Erstmals „united“: Wiens Kunstszene kämpft um eine starke Messe

Rund 100 Künstlerinnen und Künstler unterzeichneten eine „Unterstützungserklärung“ für eine neue Kunstmesse, gerichtet an Stadt Wien und Bund. Eine derartige Einigkeit unter Galerien und Künstlern gab es in dieser Stadt noch nie.

Die Marx Halle ist einer der Standorte, wo Kunstmessen in Wien stattfanden bisher, hier die „Spark“.
Die Marx Halle ist einer der Standorte, wo Kunstmessen in Wien stattfanden bisher, hier die „Spark“. Fasching
Almuth Spiegler
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Die Liste liest sich wie das A bis Z der Wiener Kunstszene: Eduard Angeli, Renate Bertelmann, Fritz Panzer, Liesl Raff, Elisabeth Samsonow, Ashley Hans Scheirl, Eva Schlegel, Toni Schmale, Esther Stocker, Walter Vopava, Christoph Weber, Heimo Zobernig ... Rund 100 Künstlerinnen und Künstler, quer durch die Generationen, haben eine „Unterstützungserklärung“ unterschrieben, die am Donnerstag an Stadt Wien und Bund ging. Denn von deren finanziellen Hilfen hängt etwas ab, was der immer internationaleren und bunteren Kunstszene dieser Stadt seit Jahren bitter fehlt, um sie nachhaltig wirtschaftlich überlebensfähig zu machen: eine starke, das heißt eine verlässlich stattfindende und global vermarktbare Kunstmesse.

Weiß Gott: Die Wiener Kunstszene, die professionell über Galerien arbeitet, hat sich eine solche verdient. In den vergangenen Jahren wurde die Situation immer unübersichtlicher und mündete voriges Jahr in ein Desaster für den lokalen Kunstmarkt: Beide Kunstmessen, die zumindest versuchten, sich international zu positionieren, gaben auf, sowohl die „Viennacontemporary“ in der Messe Wien als auch die „Spark“ in der Marx Halle. Zuletzt hat auch die renommierteste Messe für den Kunsthandel, die „Art & Antique“, eine Pause eingelegt.

Nicht, dass die heimischen Galerien von der überschaubaren Zahl an Sammlern aus dem Ausland wenigstens ihre Messekosten hätten finanzieren können. Doch ohne diese vier Tage Kunstfestspiele samt Vernissage, samt Rahmenprogramm, samt Talks und Führungen und Kinderprogramm ist auch die lokale Käuferschaft nicht zu aktivieren. So ist nun einmal – nicht nur, aber auch – das Wiener Publikum: eventgetrieben. Das Ende aller Wiener Kunstmessen bedeutet daher, dass der Markt nicht nur stagniert, sondern zurückgeht. Was den weltweiten Trend, der sowieso nach unten zeigt und zu immer mehr Galerienschließungen führt, von denen Wien bisher verschont blieb, enorm beschleunigen könnte.

Diese bittere Erkenntnis hat immerhin zu einer für Wien bisher ungekannten Situation geführt, fast zu einem Wunder: Zu einem Schulterschluss der traditionell konkurrenzgetriebenen Galerienbranche. Man schloss sich zu einem Verein mit dem symbolträchtigen Namen „Vienna Art United“ zusammen. Schon im Vorstand sieht man die neue Harmonie. Ältere und jüngere Akteure haben sich hier sichtlich zusammengerauft: Markus Peichl („Crone“) und Antonia Lia Orsi (City Galerie Wien), Karoline Bartosch-Hilger, Thomas Krinzinger, Maximilian Thoman und Isabelle Steinek (die letzten drei nächste Generation).

Eine Messe ohne Oligarchen und Eitelkeiten

Gemeinsam möchte man jetzt die Sache Kunstmesse selber in die Hand nehmen. Sich nicht einem Messeveranstalter mit Eigeninteressen ausliefern. Sich nicht abhängig machen von undurchsichtigen Finanzierungsmodellen oder Oligarchen im Hintergrund (all das soll ja schon einmal vorgekommen sein). Dafür gibt es im Ausland erfolgreiche Vorbilder, etwa die Arco Madrid oder die Art Cologne. Aber die finanzielle Förderung durch die jeweilige Stadt ist selbstverständlich, auch bei so wichtigen Messen wie in Brüssel oder Turin. Ohne sie könnte eine seriöse neue Wiener Kunstmesse, die für die Galerien und die Künstler so wichtig wäre, nicht konkurrenzfähig sein.

Das ist das Thema, das derzeit die ganze Wiener Szene umtreibt und motiviert. Der Moment wirkt tatsächlich fast historisch, denn derart konstruktiv und geschlossen hat man sie noch nie erlebt. Dabei könnte der Zeitpunkt dafür –Stichwort Sparbudgets – nicht ungünstiger. Aber zu Recht wird in der „Unterstützungserklärung“ moniert, dass hier in der Vergangenheit ungerecht verfahren wurde. Traditionell wird eine Buchmesse von der Stadt gefördert, gut so. Aber auch einer Kunstmesse wäre geholfen, wenn die städtische Messe Wien bei den Mietpreisen entgegenkommen könnte. Verlage müssen Bücher verkaufen, damit Schriftsteller davon leben können. Und genauso müssen Galerien Kunstwerke verkaufen, damit Künstler davon leben, ihre Kunst zum Beruf machen können.

Warum muss man das alles ausgerechnet in Wien besonders betonen? Weil die Galerienszene in Österreich lange einen schlechten Ruf hatte, der zu kleinerem Teil selbstverschuldet ist, zu einem viel größeren aber auf einer schockierenden Unwissenheit über diese Profession beruht. Ein Problem war auch das ständige Kommen und Gehen der Kunstmessen, der ständige Wechsel von Datum, Namen, Betreiber, Konzept.

Jetzt bestünde für die Kulturpolitik die einmalige Gelegenheit, mit ein wenig gutem Willen einer vereinten Wiener Kunstszene eine faire Chance zu geben – samt all ihren Beteiligten, den Unternehmern, Angestellten, vor allem aber den meist prekär lebenden Künstlerinnen und Künstlern. Ihre Aussichten sind ohnehin nicht rosig.

E-Mail: almuth.spiegler@diepresse.com


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