihre eigenen Kräfte zu organisieren und geschlossen für die Verteidigung jüdischer Grundrechte einzustehen.

Im Laufe des Jahres 1931 wurden die Einschätzungen der politischen Situation zunehmend pessimistischer. Immer wieder wird sich mit der Programmatik des Nationalsozialismus und mit antisemitischen Vorfällen auseinander gesetzt. Auch war den Machern der Zeitung klar, worauf die Politik des Nationalsozialismus hinaus läuft. „Hitlers Programm: Entrechtung und Austreibung der Juden“, heißt am 4. März 1932 die klarsichtige Überschrift eines Artikels der Redaktion. In dem Artikel schrieben die Autoren, das schon 1920 verfasste Programm der Nationalsozialisten sei in fast allen Häusern verteilt worden. Als erstes wird der Punkt 4 angeführt.

Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

Die Redaktion wusste was dies zu bedeuten hat.

Regelmäßig berichtete die Zeitung über die antisemitischen Vorfälle in Deutschland, Nordhessen und Kassel. Diese betrafen natürlich auch Kaufmann. Kaufmann berichtete in seinem Lebenslauf, dass er in „mehrfache Kontroversen mit dem späteren Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler und in mehrere Prozesse gegen ihn verwickelt war.“44 Am 24. Juni 1927 veröffentlichte die Jüdischen Wochenzeitung einen Artikel über das Auftreten Freislers vor Gericht. Dieser verteidigte einen Buchhändler, der in seinem Schaufenster Illustrationen eines Ritualmordes aufgehängt hatte. Freisler nutzte den Prozess um gegen die Jüdische Wochenzeitung, den Zentralverband und die Juden im allgemeinen zu herzuziehen. In der Nr. 34 aus dem Jahr 1929 wird von Drohungen der Nationalsozialisten gegen Kaufmann berichtet. Kaufmann schrieb für die Jüdische Wochenzeitung an die Inhaberin des auch von Juden häufig frequentierten Kasseler Gasthaus zum Brasselsberg, dass die jüdische Kundschaft sich durch Hakenkreuzfahnen, die das Gasthaus anlässlich einer Parteifeier gehisst hatte, bedroht sehen. Kaufmann fragte die Inhaberin, ob sie denn auf die jüdische Kundschaft keinen Wert lege. Diese antwortet auf diesen Brief nicht und gab diesen Brief offenbar an die Kasseler NSDAP weiter. Das Blatt der Nationalsozialisten in Kassel ließ daraufhin unter dem Titel „Jüdische Frechheit“ verlautbaren: „Diesen Juden, S. Kaufmann, Hohentorstraße 9, wollen wir uns merken.“

Sally Kaufmann zog – in einer offenbar realistischen Einschätzung der Gefahr und den Möglichkeiten, dieser entgegenzutreten – für seine Familie und für sich als Juden ein Jahre später die bitter notwendige Konsequenz.

8. Auswanderung

Sally Kaufmann beschloss, mit seiner Familie Kassel 1932 zu verlassen. Kaufmann schrieb in seinem Lebenslauf, dass „meine Stellung durch die stetige Entwicklung des Nationalsozialismus bereits vor 1933 hier in Kassel nicht mehr haltbar“ war. Kaufmann war Ende 1932 bis Anfang 1933 als Korrespondent der Frankfurter Zeitung in Belgien tätig, während der Rest der Familie vorübergehend in Darmstadt bei den Eltern Helene Kaufmanns lebte. Die Jüdische Wochenzeitung wurde von Kaufmanns Schwager Ludwig (Leo) Goldberg noch bis April 1933 weitergeführt, bis sie dann endgültig eingestellt wurde und Goldberg im April 1933 „Hals über Kopf flüchten musste“ und die beachtliche Wohnungseinrichtung der Kaufmanns aus der Kölnischen Straße im Stich lassen musste.

Im April 1933 reiste die Familie Kaufmann über Cannes mit der Vulcania nach Haifa. Dort wurde sie zunächst bei der Familie Josef Prager aufgenommen, um dann kurze Zeit später nach Tel Aviv weiterzureisen. Mitte der dreißiger Jahre konnte Sally Kaufmann ein Haus im heutigen Giv’atajim erwerben, wo die beiden Enkel Joav und Eyal bis heute leben. Bis 1937 lebte die Familie von den Ersparnissen, dann arbeitete Kaufmann als Angestellter in einer Buchhandlung, die er 1939 übernahm. Sally Kaufmann starb am 29.11.1956 in Giv’atajim.

Anmerkungen

  1. Teile der Jüdischen Wochenzeitung sind auf der Internetseite des Leo Baeck Institutes New York Berlin: Jüdische Wochenzeitung (Kassel, Germany: 1924-1933?) verfügbar. In der Murhardschen Landesbibliothek Kassel ist die Zeitung auf Mikrofilm archiviert. ↩︎
  2. Julius Dalberg, (1882 -1943) Dalberg und seine Frau wurden 1943 in Sobibor ermordet. Er war Rechtsanwalt, im RjF und in der Zionistischen Gruppe Kassel aktiv und Vertreter der Gemeindeältesten der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Von den Nazis 1933 schwer misshandelt, floh er nach Ende 1933 nach Holland. ↩︎
  3. Rudolf Hallo (1896 – 1933) Kunsthistoriker und Leiter des Jüdischen Museums in Kassel. Siehe: Ekkehard Schmidberger: Rudolf Hallo und das jüdische Museum in Kassel. In: Juden in Kassel 1808–1933. Kassel 1986. ↩︎
  4. Ludwig Horwitz (1862 – 1940) kam 1898 nach Kassel, wo er als Kultusbeamter der jüdischen Gemeinde tätig war. „In dieser Kasseler Zeit entstanden Schriften, mit denen er noch heute in der regionalen hessischen Geschichtsschreibung des Judentums einen Ehrenplatz einnimmt: seine Abhandlungen über Die Israeliten unter dem Königreich Westfalen (Kassel 1900), über Die Kasseler Synagoge und ihre Erbauer (Kassel 1907), über Die Gesetze um die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten im ehemaligen Kurhessen 1816 und 1833 (Kassel 1927), die Aufsätze Das Königlich Westfälische […]“ Vgl. Bernd G. Ulbrich, Ludwig Horwitz (1862 – 1940), Publikationen der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft Dessau Nr. 5. ↩︎
  5. Dietfrid Krause-Vilmar, Juden in Kassel. Ein Blick in die Vergangenheit der älteren Jüdischen Gemeinde, in: Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg) J. Fleming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 2013, S. 161–181. ↩︎
  6. Alle biographischen Angaben stammen aus der Akte der Entschädigungsbehörde des Landes Hessens HHStAW 518, 66602 und von mir aufgezeichneten Gesprächen mit seinem Sohn Mordechai Tadmor (Martin Kaufmann). ↩︎
  7. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) war eine Vereinigung von jüdischen deutschen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten. „Der RjF hatte schnell mehr als 30.000 Mitglieder, und ihre Zahl stieg auf zeitweise etwa 55.000. Er war damit die mitgliederstärkste Organisation des deutschen Judentums in der Weimarer Republik.“ ↩︎
  8. Die Kasseler Zionistische Gruppe war ein Ortsverband der in der Weimarer Republik organisierten Zionisten. Unter dem Namen National-Jüdische Vereinigung gründeten die Anhänger des Zionismus 1894 in Köln ihren Verband, der 1897 in Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD) umbenannt wurde. Die Gruppierung zählte in den 1920er Jahren etwa 20.000 Mitglieder. ↩︎
  9. Angaben Sally Kaufmanns in einer eidesstattlichen Erklärung aus dem Jahre 1954. (Entschädigungsbehörde des Landes Hessens HHStAW 518, 66602). ↩︎
  10. Ludwig Hardt (1886 -1947) war ein aus Ostfriesland in den zwanziger Jahren sehr populärer Vortragskünstler und Rezitator. Er floh 1939 in die USA. ↩︎
  11. Hermann Struck (1876 – 1944) war um die Jahrhundertwende ein einflussreicher Zeichner, Maler, Radierer und Lithograf, der einige bekannte Porträts schuf. Der aus Berlin stammende Struck lebte seit 1923 in Palästina. Dort war an der Gründung des Tel Aviv Museum of Art beteiligt. ↩︎
  12. Erklärung Sally Kaufmanns aus dem Jahre 1955. (Entschädigungsbehörde des Landes Hessens HHStAW 518, 66602). ↩︎
  13. 1956 vom Amtsgericht Witzenhausen aufgezeichneter Bericht der Frau Katharina Kamman. (Entschädigungsbehörde des Landes Hessens HHStAW 518, 66602). ↩︎
  14. Josef Prager (1885 – 1983) war Arzt und Vertreter der (zionistischen) Jüdischen Volkspartei für Hessen Nassau. 1932 wanderte er nach Palästina aus. Er war der Sohn des in Kassel allseits bekannten und geachteten Landesrabbiner des Regierungsbezirks Kassel und der preußischen Provinz Hessen-Nassau Isaac Prager. Vgl.: Ralph Pasch, Der Schatz des Isaac Prager, in: Jüdische Allgemeine, 08.12.2014. ↩︎
  15. Im Alten Testament galten die Amalekiter als ein räuberisches Volk im Süden Palästinas, das den Israeliten feindlich gegenüber gesinnt war. ↩︎
  16. Die Jüdische Volkspartei war die Partei, die den Gedanken von einer jüdischen Nation – den sogenannten Volksgemeinden – vertrat. Viele Zionisten organisierten sich in der Jüdischen Volkspartei, obwohl diese keine ausgesprochen zionistische Programmatik vertrat. Vgl., Michael Brenner, The Jüdische Volkspartei. National-Jewish communal politics during the Weimar Republic, in: Year Book of the Leo Baeck Institute 35 (1990), 219-243 ↩︎
  17. Max P. Birnbaum, Staat und Synagoge 1918 – 1938, Tübingen 1981. ↩︎
  18. Eugen Fuchs (1856 – 1923) war deutscher Rechtsanwalt. 1893 Mitbegründer des CV, 1917 – 1919 Vorsitzender. Fuchs war prominenter Gegner des Zionismus. ↩︎
  19. Willy Weisbecker lebte in Kassel, nähere Lebensdaten sind unbekannt. ↩︎
  20. Georg Morris Cohen Brandes (1842 – 1927) war Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker. Er lebte und wirkte in Kopenhagen. ↩︎
  21. Biografische Daten ließen sich von mir nicht ermitteln. ↩︎
  22. Leo Strauß (1899 – 1973) war ein in Kirchhain geborener jüdischer Philosoph, der ab den vierziger Jahren in den USA einen Lehrstuhl für politische Philosophie inne hatte. ↩︎
  23. Biografische Daten ließen sich von mir nicht ermitteln. ↩︎
  24. Wolfgang (Binyamin Ze’ev) von Weisl (1896 – 1974) war Journalist und Mitstreiter Ze’ev Jabottinskys. Für die Vossische Zeitung arbeitete er als Nahost-Korrespondent. Bereits 1931 rief er die Juden in Deutschland auf, sich in Sicherheit zu bringen: „Packt eure Sachen und geht nach Palästina, legal oder illegal, aber geht.“ ↩︎
  25. Lexikon: Arabische Reaktionen auf den Sechstagekrieg (1967), Mena-Watch, 23.08.2023. ↩︎
  26. Musa Kazim al-Husaini (1853 – 1934). Osmanischer Beamter, 1918 – 1920 Bürgermeister von Jerusalem, Leiter des Arabischen Exekutivkomitees seit 1920. Gilt als Begründer der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung. ↩︎
  27. Heute vor 92 Jahren: antijüdischer Pogrom von Hebron, Mena-Watch, 23.08.2021. ↩︎
  28. Maurice Samuel (1895 – 1972) war ein US-amerikanischer Autor und Übersetzer jüdischer Herkunft. ↩︎
  29. Talmudschule ↩︎
  30. Eduard Bernstein (1850 – 1932), SPD-Politiker und im Kaiserreich Gegner der Kriegspolitik. 1917 – 1918 agierte Bernstein in der USPD. Er gehörte zu den wenigen Politikern Deutschlands, der die deutsche Kriegsschuld anerkannte. ↩︎
  31. Paul Levi (1883 – 1930) war Rechtsanwalt. 1913 verteidigte er Rosa Luxemburg. Mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehörte er zum führenden Personenkreis bei der Gründung der KPD, deren Vorsitzender er bis 1921 war. Er wurde 1921 aus der KPD ausgeschlossen und ging zurück in die SPD. Dort war er der wichtigste Vertreter des linken Parteiflügels. ↩︎
  32. Gustav Landauer (1870 – 1919) war Schriftsteller und Anarchist. Als Pazifist war er Gegner der deutschen Kriegspolitik während des Ersten Weltkrieges. Er war an der Münchner Räterepublik als Beauftragter für Volksaufklärung beteiligt, trat aber schon vor der Niederschlagung der Räterepulik von diesem Amt zurück. Landauer wurde von Freikorpssoldaten, die die Räterepublik niederschlugen, misshandelt und ermordet. ↩︎
  33. Samuel Meisels (1877 – 1942) war ein österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. Meisels wurde im Ghetto Isbiza von Nazis ermordet. ↩︎
  34. Wilhelm Marx (1863 – 1946) war ein Politiker der Zentrumspartei und der als Vertreter der Weimarer Koalition aus DDP, Zentrum und SPD als Kandidat zur Nachfolge Friedrich Eberts antrat. ↩︎
  35. Artur Mahraun (1890 – 1950) war sogenannter Hochmeister des Jungdeutschen Ordens. Aus Freikorps und Freiwilligen der Offiziers-Kompanie aus Kassel stellte er den Orden auf, der dem politischen Spektrum der konservativen Revolution zuzuordnen ist. Dieser Orden galt zwar als republiktreu, war aber antisemitisch ausgerichtet. Juden konnten kein Mitglied des Ordens werden. ↩︎
  36. Wilhelm Frick (1877 – 1946), der 1946 hingerichtet wurde, war einer der frühesten Anhänger Hitlers und von 1933 bis 1945 Reichsminister des Inneren. 1930 wurde er unter der thüringschen Rechtskoalition Staatsminister für Inneres und Volksbildung und führte das Schulgebet „Schenk uns des Heilandes heldischen Mut … Deutschland erwache! Herr mach uns frei!“ ein, dass aber aufgrund verfassungswidriger Inhalte wieder suspendiert wurde. 1931 konnte die SPD ein Misstrauensantrag gegen ihn durchsetzen. ↩︎
  37. Wer sich hinter diesem Namenskürzel verbirgt, konnte ich nicht ermitteln. ↩︎
  38. Wer sich hinter dem Kürzel R.L. verbirgt, das diesen Artikel zeichnet, konnte ich nicht ermitteln. ↩︎
  39. Einem überzeugten Nationalsozialisten wäre es nie in den Sinn gekommen, sich mit einem jüdischen Journalisten friedlich zu unterhalten. „Wenn der Sturmsoldat ins Feuer geht, ei, dann hat er frohen Mut, / und wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann gehts nochmal so gut“ hieß es dem berühmt berüchtigten „Sturmsoldaten“-Liedes der SA. ↩︎
  40. 1920 kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Slowenen in Triest. In diesem Zusammenhang wurde der Narodni dom, der ein Theater, eine Bibliothek, eine Bank und ein Hotel beherbergte von italienischen Faschisten niedergebrannt. ↩︎
  41. Biographische Angaben ließen sich von mir nicht ermitteln ↩︎
  42. Heinz Pollack (1901 – 1972) war Journalist, Schriftsteller und Filmkritiker. Er schrieb für die Vossische Zeitung, die Weltbühne und war Redakteur für Willi Münzenbergs Neue Monatszeitung. Von 1940 bis 1945 lebte er in den USA, wo er auch zahlreiche Schriften gegen den Nationalsozialismus verfasste. ↩︎
  43. Werner Best (1903 – 1989) war ein deutscher Kriegsverbrecher, Jurist, Polizeichef, SS-Obergruppenführer und Politiker der NSDAP. Auf ihn ist die Praxis des Vernichtungskrieges der Einsatzgruppen in Osteuropa zurückzuführen. ↩︎
  44. Die Konflikte mit dem zunächst in Kassel als Verteidiger und Stadtverordneter der NSDAP agierenden Roland Freisler werden von Kaufmann in autobiographischen Notizen und verschiedenen eidesstattlichen Versicherungen genannt. (Entschädigungsbehörde des Landes Hessens HHStAW 518, 66602). ↩︎

Edith Tadmor zur Erinnerung

Edith Tadmor, geboren am 29. August 1929 in Mannheim, floh 1938 mit ihren Eltern Regina Gertrud und Oskar Retwitzer und ihren beiden Brüdern nach Eretz Israel. Sie war die Ehefrau Mordechai (Motke) Tadmors und die Mutter von Joav und Eyal. Sie lebte in einer Wohnung auf einem Hügel in Giv’atajim. Ich lernte sie bei meinen Besuchen als liebenswürdige, lebenslustige und humorvolle Dame kennen. Obwohl sich ihre beiden Söhne und die vielen Enkeltöchter und Enkel herzlich um sie kümmerten, hinterließ der Tod ihres Ehemannes Motke im Oktober 2018 ihr eine große Lücke. Zu ihrem großen Unglück brach sie sich, als sie ihr Auto wusch und dabei ausrutschte, den Oberschenkelhalsknochen. Davon erholte sie sich trotz des täglichem Trainings nicht mehr. Edith, die früher sehr aktiv war, verließ ihre Wohnung nicht mehr. Als ich sie im Frühjahr 2023 besuchte, verbrachte ich zwei lange Nachmittage mit ihr. Ich versprach ihr bald wieder zu kommen. Leider konnte ich das Versprechen nicht mehr einlösen. Heute, am 28.07.2024 starb Edith (Ester) Tadmor.

Möge ihr Andenken zum Segen sein – Jehi Sichronah Livrachah – יהי זכרונה ל

Im folgenden gebe ich meine Aufzeichnungen aus meinen vielen Gesprächen mit ihrem Mann Motke wieder, der mir auch viel über Edith erzählte. Ich stelle diese Aufzeichnungen in der Form dar, wie Motke sie mir erzählte.

Edith lernte ich durch ihren Bruder Werner (Yizchak) kennen. Wir dienten zusammen in der Hagana. Ihre Eltern nahmen mich sehr freundlich auf, wahrscheinlich weil ich mit ihnen deutsch sprechen konnte. Es war im Jahr 1947, sie war siebzehn, ich fünfundzwanzig. Ich arbeitete damals noch im Hafen von Tel-Aviv. Edith hatte in der Haushaltsschule der WIZO (Womens Zionist Organization) Schneiderin gelernt. Sie hasste den Beruf. Wir beide liebten das Kino. Ich erinnere mich an die ersten Filme, die wir gemeinsam sahen. Unser Debüt war „Fantasia“ von Walt Disney, der zweite war „Vom Winde verweht“ und der nächste war „Wem die Stunde schlägt“ mit Gary Cooper. Ich konnte es mir leisten, Edith öfters auszuführen, da ich für damalige Verhältnisse recht gut im Hafen verdiente. Einen Teil meiner Einkünfte erhielten zwar meine Eltern, die damals nur sehr wenig Geld hatten, für Kost und Logis, aber es blieb genug für mich übrig.

Mit Edith verband mich zunächst ein freundschaftliches Verhältnis, es war nicht mehr. Dann kam der Krieg 1948. Edith ging gegen den Willen Ihrer Eltern zur Armee. Dann wurde auch ich als altgedienter Soldat1 eingezogen und so sahen wir uns nur selten. Ich war im Korridor von Jerusalem stationiert, sie war als Sergeantin in Jaffa und Ramleh stationiert. Wann immer ich Urlaub hatte, und das war selten, fuhr ich mit meinem Motorrad nach Tel-Aviv oder wo sie gerade stationiert war und wir gingen aus. Meistens gingen wir ins Kino und aßen danach ein Steak oder ein Eis. Leider musste ich immer in der selben Nacht zurück. Das war auf die Dauer sehr ermüdend. Über Heirat sprachen wir kein einziges Mal – ich, auf jeden Fall, dachte überhaupt nicht daran. Die Ehe meiner Eltern war mir kein gutes Beispiel.

Aber im Jahre 1949 änderte sich die Lage. Die Überlebenden des Holocaust und die aus Deutschland vor den Nazis Geflohenen konnten Anträge auf Wiedergutmachung stellen. Ediths Vater hörte davon. Ediths Eltern waren in Deutschland sehr wohlhabend. Er wollte aber auch seine Tochter nicht unbehütet zurücklassen und so setzte er, ohne dass ich davon wusste, den Termin für die Heirat an, obwohl weder Edith noch ich jemals vom Heiraten sprachen. Ich war damals auf der Offiziersschule, Edith war in der Armee. Eines Tages teilte man mir mit, dass mich jemand am Schultor sprechen möchte. Es war mein Kamerad aus der Armee Werner (Yizchak). Werner war Edith älterer Bruder und teilte mir kurz und bündig mit, dass die Hochzeit am 15. November 1949 stattfinden wird und dass ich dazu einen kurzen Urlaub beantragen müsse. Wieso ich zustimmte, weiß ich bis Heute nicht, aber es war eine Entscheidung, die ich nicht bereuen sollte.

Ich ging zu meinem Kommandanten, der mich sonderbar ansah und unter einigen Kopfschütteln mir 48 Stunden Urlaub gewährte. Zur Hochzeit kam ich direkt nach einer Nachtübung im Gelände, mehr tot als lebendig. Die Heirat fand in der Wohnung ihres Bruders statt. Der Rabbiner wartete schon mit den Trauzeugen. Die Hochzeitsgäste waren ausschließlich nur unsere engsten gemeinsamen Freunde und Familienmitglieder. Die Bewirtung bestand aus leichten Getränke und Sandwichs, alles hausgemacht. Im Lande herrschte damals „Zena“, d. h. Rationierung. Fleisch war da eine Seltenheit. Später schickten uns Ediths Eltern Fresspakete aus Deutschland. Ich war leider viel zu müde, um irgend etwas von der ganzen Angelegenheit mitzubekommen. Den Urlaub verbrachte ich, um etwas auszuschlafen und meine Krätze zu behandeln, die uns oft befiel, weil wir Kadetten noch mit Wolldecken aus alten britischen Militärbeständen ausgerüstet waren, die aus dem zweiten Weltkrieg stammten und auf denen wir ohne Laken schliefen.

Ediths Mutter war Regina Gertrud Bauer und wurde am 17. Juni 1898 in Mannheim geboren. Sie war eine geborene Carlebach und gehörte somit zu den angesehensten jüdischen Familien Süddeutschlands. Der Vater Ediths Mutter war Fabrikant. Ediths Vater war Oskar Retwitzer und wurde am 5. Januar 1885 in Lampertheim (Hessen) geboren. Er war Besitzer einer Zigarrenfabrik. Ediths Eltern heirateten am 29. April 1919 in Mannheim. Edith weitere Geschwister waren Gerhard (Jakob), geb. 30. November 1921, er starb im Juni 2012, Werner (Yizchak), geboren am 3 Dezember 1924, gestorben 1956.

Zu Ediths Mutter hatte ich ein ganz besonderes Verhältnis, ich glaube sie war mir die Mutter, die ich nie hatte. Sie war eine Grande Dame des alten Europa und passte überhaupt nicht in das Land. Vom Haushalt hatte sie überhaupt keine Ahnung, sie konnte und wollte nicht kochen oder einen Haushalt führen, das machte damals alles der Vater. Mein Verhältnis zu Ediths Vater war korrekt aber nicht herzlich. Er war wie mein Vater Weltkriegsteilnehmer und Offizier, aber im Gegensatz zu meinem Vater sprach er nie über diese Zeit. Die Familie Retwitzer verließ Deutschland erst 1938, kurz vor der „Kristallnacht“. Ihnen gelang es noch viel Hausrat mitzunehmen. Leider wurde vieles auf der Flucht verloren. Wie mein Vater sprach auch Ediths Vater in Eretz Israel kein Wort hebräisch. Er arbeitete auch nicht. Bis zu den Wiedergutmachungszahlungen lebte die Familie vom geretteten Erspartem und von der Vermietung eines Zimmers ihrer kleinen Wohnung.

Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren lebte meine Familie, Edith, unsere Söhne Joay und Eyal und ich in Paris. Unsere Zeit in Paris war eine glückliche Zeit. Wir hatten eine prächtige Wohnung an der Seine. Wir hatten einen Ausblick auf die Seine und auf den Eiffelturm und sogar zwei Parkplätze, was in Paris schon damals Goldstandard war. Aber ich hatte nur einen alten Simca 1000. Sonst standen in der Garage eher Lamborghinis. Das Auto benutzte ich nur selten. Meistens sind Edith und ich mit der Metro gefahren und die Kinder hatten nur fünf Minuten Fußweg zur Schule. Die Wohnung war in zwei Appartements geteilt, eins für Edith und für mich, um Leute zu empfangen und eines separat für unsere Söhne. Die zwei hatten also quasi eine eigene Wohnung. Die Wohnung befand sich im fünften oder sechsten Stock. Sie musste vorher einem Aristokraten gehört haben, denn es gab dort alte Möbel, altes Porzellan und viel Schnickschnack der halt so zu alten französischen Wohnungen des gehobenen Standards gehören. Ich schwitzte täglich Blut und Wasser, weil ich Angst hatte, dass Eyal und Joav Schaden anrichten, wenn sie alleine waren. Eines Tages gab Eyal eine Party für die Schulklasse und wir wurden rausgeworfen. Es war eine wilde Party bei der eine alte Glastür zu Bruch ging und wir tagelang danach aufräumen mussten.

Es war eine schöne Zeit für uns und die Kinder. Wenn ich Zeit hatte gingen wir an die Seine fischen oder ins Kino. Damals sah ich besonders gerne Wild-West-Filme. Meistens war ich jedoch auf Achse. Auch wenn wir in einem noblen Viertel wohnten, unser Lebensstil war nicht auffällig, vor allem kannte mich dort keiner. Ich war ja ein Israeli, der am Konsulat mit einer besonderen Mission beschäftigt war und die Botschaft durfte ich nicht betreten. Das Konsulat befand sich in der Avenue Marceau und war das Nest des Geheimdienstes.

Edith war in der Zeit Sekretärin an der Schule, die Joav besuchte. Sie war die glücklichste Frau auf Erden, damals in Paris. Wir führten ein sorgenfreies Leben, die Kinder konnten die Metro Tag und Nacht ohne Bedenken benutzen.

Im Mai 2018 Zeichnete ich folgendes Gespräch auf:

Motke: Meine Frau war meine Sekretärin, übrigens die beste Sekretärin die ich je hatte.

Edith: 1949 haben wir geheiratet – ich habe das gar nicht mehr nachgerechnet!

Ich: Ja, ihr seid nächstes Jahr siebzig Jahre verheiratet.

Motke: „Wann war das? 1949! Jesus Christ, man glaubt gar nicht, dass man das so lange übersteht.

Edith: “„Ohh … 70 Jahre sind wir verheiratet nächstes Jahr!? Siebzig!“

Motke: „Gottverdammte siebzig Jahre!“

Edith (lacht): Gottverdammte siebzig …“

Motke: Siebzig Jahre

Edith: Es ist unglaublich.

Motke: Kennengelernt haben wir uns 1947. Medaillen gibt es nicht dafür.

Edith: Nein

Motke: … außer der Ehekrüppelmedaille. Aber überlebt haben wir es auf jeden Fall. Ich erinnere mich noch wie du mich besuchen kamst am Kastel zum Frühstück. Ich wohnte in einem Zelt. Und zum Frühstück brachte ich dir Bohnen mit Corneed Beef und Eiern. Das galt uns im Feld als Delikatesse. Du hast fast gekotzt und wolltest nichts essen. Erinnerst du dich an den Besuch im Kastel?

Edith: Ja – das kann man nicht vergessen!

Motke: Unsere Verlobung wäre beinahe in die Brüche gegangen damals. Aber ich war der Kommandant der Festung.

Edith (lacht): Eigentlich hätte ich damals weglaufen müssen, anstatt …

Motke: Aber ich war stolzer Kommandant vom Kastel! Wir blieben zusammen.

  1. Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten. Ein Kasseler Junge als Soldat der britischen Armee in Nordafrika, Schwerer Sand, 21. Oktober 2017. ↩︎

Islam und Islamismus – Kritik unerwünscht

Der Bericht eines Expertenkreis und das Prinzip Unterwerfung

Am 29. März 2023 teilte das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI) in einer Pressemitteilung mit: „Der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) hat heute nach rund dreijähriger Tätigkeit seinen Abschlussbericht Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz vorgestellt und dem Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) übergeben.“1 Das Vorwort zum präsentierten Abschlussbericht steuerte die deutsche Innenministerin Nancy Faeser bei. Der Bericht beginnt mit der Feststellung, dass „Musliminnen und Muslime Teil unserer Gesellschaft“ seien und wegen ihres Glaubens angefeindet, ausgegrenzt und ausgeschlossen würden. Die Studie ginge der Frage nach, so Faeser, was Muslimfeindlichkeit genau sei und wie man diesem Phänomen begegnen könne.

Die mit Stand Frühjahr 2024 aufgrund einer von Henryk M. Broder erwirkten einstweiligen Verfügung2 weder bestell- noch abrufbare fast 400 Seiten umfassende Studie, diskutiert neben der Vorgabe einer Definition von Muslimfeindlichkeit Daten über das Ausmaß des als vielschichtig begriffenen Phänomens. „Das Vierhundert-Seiten-Papier erweckt schon in seinem schieren Umfang den Eindruck, dass hier ein Problem dramatischer scheinen soll, als es in Wirklichkeit ist. So dichtet [alleine schon] der raunende Titel «Muslimfeindlichkeit – eine deutsche Bilanz» eine historische Dimension herbei, als ginge es um mindestens viereinhalb Jahrzehnte Nachkriegszeit oder drei Jahrzehnte Wiedervereinigung. […] Laut dem Expertenrat nimmt die Hälfte der Deutschen den Islam als Bedrohung wahr und stimmt muslimfeindlichen Äusserungen zu. Aber nach den Ursachen wird nicht gefragt. Wer behauptet, dass ein grosser Teil der deutschen Gesellschaft die Überzeugung vertrete, «der Islam passe nicht in die deutsche Gesellschaft», und diesen als «nicht zugehörig» bezeichne, müsste auch die Gründe untersuchen.“3 Das leistet der Bericht jedoch nicht. Er durchforstet die Bereiche Bildung, Medien, Politik und Kultur, um das Ausmaß von Muslimfeindlichkeit zu ergründen. Illustriert wird dies mit Fallbeispielen aus gesellschaftlichen Debatten um das Kopftuch, den Bau von Moscheen, dem „politischen Islam(-ismus)“, der Karikaturendebatte etc. Vorangestellt wird eine Arbeitsdefinition, die sich als billiger Aufguss des postmodernen Antirassismus erweist: „Muslimfeindlichkeit“ sei nicht nur eine individuelle Einstellung gegenüber Muslimen, sondern eine strukturelle Angelegenheit. Muslime würden zu gesellschaftlich Anderen gemacht, als rückständig und gefährlich angefeindet, wegen ihrer Religion unterdrückt und als schwer integrierbar erklärt. (S. 23) Demzufolge bestünde „Muslimfeindlichkeit (auch: Antimuslimischer Rassismus)“ darin, eine „Zuschreibung pauschaler, weitestgehend unveränderbarer, rückständiger und bedrohlicher Eigenschaften gegenüber Muslim*innen und als muslimisch wahrgenommenen Menschen“ vorzunehmen. Fremdheit und Feindlichkeit seien aber nur konstruiert. (S. 24) Maßgeblich seien „Islamstereotypen“ und „Islamfeindbilder“, die seit Jahrhunderten existierten und über moderne Medien und popkulturelle Ausdrucksformen fest im kulturellen Gedächtnis verankert seien und reproduziert würden. (S. 27) Im Abschnitt über den Begriff „antimuslimischer Rassismus“ erfährt man, dass diese Rassismusform eine spezifische Form des Neo- bzw. Kulturrassismus sei, der unaufhebbare vermeintlich zivilisatorische Wertunterschiede und kulturelle Differenzen behaupte, dabei Gruppen homogenisiere und vom Eigenen durch eine Hierarchisierung abgrenze, was zur Dominanzkultur führe. (S. 28f) Und weil das Wort markieren nach Auschwitz stets die Assoziation mit dem gelben Stern weckt, darf es selbstredend auch hier nicht fehlen: „muslimisch markiert“ würden die Menschen allein schon „aufgrund von Migrationserfahrungen“. (S. 29)

Aus dem Vorsatz, Schnittmengen mit antisemitischen Haltungen zu finden, macht man im Bericht keinen Hehl. (S. 32) Als hätte es in Europa einen Vernichtungsfeldzug und Pogrome gegen Muslime gegeben, als gäbe es von Geheimdiensten lancierte Schriften über die Weisen aus Mekka, als seien tradierte Wahnideen von Moslems als Kindermörder, Hostienschänder und Gottesmörder Bestandteile eines geglaubten Unglaubens.

Es gelte das „bisher wenig beachtete Phänomen der Muslimfeindlichkeit besser“ verständlich machen: „Eine vergleichende Perspektive kann auch herausarbeiten, dass beide Phänomene tatsächlich weniger mit den realen Objekten der Ablehnung zu tun haben als vielmehr mit einer Vorstellung von ihnen, die als Projektionsfläche zur Stabilisierung der eigenen kollektiven Identität“ dienten. (S. 33) Als hätte man es geahnt, folgt dem der Hinweis, dass die These von der Islamisierung ein Phantasma sei, das dem von der „jüdischen Weltverschwörung“ nahe käme. Das ausgesprochene Ziel des Islam, diesen in der ganzen Welt zu verbreiten wird somit zum vermeintlichen Gerücht von einem Streben nach der Weltherrschaft erklärt. Und allen, die diesen tatsächlichen Anspruch des Islam zur Kenntnis nehmen, wird flugs von den Autoren eine dem Antisemitismus ähnliche Weltanschauung unterstellt. (S. 36) Damit man ihnen und ihrem Schwindel nicht so leicht drauf kommt, schieben die Autoren unschuldig dazwischen, dass ein Vergleich letztlich auch in „Abgrenzung zum Phänomen Antisemitismus“ nur der Schärfung eines Begriffs von „Muslimfeindlichkeit“ dienen würde. Gegen einen historischen Vergleich spricht nichts, wenn er dem Gegenstand verpflichtet bleibt und die Arbeit des Begriffs auch dann nicht scheut wenn einem das Resultat nicht passt. Diese Mühe haben sich die Autoren des Berichts nicht gemacht. Das gesellschaftliche Unbehagen über den Islam wird nicht etwa kritisch analysiert. Stattdessen wird dieser Unmut um des vorab gesetzten Imperativs willen, dass gesellschaftliche Toleranz gegenüber einer totalitären Ideologie namens Islam durchzusetzen sei, als rassistische Anwandlung die zudem dem Antisemitismus ähnlich sei, denunziert.

Weil die Autoren wissen, dass Antisemitismus ohne den Holocaust nicht zu denken ist, konstruieren sie eine ideologische Hilfsbrücke um zum Ziel zu gelangen: „Die Situation von Muslim*innen sei nicht mit der staatlich organisierten, systematischen Entrechtung und Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden in der Nazizeit, die zum industriell organisierten Massenmord […] führte, zu vergleichen.“ (S. 33) Hat man das formuliert, kann man das großes „Aber“ folgen lassen, um dem Wahn von der Allmacht des Juden und seines Drangs zur Weltherrschaft einen rationalen Kern unterzuschieben: Aus historischer Perspektive seien „die antisemitischen Diskurse“ im 18. und 19. Jahrhundert als Abwehrreflex gegen Judenemanzipation zu verstehen und deshalb mit den heutigen „Konflikten über die voranschreitende Partizipation von Muslim*innen zu vergleichen.“ (S. 33) Einige Argumente gegen diesen den Antisemitismus rationalisierenden Vergleich werden dann zwar angeführt, jedoch nur, um sie schlussendlich als vorgeschoben zu Zwecken der Abwertung von Muslimen zu desavouieren. So wird einem zentralen Argument, das unter anderem von Monika Schwarz-Friesel unter Berufung auf die Kritische Theorie vorgebracht wurde, das sich gegen die behauptete Nähe und Ähnlichkeit von Antisemitismus und „Muslimfeindlichkeit“ wendet, vehement widersprochen. Schwarz-Friesels hatte ausgeführt, dass „die Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden völlig unbegründet gewesen (sei), vielmehr sei sie nach den Worten von Adorno und Horkheimer eine `pathische´, also krankhafte Projektion. Dagegen sei die heutige Feindschaft gegen Muslim*innen auch mit der Wahrnehmung des gewaltbereiten Islamismus sowie Übergeneralisierungen bestimmter im Islam verbreiteter Phänomene zu erklären“. Dagegen wendet man ein: „Diese Unterscheidung ist […] empirisch nicht belegt und argumentativ stark verkürzt. Sie birgt die Gefahr, Muslimfeindlichkeit zu `legitimieren´“. (S. 34) So entledigt man sich nicht nur der als notorisch lästig empfundenen Kritischen Theorie, sondern macht aus Adorno und Horkheimer gleich noch Vordenker des antimuslimischen Rassismus.

Die Rechtsordnung Deutschlands bedarf einer intensiven Überprüfung, ob und inwieweit die religiöse und weltanschauliche Heterogenität im Sinne gleichberechtigter Teilhabe umgesetzt ist. (UEM) (Bild)

Das Prinzip Denunziation

Mindestens seit dem Jahr 1979 liegt der Überzeugung, „der Islam passe nicht in die deutsche Gesellschaft“, die im Bericht unter der Rubrik „pauschale Vorbehalte“ abgetan wird (S. 50), eine zwar nicht unmittelbare dafür aber durch die iranische Revolution mittelbare Erfahrung islamischer Gewalt zugrunde. Doch diese ist älter und geht auf die über Jahrhunderte immer wieder in das kollektive Bewusstsein drängende Erfahrung von der islamischen Bedrohung des christlichen Abendlandes zurück, zu dem im frühen Mittelalter noch die gesamte Levante gehört. Man könnte diese über lange historische Phasen überkommene Erfahrung als longue durée der Skepsis und Ablehnung des Islam bezeichnen. Die Vorurteile gegen Moslems und die Abneigung gegen den Islam haben eben darin ihren rationalen Kern, der sich seit 1979 zunehmend zur Grundlage eines Alltagsbewusstsein wandelte. Seither hat die Islamfeindlichkeit des Alltagsverstandes zwingend etwas mit dem erfahrenen konkreten Islam zu tun. Der Bericht, der dazu beitragen soll, den Begriffen „Muslimfeindlichkeit“ und „antimuslimischer Rassismus“ auf den Grund zu gehen, muss folglich die konkreten Erfahrungen zu Ergebnissen von Unkenntnis und irrationaler Skepsis umdeuten. (S. 8) Ganz im Sinne postmoderner Ideologie, bei der alles nur noch eine Frage von Narrativen, Diskursen und Sprechorten ist über die man die Hegemonie erlangen muss, wird jede Erfahrung zu „rassistischen Sprechakten“ eines „toxischen Diskursraums“ abgekanzelt, was zu allem Überfluss mit „pogromartigen Gewalt“ wie sie in Hanau zum Ausbruch gekommen sei, kurzgeschlossen wird. (S. 12)

Wer sich im Dschungel, um nicht zu sagen Kriegsgebiet voller Sprechakte und Diskursräume wähnt, wo alle gegen alle um die Macht kämpfen, fordert folgerichtig die Schaffung von Meldestellen. Deswegen werden mittlerweile nicht nur „Aktionswochen gegen antiislamischen Rassismus“ veranstaltet, sondern auch ein von der EU gefördertes Meldeportal für „antiislamischen Rassismus“ und „Islam- und Muslimfeindlichkeit“ betrieben (i-report.eu). Dieses Portal ist ein Projekt der offiziell als NGO geführten und mit mehreren hunderttausend Euros von der Bundesregierung geförderten Allianz gegen Islamfeindlichkeit, kurz Claim. Die auch hier offensichtliche Anleihe an bekannte Formen des Kampfes gegen Antisemitismus ist durchsichtig und infam, verbergen sich hinter den Initiatoren dieser Stellen doch Verbände, die dem Umfeld des legalistischen und stets antisemitischen Islamismus (DITIB; Milli Görüs u.ä.) oder dem Umfeld der ebenfalls stramm antisemitischen Muslimbrüderschaft zuzuordnen sind. Am Beispiel des eingerichteten Meldeportals I-Report reichen einige Klicks um herauszufinden, dass der Träger Claim mit der Studenten- und Akademikertruppe RAMSA, der islamistischen Gruppe Inssan und diese wiederum mit der einschlägigen Islamic Relief zusammenarbeiten.4 Solche Zusammenhänge zu benennen, kann wiederum nur Ausdruck von „antimuslimischem Rassismus“ sein und um den Irrsinn perfekt zu machen, ein Meldefall für I-Report sein.

Im Kapitel über das Prinzip der „Kontaktschuld“ als eine weitere Form von „Muslimfeindlichkeit“ wird vorgeführt, wie so etwas funktioniert. Der Bericht beklagt: „Die Kontaktschuld-Vorwürfe kommen häufig von sogenannten ‚Islamexpert *innen‘, die versuchen, muslimische Personen des öffentlichen Lebens zu inspizieren und eine ihnen unterstellte problematische Gesinnung aufzudecken. Dabei treffen sie Pauschalurteile und erzeugen über mediale Skandalisierung besondere Aufmerksamkeit. Nicht wenige von ihnen haben dabei kaum fundierte fachliche Expertise. Verfassungsschutzämter und andere Stellen nutzen sie dennoch als wissenschaftliche Quellen“. (S. 98, Hvh. J.D.) Als solche zu unqualifizierten gesinnungsschnüffelnden inoffiziellen Mitarbeiter erklärte Personen werden im Bericht unter anderem Sigrid Hermann und Henryk M. Broder genannt. Beide klagten gegen die verfälschenden und persönlich diffamierenden Zuweisungen, wobei Henryk Broder eine einstweilige Verfügung erwirken konnte, aufgrund der der Bericht vom Netz genommen werden musste und nicht weiter vertrieben werden konnte.5 Die Denunziation der beiden Islamkritiker macht deutlich, dass der vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebene und finanzierte Bericht den Auftrag einer demokratischen Regierung verkehrt. Statt die Persönlichkeitsrechte seiner Bürger zu schützen, führt man sie staatsoffiziell zu dem Zweck vor, ihre fundierte Kritik einer totalitären Ideologie zu diskreditieren und schließlich zu unterbinden. Es ist ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik, dass Personen von regierungsoffizieller Seite zu Feinden der offenen Gesellschaft erklärt werden, die mit den Mitteln der Aufklärung einer totalitären Ideologie entgegen treten.

Umgestaltung der Republik

Doch damit nicht genug. Bei genauerer Lektüre wird deutlich, warum man den Bericht Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz besser `Handreichung zur Islamisierung der Gesellschaft´ genannt hätte. Als säßen islamistische Propagandisten nicht schon in den Rundfunkräten oder nutzten sie nicht schon das Curriculum des Religionsunterrichts dazu, israelfeindliche Ideologie zu verbreiten6 werden im Bericht Kriterien definiert, wie Moslems und ihre Verbandsvertreter in den zentralen gesellschaftlichen Bereichen Bildung, Medien, Politik und Kultur an Sichtbarkeit und Einfluss gewinnen können. Ziel sei „die gleichberechtigte Teilhabe muslimischer Akteur*innen und Organisationen […] insbesondere im kulturellen und sozialen Bereich […,] die nachhaltige Förderung von Film- und Theaterproduktionen, welche die Vielfalt muslimischer Lebenswelten thematisieren und [diese] so im öffentlichen Raum sichtbar machen“. Es ginge um gezielte „Öffnungsprozesse hinsichtlich der Darstellung des Islams und muslimischen Lebens, um verbreitete Stereotype in islambezogenen Kunst- und Kulturausstellungen zu vermeiden“. (S. 16ff) Kurzum, das verkündete große Ziel lautet: „Nachhaltige Entwicklung und Förderung von gleichberechtigter Teilhabe und Repräsentation von Personen mit muslimischen Identitätsbezügen in allen staatlichen Einrichtungen und Handlungsstrukturen“ sowie die „gleichberechtigte Teilhabe muslimischer Akteur*innen und Organisationen an staatlichen Förderungen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene […]“ (S. 16 f.)

Dass ein solche Umgestaltung der Republik nicht ohne einen verfassungsrechtlichen Eingriff auskommen kann, räumt man unumwunden ein: „Die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland [beruht] auf historischen Entwicklungen, die sich an Gegebenheiten und Erwartungen der früher in religiöser Hinsicht auf das Christentum hin zentrierten Gesellschaft ausgerichtet haben. Es bedarf daher einer intensiven Überprüfung, ob und inwieweit in der Gegenwart die religiöse und weltanschauliche Heterogenität im Sinne gleichberechtigter Teilhabe tatsächlich bereits umgesetzt wurde und wo noch Handlungsdefizite bestehen.“ (Hvh. J.D.) Dieses Plädoyer für den auf den Islam bezogen buchstäblich fundamentalen Umbau der auf Religionsfreiheit und der Freiheit von der Religion beruhenden säkularen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland wurde von Personen wie die sich gern als demokratiefest und modern gebenden Agitatorin des Antirassismus Saba-Nur Cheema verfasst, die unter anderem an der staatlich hoch subventionierten Anne Frank Bildungsstätte beschäftigt ist. Cheema, die stets hervorhebt, sie lehne „menschenfeindliche Ideologien“ ab und betreibe Bildungsarbeit nicht nur gegen Rassismus, sondern auch gegen Antisemitismus, blieb es vorbehalten lapidar darauf zu verweisen, das alles was die Bürger in ihrer Mehrheit am Islam ängstigt und empört in einem für das Bundesinnenministerium noch nicht einmal eine Beschäftigung wert ist: „Die unbestrittenen Probleme eines islamisch-religiös begründeten Extremismus sind nicht Gegenstand des Arbeitsauftrags“. (S. 8)

Ausführlich: „Handreichung zur Islamisierung“, in der Bahamas, Ausgabe 94

  1. Bundesministerium des Innern und für Heimat, Pressemitteilung, 29.06.2023. ↩︎
  2. Erfolg für Broder: Innenministerium entfernt umstrittene Studie zur Muslimfeindlichkeit ganz, Jüdische Allgemeine, 01.03.2024. ↩︎
  3. Ist jeder zweite Deutsche muslimfeindlich? Das deutsche Islamdebakel geht weiter, in: NZZ, 25.07.2023. ↩︎
  4. I-Report ist ein Meldeportal für antimuslimische Übergriffen und Diskriminierung. Das Portal stellt sich so vor: „Wir erfassen und dokumentieren antimuslimische Vorfälle. Sind Sie Betroffene*r oder Zeug*in eines antimuslimischen Übergriffs oder einer Diskriminierung geworden? Melden Sie Ihren Fall – Machen Sie antimuslimischen Rassismus sichtbar!“ ↩︎
  5. Zu Sigrid Hermann siehe: Jonas Dörge, Attacke aus dem Innenministerium gegen Kritikerin des Islamismus, Ruhrbarone, 01.09.2023. Über die einstweilige Verfügung Henryk M. Broders, siehe: Publizist gewinnt Rechtsstreit: Faeser darf Broder nicht als islamfeindlich hinstellen lassen, Tagesspiegel, 05.02.2024. ↩︎
  6. Nathan Giwerzew, Studie: Mehr als jeder Dritte angehende islamische Religionslehrer hält Juden für Feinde, in: Berliner Zeitung, 02.05.2024. ↩︎

Der Vizekanzler Habeck und seine „Schutzjuden“

Zur Kritik der „historischen Verantwortung“

Während man die Regierungserklärung von Olaf Scholz zum Überfall der islamischen Mordkommandos auf Israel am 7. Oktober eher unbeeindruckt hinnahm, heimste der deutsche Vizekanzler Robert Habeck viel Lob dafür ein, als er am 2. November mit zerknittert-sorgevollem Dackelblick und in pastoralem Tonfall zum Thema „Krieg in Nahost“, Israel und Juden dozierte.1

Wie die Verfasser aller offiziellen Statements zum Massaker der Einsatzgruppen der Hamas, so gab sich auch Habeck von der historischen Verantwortung Deutschlands überzeugt: „Die Gründung Israels war danach, nach dem Holocaust, das Schutzversprechen an die Jüdinnen und Juden – und Deutschland ist verpflichtet zu helfen, dass dieses Versprechen erfüllt werden kann.“ Ob solcher missionarischen Worte, die insinuieren, dass die Juden letztlich froh darüber sein könnten, dass die deutsche Tat ihnen endlich ihren eigenen Staat ermöglicht habe, durfte man gespannt sein, was folgte. Wie für fast alle Deutschen scheint es auch für Habeck ein historische Randerscheinung zu sein, dass der Zionismus eine originär nationale Idee der Juden ist, die Ende des 19. Jahrhunderts dazu führte, eine Bewegung ins Leben zu rufen, die nicht nur den Juden angesichts antisemitischer Verfolgung in Osteuropa und grassierendem Antisemitismus in den aufgeklärten Staaten Westeuropas eine sichere Heimstatt errichten wollte, sondern die auch in nationaler Selbstbestimmung die Gründung eines jüdischen Nationalstaates zum Ziel hatte. Dass es der Zionismus und nicht Auschwitz war, der den Juden endgültig aus dem Status des Schutzjuden befreit hat, scheint sich in Deutschland bis heute kaum herumgesprochen zu haben. Offenbar passt es nicht recht ins Weltbild eines deutschen Vizekanzlers, dass es in der eigenen Verantwortung der jüdischen Nation und ihrer bewaffneten Sicherheitsorgane, der Israelischen Armee, des Geheimdienstes und der israelischen Polizei und, ja, auch der bewaffneten israelischen Zivilisten liegt, dafür zu sorgen, dass für Juden eine sichere weil wehrhafte Heimstatt existiert. Statt das zu begrüßen und in den Vordergrund seiner Rede zu stellen, bemühte Habeck den mittlerweile urdeutschen Textbaustein von der „Verantwortung unserer Geschichte“ – in dem deutsche Täter gar nicht mehr vorkommen, sondern allen ernstes die Geschichte als eigentlicher Akteur. Die Geschichte also verbürge, „dass Jüdinnen und Juden in Deutschland frei und sicher leben können. Dass sie nie wieder Angst haben müssen, ihre Religion, ihre Kultur offen zu zeigen.“ Solches an Schutzbefohlene gerichtete Versprechen enthält immer auch die Drohung an die Juden hierzulande, sich entsprechend dankbar zu geben. Schon deshalb ist der ängstliche Jude, der nur dank deutscher Fürsorglichkeit „nie wieder Angst“ haben muss, der deutschen historischen Verantwortung liebstes Kind – als Schutzjude nach Auschwitz sozusagen. Wenn Habeck wie viele andere beflissene deutsche Schutzpatrone davon redet, dass Juden „ihre“ Religion und Kultur leben können sollen, dann ist die Nähe solch erwünschten „jüdischen Lebens“ zu den unsäglichen kolonialen Völkerschauen, die vor um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland beliebt waren, viel größer als man hierzulande jemals begreifen wird. Dieses der Zoologie verbundene Denken steht zugleich für das Nicht-Begreifen des ideologischen Kerns des Antisemitismus, der eben nichts damit zu tun hat, dass Juden „ihre“ Religion und „ihre“ Kultur nicht leben könnten oder daran gehindert würden. Nicht wahrhaben zu wollen, dass der Antisemit in ihnen den Juden als den Repräsentanten des Gegenvolks sieht, ist Ausdruck kollektiver Verdrängungsleistung, die, weil man nichts davon wissen will, wie sehr der Antisemitismus im Nationalsozialismus uniformierte Partei- und zivil gekleidete Volksgenossen zusammengeschweißt und zur Vernichtungsleistung angetrieben hat, folgerichtig auch den antisemitischen Volksgemeinschaftsgeist der Palästinenser beschweigt. Was man hierzulande unter einem angstfreien Schutzjuden versteht, der in erster Linie nicht mehr Individuum zu sein hat, sondern zur Freude der Deutschen zuallererst die Personifikation jüdischen Lebens verkörpern soll, hat Nikolai Klimeniouk auf den Punkt gebracht. Als Der Spiegel Ende Oktober titelte „Wir haben Angst“ und damit die Gemütslage aller in Deutschland lebender Juden meinte wiederzugeben, schrieb Klimeniouk den Deutschen ins Stammbuch: „Sie wollen, dass wir Angst haben. Sie brauchen verängstigte Juden, die man großzügig rhetorisch in Schutz nehmen kann, um sie dann mit gutem Gewissen zu bevormunden. Sie brauchen ohnmächtig vor Wut zappelnde Juden, auf die man mit einer Mischung aus Mitleid und Ekel herabblicken und sie dabei in guten Manieren unterweisen kann. Was sie nicht ertragen können, sind selbstbewusste und erst recht wehrhafte Juden, die ihren Peinigern richtig wehtun […].“ (FAZ, 02.11.23)

Weil dem besorgten und verantwortungsbewussten Deutschen beim Stichwort Antisemitismus entgegen aller Evidenz als erstes Rechtsextremismus, struktureller und sekundärer Antisemitismus oder die Verschwörungstheorien und gelben Sterne von Coronaleugnern einfallen, stach zwar heraus, dass Habeck in seiner Rede immerhin auf die Erben der antiimperialistischen 68er-Linken zu sprechen kam, die als junge Verfechter des Antikolonialismus nicht dem Antisemitismus verfallen dürften. Angesichts der antikolonialen Schergen der Hamas, die den Suren des Korans und nicht dem Parteiprogramm der AfD oder den Ausführungen Björn Höckes folgen, musste jedoch eine besonders raffinierte Volte her, um das einigende Band von Zivilgesellschaft und Staatsauftrag, das Engagement gegen Rassismus, Rechtsextremismus und AfD, zu beschwören. Warum es keine Nazis oder Rechtsextreme seien, die nach dem 7. Oktober gegen Israel und die Juden auf die Straße gingen, läge nur daran, so Habeck, dass die sich aus taktischen Gründen mit der Artikulation ihres Judenhasses zurückhielten, „um gegen Muslime hetzen zu können.“

Wo nach dem Massaker in Israel die öffentlichen Kundgebungen gegen den Islam und dessen Exekutoren von der Hamas mit oder ohne Rechtsextreme stattgefunden haben sollen, hat der Vizekanzlers nicht verraten. Stattdessen zeigen die Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen, rechtsextreme Parolen wie „Israel ist unser Unglück!“ und öffentlich gezogene „Bombenholocaust“-Vergleiche von Gaza mit Dresden, dass sich Rechtsextreme, ob mit Schnellroda- oder Borussenfronthintergrund, keineswegs zurückhalten und ihren Brüdern mit Ramallah- und Gazahintergrund in ihrem Wahn kaum nachstehen. Weil diese rechtsextremen Judenhasser jedoch Streiter randständiger Kleinstgruppen wie Die Rechte oder III. Weg sind, musste Habeck unabhängig davon, was die Granden der AfD zu Israel zu sagen haben, aus reiner Verlegenheit, den judenhassenden AfDler nicht präsentieren zu können, als Running-Gag den mittlerweile reichlich abgehangene Fliegenschiß-Gauland aus der Mottenkiste holen. Dabei hätte er durchaus Grund gehabt, auf Maximilian Krah, den Spitzenkandidaten der AfD zur Europawahl, zu verweisen. Denn der hatte durchaus anschlussfähig an den politischen Mainstream auf einer Tagung des Schnellrodaer Institutes für Staatspolitik ausgeführt, dass man Israel genauso freundlich gesinnt gegenüber sei wie dem Weltislam, was nur bedeutet, dass man Israel den Weg verstellen müsse wenn es sich daran mache wie damals die Alliierten in Dresden, heute in Gaza den ironisch „böse Zivilbevölkerung“ genannten unschuldigen Menschen den Willen zu brechen.2 […]

Das vielfältige Lob, dass Robert Habeck einheimste, mag auch damit zusammenhängen, dass er ein Gespür für den Gemütszustand der Deutschen hatte, als er in paternalistischer Manier in seiner Rede so fortfuhr: „Zusammen mit unseren amerikanischen Freunden machen wir Israel immer wieder deutlich, dass der Schutz der Zivilbevölkerung zentral ist“ und sich damit garnicht grundsätzlich von Krah unterschied. Und so durfte auch die Moralkeule nicht fehlen, die in Deutschland parteiübergreifend gegen den „Problemjuden“ im Nahenosten in Anschlag gebracht wird: „[…] Das Leben in Gaza ist Leben in Perspektivlosigkeit und Armut. Ja, die Siedlerbewegung in der Westbank schürt Unfrieden und nimmt Palästinensern Hoffnung und Rechte – und zunehmend auch Leben.“

Sowohl Scholz als auch Habeck zeigten sich in ihren Reden empört über die Aufmärsche der Jubelpalästinenser auf deutschen Straßen. Doch so wie die Sanktionen gegen die Judenhasser aus dem Morgenland ausblieben, entpuppte sich auch das Vorgehen gegen die hierzulande agierenden Judenhasser mit Morgenlandhintergrund als heiße Luft. Zwar wurde anfänglich die eine oder andere Demo untersagt, erfolgte das längst überfällige Verbot der sich links begreifenden Terrorvorfeldorganisation Samidoun und verschärfte sich endlich die Gangart gegen die Iran-nahe Blaue Moschee in Hamburg. Zu einem denkbaren Stopp der Zuwanderung aus arabischen Ländern wird es jedoch ebensowenig kommen wie dazu, dass die randalierenden Jubelpalästinenser wirkliche Konsequenzen wie ihre Abschiebung oder massenhafte Ermittlungen wegen Volksverhetzung, dem Tragen verfassungswidriger Kennzeichen respektive Landfriedensbruch fürchten müssen. […]

Die Diskreditierung der Kritik am Islam war dann die Aufgabe Walter Steinmeiers. Der formulierte das so: „Es darf keinen antismuslimischen Rassismus und auch keinen Generalverdacht gegen Muslime geben.“3 Womit nicht nur er wohl sagen wollte, dass die Hamas genausowenig mit dem Islam zu tun habe wie der Islam mit der Hamas und Allahu Akbar-Rufe auf deutschen Straßen nur von Weltoffenheit und bunter Vielfalt zeugen.

Scholz, Habeck und Steinmeier, die drei höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik, wiederholten in ihren Reden gebetsmühlenartig, dass Palästina nicht Hamas und die Hamas nicht Palästina sei. So gerät ihnen gar nicht erst in den Blick, dass es in den Zugewanderten und ihren Nachkommen, die sich als Palästinenser oder sich als ihre verbündeten Brüder und Schwestern betrachten, mehrheitlich ähnlich denkt wie in ihren Volksgenossen in der Westbank und in Gaza.4 Meinte man es mit der Staatsräson ernst, dann müsste eine solche Bevölkerungsgruppe längst als Problem für die öffentliche Ordnung in Deutschland gelten und deshalb nicht nur dringend zum Verdachtsfall des Verfassungsschutzes werden, sondern ernsthaft in Betracht kommen, ob man nicht mindestens große Teile dieser Gruppe zu dem erklärt, was man einst in den USA und in Großbritannien Enemy Alien nannte. […]

Mehr dazu im Aufsatz: „Anspruch und Wirklichkeit der deutschen Staatsräson“, in der Bahamas, Ausgabe 93

1 Die Rede Robert Habecks wurde am 01. November 2023 auf dem Social-Media-Kanal X verbreitet. Am 2. November 2023 veröffentliche die Süddeutsche Zeitung die Rede im Wortlaut. Die Zitate entstammen der Veröffentlichung in der SZ. Habecks Rede zur Situation in Israel im Wortlaut, SZ, 02.11.2023.

2 Kontrovers: Maximilian Krahs Vortrag über Nahost und Geschichtspolitik, in: Sezession, 30.11.2023.

3 Frank-Walter Steinmeier, Runder Tisch zum friedlichen Zusammenleben, 08.11.2023.

4 Heiko Heinisch hat jüngst darauf hingewiesen, dass antisemitische Übergriffe überwiegend von muslimischen Tätern begangen werden. Der Hintergrund dieser Entwicklung hängt – wenig überraschend – eng mit der enormen Verbreitung antisemitischer Einstellungen in den Herkunftsländern der Täter zusammen. Heiko Heinisch, Antisemitismus: Benennen woher die Gefahr kommt, in: Die Presse, 4.12.2023.

Vor 80 Jahren – Operation Züchtigung

In der Nacht zum 17. Mai 1943 griff ein Spezialkommando der Royal Air Force die Edertalsperre erfolgreich an. Mit einer der neu entwickelten Rollbomben gelang es der Besatzung eines der beteiligten Lancaster-Bomber, die Dammkrone der Edertalsperre zu treffen. Die Bombe riss ein großes Loch in die Talsperre. Über den stark beschädigten Damm ergossen sich enorme Wassermassen in das Edertal. In den unterhalb der Sperrmauer gelegenen Dörfern kommen zwischen 50 und 80 Menschen in den Fluten um, viele Häuser wurden zerstört und auch in Kassel kam es noch zu Überflutungen.

All jene Opfer

Die FAZ nimmt dieses Ereignis zum Anlass einen Artikel zu veröffentlichen in dem auf die geplante Gedenkveranstaltung anlässlich des 80igsten Jahrestages hingewiesen wird. Das Plakat zur Ankündigung der „3. Internationalen Gedenkveranstaltung 80. Jahrestag der Zerstörung der Talsperren“ führt im Untertitel die Zeilen „Erinnerung an die Opfer sowie alle Opfer des Weltkrieges 1939 – 1945 in Freundschaft und Versöhnung“. Zu sehen sind die Fahnen Deutschlands und Hessens, darunter die der Westalliierten. Die FAZ zitiert Oliver Köhler vom Verein Sperrmauer Museum wie folgt: „Gerade heute kann man das Gedenken an alle jene Opfer nicht deutlich genug betonen, weil es für uns eine ernste Mahnung ist, den Frieden zu bewahren“ und „der Ukraine-Krieg bestätigt uns darin, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.“

Die Veranstalter sprechen von allen Opfern. Nicht nur Bewohner in den Dörfern kamen ums Leben sondern auch 50 Soldaten der Royal Air Force bezahlten die Einsätze gegen einige Talsperren in Deutschland mit ihrem Leben. Sie gehören, wie 79.000 ihrer Kameraden der Royal Air Force, zu denen, die von ihren Einsätzen gegen Nazideutschland nicht zurückkehrten. Sie stehen dafür, dass der Krieg gegen das verbrecherische Nazi-Regime einen hohen Preis hatte, insbesondere weil dieses sich bis 1945 auf eine große Zustimmung in der Bevölkerung stützen konnte und gegen dieses sich nur der Widerstand weniger, gesellschaftlich völlig isolierter, Individuen und klandestin operierender Gruppen richtete. Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen ist es auch heute perfide, von den Opfern zu sprechen, auch dann, wenn heute die Vertreter der Regierungen der damaligen Alliierten auf den Gedenkveranstaltungen mit den Vertretern der Regierung der Täternation viel zu oft, gute Mine zum bösen Spiel machen.

Der Film THE DAM BUSTERS setzt den britischen Fliegern, die gegen Nazi-Deutschland flogen, ein Denkmal

Frieden bewahren

Lange, viel zu lange hegten die Alliierten die Illusion, den Frieden zu bewahren. Das war nach der Schlächterei im Ersten Weltkrieg eine verständliche aber wie es sich zeigte, eine völlig illusorische Hoffnung.

Den Frieden zu bewahren, indem man wie Frankreich und England Zugeständnisse an die Regierung Hitler machte und die einzige demokratische Nation östlich des Rheins, die Tschechoslowakei dem Nazireich zum Fraße vorwarf, oder indem man, wie die Sowjetunion unter Molotow und Stalin meinte, sich mit Deutschland einigen zu können, um gemeinsam die polnische Nation auszulöschen, bedeutete Nazideutschland den Weg zum Angriffs- und Vernichtungskrieg zu bahnen. Ohne Nazideutschland und Russland unter Putin auf eine Stufe zu stellen, es waren gerade jene Versuche der europäischen Staaten, insbesondere Deutschlands und Frankreichs, mit dem sogenannten Normandie-Format und dem Minsker Abkommen den Frieden zu bewahren, die dem Putin-Regime den Weg zum Angriff auf die Ukraine bahnten. Der Bezug den Köhler zum Ukraine-Krieg zieht ist eine so falsche wie beliebte Schlussfolgerung unter jenen, die meinen, die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg hieße nicht etwa „Nie wieder Faschismus!“ sondern: „Nie wieder Krieg!“

1943, zur gleichen Zeit als britische Bomber über Deutschland versuchten, das Räderwerk der Vernichtungskrieger zu stören, zogen deutsche Sicherheitskräfte mordend und brennend durch Weißrussland und die Ukraine und löschten dort Dörfer tatsächlich aus. In tausenden Dörfern Weißrusslands und der Ukraine wurden die Bewohner in Kirchen und Scheunen getrieben um sie mit Handgranaten, Maschinengewehren und Flammenwerfern zu ermorden, die Dörfer wurden den Erdboden gleichgemacht. Es sollen 7.000 Dörfer gewesen sein. 1943, zur gleichen Zeit als die Wehrmacht versuchte, eine ganze Millionenstadt mit ihren Bewohnern tatsächlich zu vernichten. Die Bewohner Leningrads starben täglich zu Tausenden. 1943 waren die meisten der noch im deutschen Reich verbliebenen Juden – auch die Juden aus dem Edertal – in die Vernichtungslagern Auschwitz, Sobibor und Treblinka deportiert und dort oder in den Wäldern bei Riga bereits umgebracht.

Das schrecklichste und traurigste Kapitel

Edertals Bürgermeister Klaus Gier wird dann in der FAZ wie folgt zitiert: „Der 17. Mai markiert noch heute das schrecklichste und traurigste Kapitel in unserer Gemeinde“ und die FAZ schreibt, es seien Gedenkveranstaltungen in Affoldern, dem Ort „den die Flut fast auslöschte“, geplant. Der Ort wurde nicht fast ausgelöscht. Affoldern wurde stark zerstört, die meisten Einwohner überlebten jedoch die Flutwelle. Pläne sie umzusiedeln widersetzten sie sich. „Die Bevölkerung ging mit Elan an den Wiederaufbau heran“, hieß es 1968 in der HNA.

Das Gebiet Edertal gehörte während der Weimarer Republik zum „Freistaat Waldeck“, in dem die rechtsnationale und republikfeindliche DNVP und völkisch orientierte Bauernverbände schon Anfang der zwanziger Jahre die dominierenden Kräfte waren, an deren Stelle dann zu Beginn der Dreißiger Jahre die NSDAP trat. Aufbauend auf die in der Region tief verwurzelten antisemitischen Vorurteile und den Erfolgen der Antisemitenparteien im vorhergehenden Jahrhundert stießen die Nationalsozialisten in diesem Bezirk auf offene Ohren. Schon vor 1933 entwickelte sich die NSDAP im ehemaligen Freistaat Waldeck und auch im Kreis Eder zur dominierenden Kraft.

Alle sind Opfer, insbesondere die Toten der Täternation. Die derer man nicht denkt, sieht man nicht. Das Edertal ist „judenfrei“.

In einigen Dörfern des Kreis Eder, u.a. in Affoldern, lebten Juden, die häufig schon zu Beginn der NS-Herrschaft die Ortschaften verließen um zunächst in den umliegenden Städten Zuflucht zu finden oder um auszuwandern. Die meisten der über 50 Juden, die aus Affoldern kamen, wurden Opfer der Vernichtungsmaschinerie des NS-Staates.

Die Züchtigung durch die Royal Air Force traf nicht die Falschen. Die meisten der Bewohner überlebten die Angriffe der britischen Bomber, die meisten Juden die Verfolgung und Vernichtung durch die deutsche Volksgemeinschaft und NS-Staat nicht. 1968 hieß es in der HNA: „Wenn man heute durch das Edertal fährt, sieht man nichts mehr von der damaligen Katastrophe. Die Dörfer sind schöner geworden.“ Juden gibt es dort keine mehr.

Literatur und Links

Günter Steiner, Waldecks Weg ins Dritte Reich, Kassel 1990.

Lebensläufe Affoldener Juden.

Luftangriff auf die Edertalsperre 1943.

Ralf Blank, Die Nacht des 16. / 17. Mai 1943. Operation Züchtigung: Die Zerstörung der Möhne-Talsperre.

Angriff auf die Edertalsperre, FAZ, 15.05.2023.

Zwei staatlich geförderte Gastprofessoren und antisemitische Pamphlete

Ruangrupa und die antiisraelische Agitation

Mit Reza Afisina und Iswanto Hartono sind zwei Mitglieder der Ruangrupa als DAAD-Gastprofessoren an der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK) berufen worden.1 Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ist eine Förderorganisation für den Austausch von Studenten und Wissenschaftlern, die überwiegend öffentlich finanziert ist. Über die Hälfte des Gesamthaushaltes werden vom Auswärtigen Amt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgebracht. Die beiden staatlich geförderten Gastprofessoren gehören zu denen aus der Ruangrupa, die sich als Antizionisten geoutet haben.

Die Ruangrupa besteht aus 10 oder elf Personen. Auch wenn die Gruppe sich gerne als die Unschuld vom Lande präsentiert, deren Mitglieder kein Wässerchen trüben können und nach Ansicht vieler Apologeten Fröhlichkeit verbreiteten, fünf ihrer Aktivisten haben den „A Letter against Apartheid“ unterzeichnet. Zwei der Unterzeichner, Ade Darmawan und Farid Rakun wurden im Zusammenhang der documenta 15 immer wieder als die beiden führenden Köpfe der Ruangrupa präsentiert. Farid Rakun hat darüber hinaus den „Open letter to the Fundacao Bienal Sao Paulo“ unterzeichnet, der sich im Jahr 2014 gegen die finanzielle Unterstützung der Bienale in Sao Paulo durch die israelische Botschaft wandte. Neben Mirwan Andan als fünften im Bunde, sind mit Iwanto Hartono und Reza Afisina zwei der weiteren Unterzeichner als Gastprofessoren an die HfbK berufen worden. Traditionsgemäß haben sie beide seit dem Sommersemester 2022 auch eine Gastprofessur an der Kasseler Hochschule erhalten.2

Die Ruangrupa war diejenige Gruppe, die auf der documenta 15 unmittelbar dafür verantwortlich war, dass antizionistisch ausgerichteten Agit-Prop-Gruppen wie Taring Padi, The Question of Funding, Subversive Film u.a., Antizionisten wie Hamjah Ahsan, Jumana Emil Abboud, Emily Dische-Becker, Lara Khaldi u.a. eine weltweit beachtete Bühne geboten wurde, auf der z.T. antisemitische Exponate präsentiert wurden.3

Der „A Letter against Apartheid“ wurde anlässlich der militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Hamas und Israel im Frühjahr 2021 vor allem von palästinensischen Kulturschaffenden verfasst. Die israelische Armee hatte Raketenstellungen und Kommandocenter der Hamas angegriffen, nachdem diese im Ausmaß bisher beispiellos Israel völlig wahllos mit Raketen beschossen hatte. Die militärischen Aktionen der Israel Defence Forces (IDF) zum Schutz der israelischen Bevölkerung bezeichnet dieser Brief als ein weiteres Massaker (another masscre), als einen bewussten Akt (intentional pattern) Familien zu töten und unterstellte ihr den Zweck, die lokale Infrastruktur im Gaza zu zerstören. Der Gaza wird von den Unterzeichnern nicht als eine von der islam-faschistischen Hamas beherrschten Zone betrachtet, sondern als ein Ganzes, dem sich die Unterzeichner zugehörig fühlen (we are one people). Die Unterzeichner stellen sich somit an die Seite der Hamas. Die Trennung zu anderen Gebieten, also zur Westbank und den dort herrschenden Banden, sei der gewaltsamen Trennung durch den jüdischen Staat geschuldet.

Im Krieg der Hamas gegen Israel sehen die Unterzeichner keinen Kampf der Islamisten zur Vernichtung des jüdischen Staates und Vertreibung der Juden, auch keinen Kampf zweier Kriegsparteien, der Krieg sei vielmehr Ergebnis der israelischen Kolonial- und Apartheidspolitik. Diese habe dazu geführt, dass man sich als große Einheit der Palästinenser begreife, die überall in der Welt auf Unterstützung treffe. In dem Brief wird behauptet, in Städten flanierende Palästinenser würden von bewaffneten israelischen Soldaten und Zivilisten attackiert ermordet und gelyncht. Ein Konflikt, den der Brief herausstellt ist der juristisch ausgefochtenen Streit um die Eigentumsverhältnisse eines Hauses in einem Stadtviertel Jerusalems. In der Gerichtsentscheidung zugunsten der jüdischen Eigentümer sehen sie ethnischen Säuberungen (ethnic cleansing).4 Ferner wird in dem Brief beklagt, dass die palästinensische Gemeinschaft systematisch am Recht der Rückkehr gehindert, gewaltsam zerstreut und seit der „Nakba“ ausgelöscht (erased since An-Nakba) würde. Der Verteidigungskrieg der Israelis wird als Fortsetzung eines seit 1948 fortwährenden „Siedlerkolonialismus“5 betrachtet.

Der Brief fordert die Welt dazu auf, die Unterstützung Israels zu beenden und das „Apartheidsregime“ in Israel zu demontieren. Wegen seiner „Verbrechen gegen die Menschheit“ (crimes against humanity) sei der israelische Staat mit Sanktionen zu belegen, Handelsbeziehungen und kulturelle Kontakte zu Israel sollten beendet werden. Die Künstler und Aktivisten werden aufgefordert den Kampf der Palästinenser zu unterstützen. Zum Schluss wird betont, es sei zynisch „legitime Kritik“ am Staat Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen (conflating).

Der Brief beschreibt was er unter „legitime Kritik“ Israels versteht: Ein Staat, in dem Araber – trotz des seit 1948 andauernden Krieges gegen Israel – die gleichen Rechte haben wie die Juden, in dem sie im Parlament und den kommunalen Gebietskörperschaften vertreten sind, in dem sie in den Sicherheitskräften dienen und an dessen Universitäten arbeiten und studieren, wird als Apartheidsstaat bezeichnet. Die Verteidigung gegen terroristische Raketenangriffe wird als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet, ein Gerichtsurteil, dass die Eigentumsrechte an einem Haus in Jerusalem durchsetzt, als ethnische Säuberung. Und weil der jüdische Staat Israel als Apartheidsstaat bezeichnet wird und dessen Demontage gefordert wird, wird unter „legitimer Kritik“ Israels eben auch die Abschaffung des jüdischen Staates verstanden.

Den Juden und ihren Staat das Recht auf Selbstverteidigung und auf nationale Selbstbestimmung zu bestreiten ist eine Anmaßung, die man sich nur gegenüber Juden herausnimmt, es ist eine „Sonderbehandlung“, es ist Antisemitismus.

Rakun und Afinisa, die diesen Brief unterzeichet haben, haben der Süddeutschen Zeitung ein Interview gegeben6, in dem Afinisa ausführt: „Es mag naiv oder ignorant erscheinen, aber ich musste erst googeln, was BDS ist. Ich wusste auch nicht, was antisemitisch in unserem Kontext bedeutet.“ Es ist unerheblich, ob Afinisa tatsächlich die BDS-Bewegung nicht kennt, er hat einen Brief unterzeichnet, der sich zwar in der politischen Wahrnehmung, nicht aber in Argumentation und Stoßrichtung von der BDS-Bewegung unterscheidet. Afinisa führte als Ausrede an: „Vielleicht war uns nicht bewusst genug, wie roh hier noch die Erinnerung an den Krieg, an den Holocaust ist.“

Aber was meint er mit „roh“? Ist seine Erinnerung „abgekocht“, also kaltschnäuzig, rücksichts- oder skrupellos? Bedauert er in seinem Statement, dass eine Gesellschaft sich, wie fadenscheinig auch immer, mit ihrer Vergangenheit und einem von ihr begangenen Verbrechen an den Juden befasst, ohne sie zu leugnen?

In dem Brief „We are angry, we are sad, we are tired, we are united: Letter from lumbung community„, den die Ruangrupa als Ganzes unterzeichnet hat, weisen sie die Kritik am Israelhass, der sogenannten Israelkritik, zurück. Sie fordern, den Kampf gegen Antisemitismus, dem Engagement gegen „Anti-Muslim, anti-Palestinian racism, anti-queer, transphobia, anti-Roma, abelism, casteism, anti-black, xenophobia and other forms of racisms“ unterzuordnen. Die Kritik die einen Zusammenhang von Antizionismus, Israelhass und Antisemitismus sieht, würde das notwendige Zusammenstehen der Aktivisten unterlaufen. Und so wie es der „A Letter Against Apartheid“ formuliert, findet man auch in diesem Brief die Feststellung: „The question is not the right of Israel to exist; the question is how it exists. Resistance to the State of
Israel is resistance to settler colonialism, which uses apartheid, ethnic cleansing, and occupation, as
forms of oppression.“ Gegen diese Form in der Israel existiert, sei dem Kampf der Palästinenser als „anti-colonial struggle“ Solidarität zu erweisen. Dieses Statement ist wie der „A Letter Against Apardheid“ eines gegen den jüdischen Staat, es ist ein Statement des Antisemitismus, unterzeichnet von den Aktivisten der Ruangrupa, deren Mitglieder jetzt mit staatlicher Förderung an zwei Hochschulen lehren dürfen.

__________________________________________________________

1 Ruangrupa-Mitglieder sollen an Hamburger Kunsthochschule lehren, Spiegel Online, 07.10.2022.

2 Reza Afisina und Iswanto Hartono, kunsthochschulekassel.de.

3 documenta 15: Werke, die die Existenz Israels in Frage stellen, Bündnis gegen Antisemitismus Kassel, 10.09.2022.

4 Sheikh Jarrah: Ein Immobilienstreit, der nicht nur um Immobilien geht, mena-watch, 12.09.2021.

5 Unter „Siedlerkolonialismus“ wird eine Form der Kolonial-Politik verstanden, deren Ziel es ist, durch die Auslöschung der Urbevölkerung Raum für ein zu okkupierendes und zu besiedelndes Territorium zu schaffen. Davon kann im Fall des Zionismus und der Politik Israels keine Rede sein.

6 „Natürlich ist es riskant uns zu engagieren“, SZ, 13./14./15.08.2022.

documenta 15 – Von der Umerziehung mit Mao und Wünschelrutengängerinnen gegen Israel

Anbei ein Ausschnitt aus dem Text: „Documenta 15. Wie Kassel vereint dem Einfluss der Juden die Stirn bot“ Der vollständige Text ist in Bahamas 90, 2022 erschienen.

Das Handbuch zur documenta begrüßt die Leser mit dem islamischen Gruß „Assalamualaikum“. Wer mit diesem Gruß anhebt, hat längst dafür Sorge getragen, dass jüdische Künstler aus Israel, die sich durch ein loyales Verhältnis zu ihrem Staat auszeichnen oder sich gar als Zionisten verstehen, auf der documenta 15 nicht zu finden sein werden. Die Gefahr, dass Israel oder eine seiner Institutionen diese Ausstellung unterstützte – und somit Anlass des Protestes der deutschen Kulturszene gewesen wäre -, bestand somit nicht. Man erfährt im Handbuch viel über das Weltbild der Personen rund um ruangrupa und den von dieser Gruppe berufenen Kollektiven, Aktivisten, Kulturschaffenden und Künstlern.

Seit ruangrupa in Kassel residiert, bezeichnen sie die Stadt und ihre sozialen Strukturen als „Ekosistem“.1 Ekosistem ist der bahasa-indonesische Begriff für Ökosystem sein und soll Verständnis für die gesellschaftliche Rolle von Kollektiven in der Gesellschaft schaffen, die jedenfalls nicht autonom sein können. Gesellschaft wird vielmehr als ein mit der Natur vergleichbares System verstanden, in der verschiedene Arten ihre spezifischen Funktionen und Rollen erfüllen, um ein Ökosystem im Gleichgewicht zu halten. (Handbuch, S. 12) Dieses Gleichgewicht, das die verschiedenen von der ruangrupa kuratierten Teilnehmer vor allem in dörflichen Strukturen noch zu finden glauben, wieder herzustellen ist das Programm dieser documenta.

Für das Programm stehen die verschiedensten lumbung member ein, darunter die Gruppe Cao Minghao & Chen Jianjun, die dazu beitragen will, dass Regionen weniger von importierten Industriegütern abhängig sind, weshalb sie für die Unterstützung der Subsistenzwirtschaft von Viehhaltern eintritt. (Handbuch, S. 80) Eine Gruppe mit dem Namen INLAND bewirbt den „cheese-coin“, worunter ein begrenzt zur Verfügung stehender Geldersatz gemeint ist, der durch Tauschnetzwerke unter lokalen Produzenten in Umlauf gebracht werden soll. Der cheese-coin mit metrischem Design soll der Wiederherstellung der Umwelt dienen und das langfristige Wohlergehen von Communities ermöglichen, sofern sie bäuerlicher Art sind und mit „Akkumulation und Produktivismus“ nichts zu tun haben. (Handbuch, S. 116) Ebenfalls ein lumbung member ist die Jatiwangi Art Factory, die ganz dem indonesischen Dorf verpflichtet ist, dem Würde und Widerstandskraft genommen worden sei. Der Bösewicht, der dies dem Dorf antat, war der indonesische Autokrat Haji Mohamed Suharto, der mit seinem „New-Order-Regime im späten 20. Jahrhundert ein [auf dem] Fortschrittsprinzip“ basierendes Wirtschaftssystem auch in den ländlichen Regionen etablieren wollte. „Viele Dorfbewohner*innen waren gezwungen, zum Arbeiten in die Städte zu gehen; sie träumten davon, moderne indonesische Bürger zu werden.“ (Handbuch, S. 124) Auch wenn jedem Schüler, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, der Satz „Stadtluft macht frei“ geläufig ist und auch wenn sich die Träume der meisten in die Städte abgewanderten Bauern nicht erfüllt haben dürften: in der Welt der Ekosisteme gilt Landflucht als Verrat an Volk, Brauchtum, Subsistenz und damit der Ökologie.

Für Eltern mit kleinen Kindern ist es eine Errungenschaft, wenn eine Ausstellung eine Kinderbetreuung organisiert, weil ihnen so ungestörter Kunstgenuss ermöglicht wird. Warum sollte es das nicht auch auf der documenta geben? Im zentral gelegenem Fridericianum trifft man auf ein Projekt von Graziela Kunsch, die „eine Krippe […] eingerichtet und damit einen Raum geschaffen (hat), in dem Eltern und Babys gemeinsam lernen können.“ Ein paar Sätze weiter wird deutlich, dass es gar nicht darum geht, Kinder zu betreuen, sondern darum, dass die Eltern ihre Babys in die Ess-, Schlaf- oder Wickelräume bringen um sich dort selbst um sie zu kümmern, und zwar so wie Graziela Kunsch es ihnen vorschreibt: „Ihre Eltern sind da, aber sie leiten das Spiel nicht an. […] Es ist ein Raum, wo wir Erwachsene vielleicht mehr von unseren Babys und untereinander lernen können, als wir den Babys beibringen.“ Und auch hier wird eine der zentralen Errungenschaften des Menschseins und Voraussetzung jeder Zivilisation, der aufrechte Gang und die Erziehung zur Mündigkeit zur Frage der Multiperspektivität erklärt. „Erwachsene neigen beispielsweise dazu, die motorische Positionen von Babys zu beeinflussen, indem sie den Baby dabei helfen, sich hinzusetzen, aufrecht stehen [Hervorhebung J.D.] zu bleiben oder zu laufen – in der Hoffnung, dass Babys so schnell wie möglich Teil der ‚Erwachsenenwelt‘ werden. Was aber, wenn wir diese Sichtweise umkehren, uns auf den Boden begeben […].“ (Handbuch, S. 107)

Für jene, die dem Herumkriechen, Niederknien und Bücken als Akte der Unterwerfung weniger abgewinnen können, präsentiert die Aktivistin Kiri Dalena in ihren Film „The Guerilla is a Poet“ Handfesteres. Darin feiert sie den philippinischen Kommunisten Jose Maria Sison, der mit seinen Spießgesellen in den Wäldern lebte und im „Einklang mit den maoistischen Lehren“ seiner Nation eine „Umerziehung durch das Eintauchen in das Landleben“ empfahl. (Handbuch, S. 137) Dieses den Philippinos angedrohte Waterboarding durch maoistische Wald-Guerillas entspricht dem Konzept der Roten Khmer in Kambodscha, die Menschen, die sie mit dem städtischen Leben, mit Intelligenz und mit Zivilisation identifizierten, zu Hunderttausenden ausrottete. Fast überflüssig zu erwähnen: Kiri Dalena ist nicht nur Anhängerin des maoistischen Umerziehung, sondern, wie andere lumbung member auch, eine des palästinensischen Volkstumskampfe

Das verbindet sie mit Yasmine Eid-Sabbagh, die schon auf der documenta 14 die Saga vom palästinensischen Flüchtling dem geneigten Publikum unterbreitet hatte und auf der aktuellen von Menschen berichtet, „die gezwungen wurden, das historische Palästina zu verlassen, genauer gesagt die Gebiete, die 1948 zum Staat Israel wurden.“ In einer vom Bund und der Stadt Kassel mitfinanzierten Kunstausstellung wärmt sie erneut die Mär von der UNO auf, die „ihnen [den Palästinensern] das Recht auf Rückkehr zuerkannt“ hätte3, an der sie nun schon in der vierten Generation gehindert würden. Eid-Sabaghs Arbeit sei eine „Abbildung des hartnäckigen Widerstands der Menschen gegen die Tilgung ihrer Geschichte durch Kolonialität.“ (Handbuch, S. 216) Und jeder weiß, dass es von der Tilgung der Geschichte eines Volkes zum Genozid bzw. zum Völkermord in der gängigen Begrifflichkeit nur ein kleiner Schritt ist.

Die um den ehemaligen Terroristen der Japanischen Roten Armee Masao Adachi und den beiden Aktivisten für die palästinensische Sache Reem Shilleh und Mohanad Yaqubi gebildeten Gruppe „Subversive-Film“ will die „blühende künstlerische Praxis palästinensischer revolutionärer Bestrebungen“ wiederbeleben, die von der israelischen Besatzung Beiruts im Jahr 1982 brüsk unterbrochen wurde. Die gelobten „revolutionären Bestrebungen“ von Praktikern der Kunst, waren nicht nur der Auftakt eines Jahre anhaltenden Bürgerkriegs, in dem der Libanon versank um schlussendlich der Hisbollah ausgeliefert zu werden. Aufs Konto solcher Bewegungen gingen zahllose terroristische Anschläge gegen die israelische Zivilbevölkerung aus, die Israel schließlich zwangen, im Libanon militärisch einzugreifen. Die revolutionären Genossen von der japanischen Roten Armee sekundierten ebenfalls praktisch ihren Beiruter Genossen: Sie waren maßgeblich am Anschlag in Lod beteiligt, dem 1972 26 Menschen zum Opfer fielen.4 Das auf der documenta präsentierte Film-Projekt spuckt nicht nur den Terror-Opfern posthum aufs Grab und ihren Hinterbliebenen ins Gesicht, sondern spricht mit der Forderung, dass die „transnationalen Beziehungen zwischen unterschiedlichen Befreiungsbewegungen“ wieder aufzubauen seien, eine unverhohlene Drohung gegen Juden und Israel aus. (Handbuch, S. 190)

Oder nehmen wir Jumana Emil Abboud, die sich in ihrer Arbeit für die documenta 15 dem Thema Wasser widmete. Gemeint ist ein besonderes Wasser, das nämlich, das aus den Quellen an den Hängen des Abu al-Adham bei Ramallah sprudelt. Abboud möchte in ihrem Workshops für „Wünschelruten-gänger*innen […] den hier lebenden Menschen ihr Recht auf Wasser symbolisch zurückgeben“, das ihnen Siedlerkolonialisten verwehrten. „Der Verlust von Wasserrechten erscheint hier als Bestandteil der Siedlungspolitik des israelischen Staats: Wasser wird von Quellen in Palästina abgezapft und in nahe gelegene Neusiedlungen umgeleitet. […] Um ‚Rückgabe des Wassers‘ geht es sowohl in konkreter als auch kultureller Hinsicht.“ (Handbuch, S. 131) Die Botschaft im Klartext: Kein Wasser dem Juden in konkreter und kultureller Hinsicht, gefördert wird das durch Mittel der Stadt Kassel, des Landes Hessen und des Bundes.

Für alle, die im Lumbung ihr Unwesen trieben ist hier kein Platz. Es seien deshalb exemplarisch noch der Death-Metal-Musiker Safdar Ahmed genannt, der sich explizit als BDS-Unterstützer outet5, das lumbung-member „The Black Archives“, das in seinen sonst eher der schwarzen Sache verpflichteten Archiven eine Abteilung mit dem Namen „Free Palestine“ unterhält6 und der von der Gruppe „Trampoline House“ präsentierte Karikaturist Khalid Albaih, dessen blutgetränkten antiisraelischen Zeichnungen, die er regelmäßig auf seinem Instagram-Account postet, der Karikaturenausstellung in Teheran alle Ehre gemacht hätten.

________________________________________________________________________

DOCUMENTA fifteen. Handbuch, ruangrupa und Künstlerisches Team, A.K.Kaiza, Alvin Li, Andrew Maerkle u.a., Kassel, 2022. Viele Angaben des Handbuches finden sich auch der Internetseite der documenta 15.

1 Im Handbuch und auf der Internetseite der documenta werden das „Kasseler ecosystem“ bestehend aus Kasseler Kollektiven und Initiativen vorgestellt, die mit der documenta 15 zusammenarbeiten. Nur wenige haben nach dem Bekanntwerden der antisemitischen Umtriebe die Zusammenarbeit mit der documenta fifteen gekündigt. Man findet darunter ein Kompost-Kollektiv, einen Verein „Essbare Stadt“, Fridays for Future Kassel, die Friedensbewegung Kassel, „kein Mensch ist illegal“, diverse Kirchengemeinden und wohl um den Müll später abzuräumen, auch die Stadtreiniger Kassel. (Handbuch, S. 291).

2 Kiri Dalena hat den Aufruf „Free Palestine / Strike MoMa: Call to Action“ unterzeichnet. Zum Aufruf, vgl.: Hundreds protest New York’s Museum of Modern Art board’s Israel ties, Times of Israel, 26.05.2021 (Hundreds protest New York’s Museum of Modern Art board’s Israel ties | The Times of Israel ).

3 Zum tatsächlichen Inhalt der diversen UN-Resolutionen und ihrer verrückten Rezeption vgl. Alex Feuerherdt / Florian Markl, Vereinte Nationen gegem Israel, Berlin 2018.

4 Näheres dazu: Thomas von der Osten-Sacken, Documenta ehrt Initiatoren eines Selbstmordattentats, Mena Watch, 24.06.2022. Documenta ehrt Initiatoren eines Selbstmordattentats (mena-watch.com) )

5 Documenta: Und noch ein BDS-Fan in der Reisscheune, Ruhrbarone, 30.07.2022. (Documenta: Und noch ein BDS-Fan in der Reisscheune | Ruhrbarone )

6 Es fiel sogar der HNA auf, dass dieses Thema „etwas aus dem Schema [der Archivinseln] fällt“. Siehe: Raum für Schwarze Geschichte, HNA,27.07.2022.

Wider den Antisemitismus im Lumbung

Mein Auftrag ist es Kassel niederzubrennen1 – Beiträge des alten Kommunisten im Judenmantel (Volksmund) gegen die documenta 15

Am 23.2.2019 vermeldete die Kasseler Lokalzeitung Hessische/Niedersächsische Allgemeine (1), dass die Mitglieder der Findungskommission anlässlich der Entscheidung, das Künstlerkollektiv ruangrupa aus Jakarta damit zu beauftragen, die kommende documenta zu leiten, „getanzt“ hätten. Wohl aus Freude, denn das Künstlerkollektiv verspricht nicht nur erbaulichen Aktivismus im Namen von Diversität und Vielfalt, sondern bekundet auch den Willen, die Stadt Kassel nicht zu kurz kommen zu lassen. […] Grund für die ausgelassene Stimmung war aber nicht nur das kulinarische Begleitprogramm, vielmehr verspricht man sich vom neuen documenta-Führungsteam ein als Kunst deklariertes politisches Mitmachspektakel, das so richtig unter die Haut gehen soll: „Wenn die documenta 1955 antrat, um Wunden des Krieges zu heilen, warum sollten wir nicht versuchen, mit der documenta 15 das Augenmerk auf heutige Verletzungen zu richten.“ Mehr dazu in: Bahamas 89 / 2022

__________________________________________________

_________________________________________________

___________________________________________________

___________________________________________________

__________________________________________

_______________________________________________________

_____________________________________________________________

1 „Die einzige Forderung, die bisher noch fehlt: ‚Ganz Kassel niederbrennen, damit angemessen Buße getan ist.‘ Das schrieb treffsicher die Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem Gastbeitrag für den Spiegel.“, aus: Ignoranz und Verschwörungswut hat die documenta nicht verdient, Hessenschau, 14.07.2022.

Über die Verdrängung besiegt und nicht befreit worden zu sein

„Man sah immer nur wenige Deutsche auf einmal, und die waren in ihrer Unterwürfigkeit, Scheinheiligkeit und Liebenswürdigkeit schlicht ekelerregend. […] Wie wollen sie sich von allem, was war, distanzieren? Welche Verdrängungsleistung in ihren schlecht belüfteten Hirnwindungen bringt sie zu der Vorstellung, sie seien ein befreites Volk und kein besiegtes.“ (Lee Miller 1945)

Im Unterschied zur Situation von vor 75 Jahren, sind es heute nicht mehr wenige auf einmal. Inzwischen wird der 8. Mai in Deutschland von einer zunehmenden Menge feierlich begangen. Mittlerweile gibt es sogar eine Initiative, den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ zu einem Feiertag zu erklären. Der 8. Mai steht mittlerweile nicht mehr für eine schändliche Niederlage, als die die Kapitulation am 8. und 9. Mai bis in die achtziger Jahre herein von der Mehrheit der Deutschen wahrgenommen wurde, sondern das Datum gilt als positiver Bezugspunkt deutscher Identität. Die Rede von der Befreiung, die Deutschland von den Alliierten erfahren habe und die gefeiert werden soll, suggeriert, dass die Herrschaft des Nationalsozialismus gegen den Willen der Bevölkerung existiert habe, dass das deutsche Volk quasi das erste Opfer nationalsozialistischer Herrschaft war. Diese Interpretation ist eine besonders perfide Form des Geschichtsrevisionismus, der unterschlägt, dass dem Nationalsozialismus nicht nur in der Propaganda sondern tatsächlich die formierte Volksgemeinschaft zugrundelag, dass die Diktatur des Nationalsozialismus eine Konsensdiktatur war. Diese Lesart überhöht die gesellschaftliche Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes, sie ist eine Fortsetzung der falschen Faschismusanalyse Georgi Dimitroffs und der Komintern, die davon ausgeht, dass die Nazidiktatur die Herrschaftsform der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals gewesen sei. Eine Herrschaft gegen ein unschuldiges Volk war.

Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen. Der deutsche Vernichtungskrieg war damit beendet. Die letzten Konzentrationslager konnten befreit werden, sofern sie nicht schon vorher, von den in Richtung Deutschland marschierenden Truppen der Alliierten, befreit wurden. Dank weitgehender Übereinstimmung von Führung und Volksgemeinschaft in Deutschland, konnten die Nazis ihr Vernichtungsprogramm reibungslos umsetzten und das europäische Judentum fast gänzlich vernichten.

6 Millionen Juden, Männer, Frauen, Kinder und Greise verloren ihr Leben in den Gaskammern oder vor Maschinengewehrkommandos, wurden in Scheunen und Kirchen verbrannt, auf offener Straße erschlagen oder man ließ sie in eigens errichteten Ghettos verhungern. Millionenfach verloren die Soldaten der Alliierten, millionenfach verloren vor allem in Osteuropa Zivilisten ihr Leben, ihre jugendliche Unbeschwertheit und ihre Gesundheit weil deutsche Soldaten den Wahn der deutschen Volksgemeinschaft dank deutscher Technik und deutschem militärischen Genie umsetzten konnten, weil man in Deutschland entschied, Menschen zu dezimieren oder auszurotten. Die wenigen Widerstandskämpfer in Deutschland, häufig von den Volksgenossen an die Gestapo verraten, geköpft, an Fleischerhaken aufgehängt oder zu Tode gefoltert, verloren ihr Leben für ihre naive Hoffnung auf ein besseres Deutschland. Andere waren rechtzeitig geflohen, nach Großbritannien, in die USA, nach Mexiko und in die Sowjetunion, sie verloren ihre Heimat. In der Sowjetunion verschwanden einige von ihnen, manche für immer, als Volksfeinde deklariert oder als vermeintlich faschistische Spione denunziert. Die Parole „Wer nicht feiert hat verloren“ ist perfide.

Reporter, Schriftsteller und Vernehmungsoffiziere, wie Saul K. Padover, Lee Miller, Martha Gellhorn und Ilja Ehrenburg stellten 1945 konsterniert fest, dass es in Deutschland offensichtlich keine Nazis gab. Ehrenburg erinnerte sich: „Dutzende Städte habe ich gesehen, mit Menschen verschiedenster Schichten gesprochen: mit Ärzten, Notaren und Lehrern, mit Bauern, Gastwirten und Schneidern, mit Krämern, Stahlschmelzern und Bierbrauern, mit Juwelieren, Agronomen und Pastoren, sogar mit Stammbaumspezialisten. Ich suchte Antwort bei einem katholischen Vikar, bei einem Professor der Marburger Universität, bei Greisen und Schülern – ich wollte wissen, wie sie zur Idee des ‚Herrenvolkes‘, zum Traum von der Eroberung Indiens, zu Hitler und den Öfen von Auschwitz standen. Überall hörte ich das gleiche: ‚Wir haben nichts damit zu tun …‘ […] Unter den Hunderten von Menschen, mit denen ich sprach, gab es natürlich auch welche, die aufrichtig waren, aber ich konnte sie nicht voneinander unterscheiden – sie redeten alle das gleiche.“

Wenn sie auf Deutsche trafen, so mussten sie sich anhören, dass diese sich als verkannte Widerstandskämpfer ansahen und wenn dies zu offensichtlich als Lüge erschien, dass sie für sich reklamierten, man habe sich in der inneren Emigration befunden, oder der Onkel sei Kommunist, der Nachbar Sozialdemokrat gewesen und man habe immer ein gutes Verhältnis zu ihnen gehabt. Andere behaupteten, sie hätten einem Juden Unterschlupf gewährt, dort einem Zwangsarbeiter ein Brot zugesteckt, oder einem Verfolgten einen „Guten Tag“ gewünscht. „Ich habe einen Juden versteckt, er hat einen Juden versteckt, alle Kinder Gottes haben einen Juden versteckt. […] Man müsste es vertonen. Dann können die Deutschen einen Refrain singen“, schrieb die Reporterin Martha Gellhorn voller Sarkasmus im Jahre 1945. Angesichts der gebetsmühlenartig vorgetragenen Beteuerungen der besiegten Deutschen fragte sie sich: „[…] wie die verabscheute Nazi-Regierung, der niemand Gefolgschaft leistete, es fertigbrachte, diesen Krieg fünfeinhalb Jahre lang durchzuhalten.“

Aufgehalten hatte der Widerstand in Deutschland tatsächlich weder die Kriegsmaschinerie, noch die Judenvernichtung, noch konnte der Widerstand seine eigenen Leute auch nur annähernd vor der massenhaft getätigten Denunziation der Volksgemeinschaft schützen. Der antifaschistische Widerstand stand angesichts der formierten Volksgemeinschaft von Beginn an auf verlorenen Posten. Besonders Kommunisten schätzten die Situation 1933 völlig falsch ein. Sie vermuteten eine vorrevolutionäre Situation und dachten, die den Nazis folgenden Massen hätten sich nur in der Fahne geirrt und wollten sie daher auf den rechten Weg leiten. Ihre Widerstandsaktionen waren heroisch, aber verantwortungslose Himmelfahrtskommandos. Bis Mitte der dreißiger Jahre war der antifaschistische Widerstand in Deutschland gesellschaftlich völlig isoliert und von der Gestapo aufgerollt. Fast alle, die im Land blieben und versuchten Widerstand zu organisieren, fielen trotz aller Vorsicht der Denunziation oder den oft in ihren eigenen Reihen eingesetzten Spitzeln der Gestapo zum Opfer.

In den deutschen KZ saßen Mitte der dreißiger Jahre bis 1938 „nur“ einige Tausend Nazi-Gegner, auch diese Zahl sagt etwas über die gesellschaftliche Bedeutung des Widerstandes aus. Durch die in Folge des November-Pogroms vorgenommenen Verhaftungen von ca. 30.000 Juden schnellten die Zahlen der Insassen in den Konzentrationslagern in die Höhe und erst nach Kriegsbeginn füllten sich die deutschen Lager mit Millionen von Verschleppten aus allen Ländern Europas. Als in den letzten Kriegswochen diese Lager angesichts der herannahenden Befreier „evakuiert“ wurden, wurden deren Insassen auf die berüchtigten Todesmärsche mitten durch Deutschland geschickt, in Güterwaggons verfrachtet, deren Insassen, auf manchem Abstellgleis abgestellt, elendig starben. Deutsche Volkssturmeinheiten und versprengte Wehrmachtseinheiten kämpften gegen die vorrückenden Alliierten und sie verfolgten und jagten ausgebrochene und entflohene Häftlinge – sie richteten ihre Waffen nicht gegen die Bewacher der Todesmärsche, sie befreiten keine der in den Güterwaggons gepferchten Hungernden und Dürstenden und sie ließen es zu, dass in Bergen-Belsen inmitten blühender Landschaften, bewacht von einigen SS-Leuten, Zehntausende, kurz bevor die britische Armee anrückte, verreckten.

Eine Widerstandsbewegung gab es aber: Viele standen fast bis zum Ende aufrecht ihren Mann um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. Die deutschen Tugenden militärisches Genie, Kameradschaft, Militarismus, Gehorsam, die Liebe zum Tod usw. bedeuteten für die Armeen der Alliierten, insbesondere aber für die Rote Armee bis zu den letzten Tagen einen opferreichen Gang, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Jeder deutsche Landser mit dem Gewehr in der Hand, am Steuer seines Panzers oder Fliegers bedeutete bis zu seiner Ausschaltung: Widerstand gegen die Rettung der letzten Juden, Widerstand gegen die Befreiung der Verfolgten, Unterdrückten und millionenfach Verschleppten.

Am Stammtisch, wenn man unter sich war, galt man als wer, der Widerstand an der Ostfront gegen „den anstürmenden Russen“ leistete, irgendwo in der russischen Steppe „Deutschland verteidigte“, gegen „General Winter“, oder gegen den „General Schlamm“ tapfer aushielt, als Flaksoldat oder stolzer Jagdflieger gegen die alliierten „Luftkriegsterroristen“, oder gegen anrückende Panzer der Amis oder Russen zum Trutze der als wehr-, schuld- und ahnungslos hingestellten Volksgemeinschaft mutig und todesverachtend vorging. Man war stolz darauf (und ist es bisweilen bis heute), dass dank deutscher Ingenieurskunst, die deutschen Panzer und Flieger, denen der Alliierten angeblich überlegen waren, und dass nur die schiere Masse (von anstürmenden Russen oder in Form von unendlich zur Verfügung stehendem Material, des an sich feigen und unmilitärischen Ami) den tapferen deutschen Soldaten mitsamt seiner überlegenen Technik und seinem militärischen Genie besiegt habe.

Dass ihr „heroischer“ Widerstand, ihr Einstehen für das Vaterland, ihre kameradschaftliche Treue nicht mit Erfolg belohnt wurde, dafür machten dann viele, als es vorbei war, Hitler oder die Nazis verantwortlich. Genoss Hitler besonders Anfang der Vierziger einen großen Rückhalt in der deutschen Volksgemeinschaft, nahmen es ihm jetzt die Volksgenossen übel, dass er den Krieg vermasselt hatte. Der für die US-Army als Vernehmungsoffizier dienende Saul K. Padover schrieb: „Die meisten Deutschen gaben zu,  dass sie 1939 den Krieg widerstandslos akzeptiert und die Siege 1940 mit großer Begeisterung begrüßt hatten. Der Krieg brachte Wohlstand und Beute. […] Niemand kritisierte die Aggression als solche. Kritisiert wurde die gescheiterte Aggression. Hitler wurde vorgeworfen, den Krieg verloren […] zu haben.“ Angesichts zerstörter Städte, gefallener Soldaten und verlorener Heimat, angesichts des ausbleibenden Nachschubs an geplünderten Hab und Gut aus den eroberten und nun befreiten Gebieten floss man über vor Selbstmitleid. Padover kam zu dem Schluss, dass diese an den Tag gelegte „Larmoyanz eine mehr oder weniger unbewusste Methode zur Rechtfertigung des eigenen Mitläufertums [war] […] Dieses Selbstmitleid und dieser Egoismus ist eng verknüpft mit der Weigerung (oder der psychologischen Unfähigkeit), sich gegen das NS-Regime zu wenden.“

Viele meinten nun, den Siegern die Hand zur Versöhnung reichen zu können, man verzieh ihnen großzügig, dass sie gegen Deutschland zu Felde gezogen waren, man gab sich beflissen und servil und erwartete geschont zu werden. Ehrenburg hielt in seine Memoiren fest: „Ich bemerkte überall nur den Wunsch, das eigene Hab und Gut zu retten, sowie die Gewohnheit alle Befehle pünktlich auszuführen. Man grüßte ehrerbietig und zwang sich zu einem Lächeln.“ Diese Haltung, die Miller voller Verachtung als „schleimige Einladungen“, als „Dreistigkeit“ und „Idiotie“ begegnete, drückt sich heute in dem Bestreben aus, den Sieg der Alliierten feiern zu wollen oder einen Feiertag, eine „Tag der Befreiung“ zu etablieren. Sie schrieb: „Ein Gestapogefängnis wurde befreit, und gegen das gesamte deutsche Volk wird nun von den stummen Toten wie auch von den beredten Lebenden Anklage wegen krimineller Geisteskrankheit erhoben.“

Anstatt eines Feiertages sollte der Ertrag eines Tages der deutschen Volkswirtschaft (Löhne, Gewinne, Miet- und Pachteinnahmen, Lohnersatzleistungen usw.) zugunsten der bis heute nicht entschädigten Opfer des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges abgeschöpft werden. Eine Petition, die es nicht geben wird.

     ___________________________________________________________________________________________

  • Ilja Ehrenburg, Menschen. Jahre. Leben, Memoiren Fünftes Buch, Band III, Berlin 1982
  • Martha Gellhorn, Das deutsche Volk. April 1945, in: Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937 – 1987, München Hamburg 1989
  • Lee Miller, Deutschland. Der Krieg ist gewonnen, in: Lee Miller. Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa, Berlin 2013
  • Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland, Frankfurt 1999