Vorschau
Das prominente „Haus zum Goldenen Becher“ am Stephansplatz wurde aufwendig restauriert – doch einige historische Porträts sehen seither völlig anders aus.
Eine Recherche der „Presse“ zeigt: Mehrere Figuren auf der Fassade erhielten bei der Restaurierung neue Gesichter.
Geht man vom Graben kommend Richtung Stephansplatz, fällt, kurz bevor man des Stephansdoms ansichtig wird, der Blick unweigerlich auf ein Haus mit einer besonderen Fassade. Das „Haus zum Goldenen Becher“ am Stock-im-Eisen-Platz ist jedem Wiener vom Sehen wohlbekannt und bei Touristen ein beliebtes Fotomotiv mit dem Steffl im Hintergrund. Auf der reichdekorierten späthistoristischen Fassade wird im dritten Stock mit Spruchbändern, Herrscherdarstellungen und Allegorien auf die Wiener Geschichte Bezug genommen. Doch dieses Bildprogramm war in die Jahre gekommen: Die Farben waren ausgebleicht, die feinen Gesichtszüge vielfach kaum mehr erkennbar.
Doch jetzt leuchten die Farben wieder und die dargestellten Personen erhielten wieder Gesichter auf goldglänzendem Hintergrund. Was grundsätzlich eine erfreuliche Entwicklung sein sollte, sorgt jedoch nun, nach einer Anfrage der „Presse“, für erhebliche Verstimmung zwischen der ausführenden Restaurierungsfirma, den Hausinhabern und der Hausverwaltung einerseits – und auch noch mit mehreren für die Renovierung zuständigen Stellen der Stadt Wien.
Was ist geschehen?
Zwischen 2019 und 2025 wurden in Phasen Renovierungen der Fassade vorgenommen. Zunächst wurde 2019/20 die Front auf der Seite Stock-im-Eisen-Platz inklusive des Runderkers erneuert. Ab dem Frühjahr 2025 wurde erneut eingerüstet, nun wurde auch die Fassade in der Singerstraße renoviert, aber auch auf der bereits überarbeiteten Seite wurden Eingriffe vorgenommen.
Medaillons zeigen Marc Aurel und Franz Joseph
Ursprünglich zeigten die Medaillons in Seitporträts die Kaiser Marc Aurel, Otto den Großen, Rudolf von Habsburg und Franz Joseph I. sowie am zentralen Runderker Herzog Leopold VI. den Glorreichen. 2020 wurden Marc Aurel, Otto, Leopold sowie die Allegorien für „Geschichte“ und „Sage“ erneuert. Doch nur die beiden erstgenannten wurden weiterhin in Seitenansicht präsentiert.
Website ging vom Netz
Leopold hingegen erhielt ein Frontalporträt, das, wie auch die allegorischen Figuren, in einer annähernd fotorealistischen Darstellung gemalt wurde. Der Babenbergerherzog und die „Geschichte“ weisen dabei Gesichtszüge auf, die, vergleicht man sie mit Bildern von seiner Website, frappierend dem Maler Alexander Preys und einer weiteren Person seiner Firma für Wandmalerei, Oberflächendesign und Restaurierung ähnlich sehen. Die Website ist binnen zwei Tagen nach der Anfrage der „Presse“ aus dem Netz genommen worden, liegt der Redaktion jedoch als Kopie vor.
Pendant zum Fenstergucker?
Sollte es sich um eine Selbstdarstellung handeln, so hat dies in Wien eine gewisse Tradition. Schließlich haben sich auch im Nachbarhaus Künstler verewigt: Unter der Kanzel des Stephansdoms blickt seit mehr als fünfhundert Jahren der Fenstergucker auf die Dombesucher. Das Porträt wird allgemein dem Dombaumeister Anton Pilgram zugeschrieben. Dies ist jedoch nicht gesichert, im Gegensatz zum Selbstporträt Pilgrams aus dem Jahr 1513 unter dem Orgelfuß im Seitenschiff des Domes.
Sechs Jahre lang nicht aufgefallen
Der ungewöhnliche Leopold kann jedenfalls seit mehr als sechs Jahren auf den Stock im Eisen vis-à-vis herunterlächeln, ohne dass jemand durch die stilistisch aus dem Rahmen fallende Darstellung irritiert gewesen wäre – weder die Stadt Wien noch die Hausverwaltung oder die Besitzer griffen ein. 2020 wurde, der Magistratsdirektion zufolge, durch die für Kultur zuständige MA 7 nach einer „Begutachtung festgestellt, dass die Sanierungsarbeiten sachgemäß erfolgten“, eine Förderung für die Fassadensanierung wurde genehmigt.
Marc Aurel mit getrimmtem Bart
2025 erhielten dann die Figuren in der Singerstraße ebenfalls naturnah dargestellte Gesichter und auch Marc Aurel und Otto wurden nun optisch modernisiert. Während Franz Joseph und Otto stiernackig im Profil zu sehen sind, wurde Rudolf durch den Karolinger Arnold von Kärnten ersetzt, der als Kleinkind von der Wand blickt. Und Marc Aurel trägt nicht mehr seinen klassischen Philosophenbart und Lockenkopf, sondern als Dreiviertelporträt eine Schmalzlocke und einen akkurat getrimmten Bart. Rund drei Monate nach der Entfernung des Gerüstes im Jänner fiel dies dem Autor dieses Textes auf – er hatte im Jahr davor für einen Artikel über Marc Aurels Wien noch die ursprüngliche Darstellung fotografiert.
»Wir sind der Tradition des Historismus gefolgt: Damals wie heute wurden reale Modelle genutzt, um den Figuren Ausdruck zu verleihen.«
Alexander PreysAusführender Maler
Doch um wen handelt es sich bei den abgebildeten Personen tatsächlich? Das will der ausführende Künstler mit Hinweis auf den „Schutz der Privatsphäre der Modelle“ nicht mitteilen. Die Gesichtszüge seien großteils verwittert und nicht rekonstruierbar gewesen. Man sei „der Tradition des Historismus gefolgt: damals wie heute wurden reale Modelle genutzt, um den Figuren Ausdruck zu verleihen“.
Eigentümer anfangs „sehr, sehr glücklich“
Philipp Harmer, dem die Hälfte des Hauses gehört, betonte zunächst noch seine Zufriedenheit mit der Firma, die ihm amtsseitig empfohlen worden sei: „Ich bin sehr, sehr glücklich mit dem Gesamtergebnis der teuren und langen Renovierung. Mein Ururgroßvater wäre sehr stolz und zufrieden.“
Doch nach der Kontaktaufnahme durch Stellen der Stadt Wien soll Preys nun die Veränderungen rückgängig machen. Die Zielsetzung der Renovierungen sei es gewesen, den Originalzustand aus dem 19. Jahrhundert möglichst nahe wiederherzustellen, sagt Harmer. Der Hausbesitzer und die Hausverwaltung erklären unisono, dass es sich bei der Ausgestaltung der Porträts um die alleinige Entscheidung des Malers gehandelt habe.
»Die derzeit sichtbaren Darstellungen an der Fassade entsprechen nicht dem vereinbarten Leistungsumfang und wurden vom Künstler eigenmächtig und ohne Freigabe ausgeführt. «
Die Hausverwaltung
Die Hausverwaltung hält diesbezüglich fest, dass eine inhaltliche Veränderung der Malereien nicht Teil des Auftrages gewesen sei und auch nicht goutiert werde: „Die derzeit sichtbaren Darstellungen an der Fassade entsprechen nicht dem vereinbarten Leistungsumfang und wurden vom Künstler eigenmächtig und ohne Freigabe ausgeführt. Der Auftrag gilt daher aus unserer Sicht als nicht ordnungsgemäß erfüllt und ist vom Künstler noch vollständig zu erbringen.“
»Bei der naturalistischen Ausarbeitung der Gesichter und Kaiserporträts bin ich rein aus gestalterischer Begeisterung über das Ziel hinausgeschossen.«
Alexander PreysMaler
Den Auftrag zur Rekonstruktion und Restaurierung habe man „an der gesamten Fassade wie vorgegeben erfüllt und fachgerecht abgeschlossen“, erklärt hingegen Preys – „abgesehen von den Gesichtszügen, wie mir leider erst nachträglich bewusst geworden ist“.
Sein persönlicher Anspruch sei ein „handwerklich und ästhetisch besonders hochwertiges Ergebnis“ gewesen, doch bei „der naturalistischen Ausarbeitung der Gesichter und Kaiserporträts bin ich dabei rein aus gestalterischer Begeisterung über das Ziel hinausgeschossen“. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass „diese Abweichung den strengen formalen Vorgaben der baurechtlichen Schutzzone widerspricht“.
Stadt Wien ermittelt
Die Stadt Wien erklärt, es sei nur ein Antrag zur Sanierung der Fassade in der Singerstraße gestellt worden. Überarbeitungen an der bereits 2020 sanierten Front am Stock-im-Eisen-Platz seien jedoch nicht Teil des Antrages gewesen. Neben der MA 7 sind auch die für Architektur und Stadtgestaltung zuständige MA 19 und die MA 37, die Baupolizei, mit dem Resultat der Restaurierung befasst.
Lage in der Schutzzone
Dem Gebäude komme „aufgrund der Lage in einer Schutzzone und im UNESCO-Welterbe“ eine „hohe städtebauliche Bedeutung zu, weshalb ein derartiger Eingriff streng zu prüfen ist“, teilt die Magistratsdirektion mit. Es werde daher nach Rücksprache mit der Baupolizei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, um zu klären, „ob die Änderungen die historische Gestaltung beeinträchtigen bzw. den Vorgaben der Wiener Bauordnung entsprechen“.
Förderung wird geprüft
Da die Veränderungen bei der Baupolizei weder beantragt noch genehmigt worden seien, könne die Stadt Wien nach Abschluss dieses Verfahrens eine „Wiederherstellung des ursprünglichen Fassadenbildes verlangen“. Jedenfalls werde seitens der MA 7 die „finale Bearbeitung der noch offenen Fassadensanierungsförderung aus dem Wiener Altstadterhaltungsfonds nicht ohne die Wiederherstellung der originalen Fassadengestaltung möglich sein“.
Die betroffenen Porträts und Gesichter würden zeitnah und fachgerecht auf den historisch belegten Zustand zurückgeführt, verspricht der Künstler.