Die ältesten Menschen sind alle schon tot

Die meisten Berichte über Superalte beruhen auf Irrtum oder Betrug, und die „Blauen Zonen“, wo sie sich angeblich häufen, sind Schimären: Altersforscher Saul Newman rechnet in „Morbid“ mit seiner Zunft ab.

Ob sie wohl 100 werden? Oder gar 110? Das in Kürze erscheinende Buch „Morbid“ von Saul Newman raubt viele Longevity-Illusionen.
Ob sie wohl 100 werden? Oder gar 110? Das in Kürze erscheinende Buch „Morbid“ von Saul Newman raubt viele Longevity-Illusionen.Reuters
Karl Gaulhofer
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Fein, wie man in Japan die Senioren ehrt! Es gibt sogar einen „Respekt für die Älteren“-Tag. Zu diesem Anlass wollten 2010 hohe Beamte in Tokio den Ältesten der Stadt persönlich gratulieren. Was nicht gelang: Es stellte sich heraus, dass die älteste Frau (113 Jahre) schon seit 1986 „verschollen“ war. Den ältesten Mann (111) fand man als mumifizierte Leiche in seinem Bett – die Familie hatte drei Jahrzehnte lang seine Pension kassiert. Diese ernüchternden Erfahrungen veranlassten das Justizministerium, alle Über-Hundertjährigen des Landes zu überprüfen: Rund 235.000 oder 82 Prozent der Altersgruppe erwiesen sich als tot oder nicht mehr auffindbar.

Dabei spielt Japan in der Altersforschung eine wichtige Rolle, weil die dortigen Daten „zu den besten der Welt“ zählen, laut einer Studie von 2008 mit dem Titel „Sie sind wirklich so alt“. Auf das peinliche Aufräumen zwei Jahre später antwortete die Disziplin „verhalten, wenn nicht mönchisch schweigend“, schreibt Saul Newman. Der Altersforscher an der Uni Oxford versucht einen Vergleich: „Man stelle sich vor, 82 Prozent der Sterne, die das Hubble-Teleskop anzeigt, erweisen sich als Staubkörner auf den Linsen. In der Astronomie, oder jeder anderen Wissenschaft, hätte so etwas einen massiven Skandal ausgelöst. In der Altersforschung hat man nicht einmal mit den Schultern gezuckt.“ War Japan eine Ausnahme? Als Griechenland in der Eurokrise eisern sparen musste, gestand der zuständige Minister nach einer Untersuchung, dass nahezu jeder über-hundertjährige Grieche das Produkt eines Pensionsbetrugs war.

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Bei den Altersrekorden ist das Muster ähnlich: Sie gehen durch alle Medien, kommen ins Guinness-Buch, die Daten fließen in die Forschung ein – und was sich später als Irrtum oder Betrug erweist, wird klammheimlich ersetzt. Newman hat solche Fälle jetzt in einem Buch versammelt, „Morbid“, und er erklärt: Das sei „keine Sammlung von Anekdoten“, dahinter stehe „ein systemisches Desaster“.

Die Longevity-Branche schäumt

Man merkt: Der Debütautor hat Freude an Ironie und Polemik. Er entlarvt auch die Longevity-Branche, die mit der Hoffnung der Menschen auf langes Leben Geld scheffelt. Diese zeigt sich nervös, und das Buch macht schon Wirbel, bevor es überhaupt erhältlich ist. Jüngst sind zwar positive Besprechungen erschienen, im „New Yorker“, dem „Wall Street Journal“ und dem britischen „Guardian“, die schon Rezensionsexemplare hatten. Aber dann hat der Verlag im letzten Moment den Erscheinungstermin auf August verschoben. Man streitet noch „um drei Worte in einem Kapitel“, wie Newman der „Presse“ verraten hat.

Die Fahnen liegen uns vor. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, beim Defilee früherer Rekordhalter. Da ist etwa die US-Amerikanerin Carrie White: Sie lebte den Großteil ihres Lebens in einem berüchtigten psychiatrischen Krankenhaus, das bei ihrer Einlieferung ohne Dokumente willkürlich ihr Alter taxiert hatte – was Präsident Reagan nicht daran hinderte, ihr zum „116er“ zu gratulieren. Ihre spätere Rekord-Kollegin Adele Dunlap erklärte selbst allen, dass ihre Papiere nicht stimmen und sie in Wirklichkeit zehn Jahre jünger war, aber Forscher und Journalisten schüttelten besserwisserisch den Kopf, wohl weil sie die Greisin für leicht senil hielten, und die Obamas schickten eine Glückwunschkarte zum „113er“.

Vom präsidialen Paar ins Weiße Haus eingeladen wurde Richard Overton. Er hatte, wie die meisten Rekordhalter, keine Geburtsurkunde, dafür rauchte er täglich 15 Zigaretten und war ein starker Whiskeytrinker. Auch das ist typisch: Der Däne Christian Mortensen rauchte von seinem 20. bis zum vorgeblichen 117. Lebensjahr. Jeanne Clement, eine umstrittene Älteste aus Frankreich, aß pro Woche zwei Kilo Schokolade. Das gefällt dem Publikum. Und Forscher spekulieren kleinlaut, die Raucher hätten halt nicht inhaliert ...

Eine ähnliche Diskrepanz zeigt sich bei den „Blauen Zonen“, den Gegenden mit einer angeblichen Häufung von Superalten. Fieberhaft hat man nach Gründen gefahndet: Ernähren sich die Bauern in den Bergen Sardiniens besonders gesund? Sind die Bewohner der japanischen Provinz Okinawa besonders glücklich? Was sich bei den „Zonen“ tatsächlich durchzieht, ist etwas ganz anderes: Sie sind relativ arm, die Verwaltung ist schlecht organisiert, und es mangelt an Geburtsurkunden.

Entlarvend ist die negative Korrelation mit dem Wohlstand. Denn wenn es eine gesicherte Erkenntnis in der Altersforschung gibt, dann diese: Je mehr Geld Menschen haben, desto gesünder und sicherer leben sie – und desto älter werden sie im Schnitt. Das Gegenteil suggeriert auch die Uno: Nach ihren Listen, schreibt Newman, häufen sich Superalte in „Staaten ohne Regierung, kriegführenden Ländern und armen postkolonialen Inseln“, während Schweden oder Liechtenstein ganz hinten rangieren. Eine Absurdität, die sich leicht aufdecken lässt: An den „magischen“ Orten mit relativ vielen Über-Hundertjährigen erreicht nur ein weit unterdurchschnittlicher Anteil das gut machbare Alter von 80 oder 90.

In der Falle der Statistik

Warum aber fallen auch Wissenschaftler auf die falschen Daten rein? Die freundliche Erklärung wäre: Sie unterschätzen, wie stark sonst unerhebliche statistische Fehler bei den Superalten durchschlagen. Ein Gedankenexperiment: Wenn 0,1 Prozent der Vierzigjährigen sich als zehn Jahre älter ausgeben, geht das in den Daten unter. Aber weil sich (ab 30) das Sterberisiko alle acht Jahre verdoppelt, steigt der Anteil dieser „Faker“ exponentiell – und in der Gruppe der offiziell 105-Jährigen bleiben statistisch betrachtet fast nur noch sie übrig. Die unfreundliche Interpretation wäre: Auch Forscher verdienen gutes Geld mit falschen Hoffnungen. Und „die Menschheit“, resümiert Newman grimmig, „kauft jedes Antiaging-Märchen ab, so dumm es auch sei“.


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