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Meinung Wechsel zur Oberschule in Berlin Bitte nennt es nicht "Wunschschule"
Symbolbild: Ein Schüler steht im Februar 2018 an einem Whiteboard. (Quelle: Imago Images/Zeljko Dangubic)
3 Min
Symbolbild: Ein Schüler steht an einem Whiteboard. (Quelle: Imago Images/Zeljko Dangubic)

Wer sich in Berlin an einer Oberschule bewirbt, erfährt in manchen Bezirken, wie sich Schulplatz-Lotto anfühlt. Soll man auf sein Glück setzen oder doch lieber taktieren? Selbst für Einserschüler gibt es da keine sichere Antwort.

Wechselt ein Berliner Kind von der Grund- auf die Oberschule, kann es drei Wunsch-Schulen angeben. Das klingt nach viel Wahlfreiheit. Und Jahr für Jahr verweisen Senat und Bezirke darauf, wie viele Schülerinnen und Schüler einen Platz an ihrer Wunschschule erhalten haben – und präsentieren das als "erfreulichen" Erfolg.

Dabei handelt es sich in der Realität bei vielen Schülern mitnichten um ihre echte Wunschschule – also die Schule, die vom Profil und vom Fahrtweg her tatsächlich gut zum Kind passt.

Wir reden von einem NC für Grundschüler

Die gewählte Schule ist oft vor allem die Schule, bei der das Kind mit seinem Notendurchschnitt der "Förderprognose", auch "NC" genannt, überhaupt eine reelle Chance hat, aufgenommen zu werden. Ob das Schulprofil passt oder die Schule in der Nachbarschaft liegt, spielt dabei oft eine absolut nachgeordnete Rolle.

Und ja, wir reden von einem NC für Grundschüler, der im Zweifelsfall dazu führt, dass ihm oder ihr der Zugang zu bestimmten Integrierten Sekundarschulen und Gymnasien selbst mit guten Noten nicht möglich ist. "Notenfetischismus" nennt das der Bildungsexperte Dieter Dohmen. Wie das sein kann? Das Problem ist, dass Berlin seit Jahren ein Wunschschulsystem verspricht, ohne die dafür nötigen Schulplätze bereitzustellen.

In Pankow ist die Lage besonders prekär

Das führt in Bezirken wie Pankow dazu – in der Presse ist immer wieder zu lesen, dass hier besonders viele Schulplätze fehlen – dass eine Art Stresstest unter Eltern und Kindern entsteht, wenn letztere das zweite Halbjahr der fünften Klasse erreichen. Denn ab dann zählt's. Aus den Noten dieses und des ersten Halbjahrs der sechsten Klasse wird nämlich besagte Förderprognose errechnet, mit der sich das Kind auf der Oberschule bewirbt. Deshalb haben Fünft- und Sechstklässler oft keine Zeit für zeitaufwendige Hobbys. Sie müssen zur Nachhilfe, sie sitzen mit ihren Eltern bis in die Abendstunden an Vorträgen und abzugebenden Arbeiten, sie büffeln für anstehende Klassenarbeiten.

Natürlich fällt es manchen Kindern leicht, sehr gute Noten verhältnismäßig mühelos zu erreichen. Doch selbst sie sind nicht gefeit davor, am Ende weite Wege für die weiterführende Schule in Kauf nehmen zu müssen. Beispielsweise, wenn der NC am Wunschgymnasium bei 1,0 liegt.

Drei Wünsche sind angeblich drin

Denn ein weiteres Problem ist, dass keiner vorher weiß, welche Förderprognose man für welche weiterführende Schule erreichen muss. Die jeweilige Notengrenze steht, wie bei Studienplätzen, nicht im Vorhinein fest. Sie errechnet sich jedes Jahr neu aus den Notendurchschnitten der sich bewerbenden Kinder.

Familien aus Bezirken mit zu wenigen Schulplätzen suchen daher nach der einer möglichst sicheren Nummer. Da in einigen Bezirken (fast) alle (guten) Schulen übernachgefragt sind, hat das Kind dort definitiv nur bei seiner Erstwunschschule eine Chance.

Bleibt noch die Hoffnung auf den Lostopf bei beliebten Schulen. Auf den entfallen theoretisch 30 Prozent der Schulplätze – wie hoch die Chance auf ein gutes Los hier ist, ist allerdings auch unklar. Denn hier landen alle Erstwunsch-Schüler, die keinen Platz bekommen haben, weil ihr NC nicht gut genug war. Und: der Lostopf verringert sich um die Plätze, die an Geschwisterkinder von Kindern, die bereits an der Schule sind, gehen - und teils auch für Härtefälle.

Lisa* und Finn* hatten Glück im Unglück

Zwei Beispiele, was das mit Kindern aus dem Umfeld der Autorin gemacht hat: Einmal ist da Lisa* aus Pankow. Sie ist von der ersten Klasse an eine Einserschülerin. Da ihr Schnitt aber zur Bewerbungszeit nicht bei 1,0, sondern "nur" bei 1,2 lag, hat sie sich nicht getraut, sich an ihrer echten Wunschschule, dem Ossietzky-Gymnasium, zu bewerben. Sie geht also auf ein Gymnasium in Reinickendorf und passiert täglich das Ossietzky, auf dem sie mit ihrem NC übrigens angenommen worden wäre.

Und dann ist da Finn*, auch aus Pankow. Er hat seit der fünften Klasse vor allem Fußball im Kopf. Daher sackte er von 1,8 auf einen NC von 2,3. Seine Eltern wollten Finn gern auf der schulpreisgekrönten Heinz-Brandt-Schule, einer Integrierten Sekundarschule, anmelden. Das hat nicht geklappt. Das Schulamt wollte ihn nach Neukölln auf eine Brennpunktschule schicken. Daher besucht Finn heute eine Privatschule – und seine Eltern zahlen mehrere hundert Euro Schulgeld pro Monat.

Was mit nicht leistungsstarken Kindern passiert

Das klingt in beiden Fällen nicht nach ganz schlimmen Schicksalen. Aber was ist eigentlich mit Torben, den wir an dieser Stelle erfinden.

Stellen wir uns vor, er hat einen Schnitt von 3,4. Wenn er in Pankow bleiben will, muss er an eine der Sekundarschulen, an die sonst kaum jemand will. Torben ist aber nicht leistungsschwach, er kann sich nur nicht gut konzentrieren. Für ihn würde deswegen sehr gut das Konzept der Heinz-Brandt-Schule passen, die ihre Schüler individuell in kleinen Lerngruppen fördert. Doch es ist paradox: Er hat so gut wie keine Chance, auf diese Schule zu kommen - aufgrund seines NCs.

Und dann sind da noch die meist zugewanderten Kinder aus den Willkommensklassen. Deren Eltern ringen sicherlich oftmals mit anderen Alltagsaufgaben, als die besten Schulen untereinander zu vergleichen und auf Passgenauigkeit zu prüfen. Das führt in vielen Fällen dazu, dass sie auch weiterhin benachteiligt bleiben im Berliner Schulsystem.

Das Wort Wunschschule setzt Wahlmöglichkeit voraus

Sicher ist gerade Berlin-Pankow in Sachen Schule eine Art Brennglas – hier leben besonders viele leistungsstarke Schüler mit ihren besonders engagierten Akademikereltern. Aber es handelt sich trotzdem nicht um eine kleine Insel, sondern um Berlins einwohnerstärksten und einen besonders kinderreichen Bezirk. Das Problem ist seit Jahren bekannt – und durch die Verdichtung der Stadt wird es sich auch nicht in Wohlgefallen auflösen.

Nennt es also bitte nicht Wunschschule. Denn eine Wunschschule setzt voraus, dass man tatsächlich die Wahl hat.

* Namen von der Redaktion geändert

Sendung: rbb|24, 15.06.2026,09:12 Uhr
Audio: rbb|24, 15.06.2026, Vanessa Klüber im Gespräch mit Sabine Priess

Korrektur: In einer früheren Version des Textes hieß es, der NC für Studienplätze stehe im Vorhinein fest. Jedoch wird auch dieser NC jedes Semester beziehungsweise in jedem Zulassungsverfahren nach u.a. der Anzahl der Studienplätze, der Zahl der Bewerber:innen und deren Noten neu berechnet.

Berlin Kinder Schule

25 Kommentare

  • Berliner

    @Bernhard: Das sehe ich völlig anders. 45 Minuten und das zweimal pro Tag + Unpünktlichkeit und Ausfall bei den Öffis. Dann haben manche Kinder einen längeren Tag als Erwachsene. Nicht zu vergessen die Hausaufgaben. Und dann wundert man sich, dass viele Kids überfordert und nervös sind? Kein Wunder.

    0 Antworten
  • SAN

    "Die jeweilige Notengrenze steht, anders als bei Studienplätzen, nicht im Vorhinein fest. Sie errechnet sich jedes Jahr neu aus den Notendurchschnitten der sich bewerbenden Kinder." Der NC steht für Studienplätze auch nicht vorher fest, sondern errechnet sich jedes Jahr neu.

    0 Antworten
  • Jan

    Kinder sind unsere Zukunft, sagt man. Wie wir mit unserer Zukunft umgehen, sieht man an diesem Beispiel ziemlich gut. Schon in jungen Jahren wird ein enormer Druck aufgebaut, aussortiert und bewertet. Wer nicht mithalten kann, hat Pech. Den sich zu entziehen geht nur mit Geld, dann geht das Kind auf eine Privatschule oder man hat irgendwie Glück. Später wundern wir uns, was aus den Kindern geworden ist, die durch dieses System gefallen sind. Schimpfen über Fachkräftemangel usw.. Es ist wirklich sehr traurig , wie unser Land mit seinem Nachwuchs umgeht und die Folgen daraus wohlwissend in Kauf nimmt.

    • Es ist wirklich sehr traurig ,

      Jaja, alles gang, ganz traurig. Vor 40 Jahren war ich auch mal diese Zukunft.

    • Berliner

      Genauso sehe ich das auch. Danke für den Kommentar, wenngleich er einen auch traurig und wütend zugleich macht.

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