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Queer in der Arbeitswelt Wenn der Job zum Versteckspiel wird
Symbolbild: Ein Mann in einem gestreiften T Shirt mit einer LGBT Flagge mit einem Regenbogenherz auf der Brust zeigt mit dem Finger auf die Stickerei. (Quelle: imago images/Artsaba)
2 Min
Symbolbild: Ein Mann in einem gestreiften T Shirt mit einer LGBT Flagge mit einem Regenbogenherz auf der Brust zeigt mit dem Finger auf die Stickerei. (Quelle: imago images/Artsaba)

Eine Drag Queen mit quietschblonden Haaren steht in einem knallroten und sehr knappen Kleid vor einer Fotowand und guckt in Richtung Eingang. Sie wartet auf die nächsten Gäste der Jobmesse, die an diesem Samstag in einer Halle nahe der Warschauer Straße stattfindet. Manche würden das vielleicht ungewöhnlich nennen. Hier ist es völlig normal, fast schon unspektakulär: Denn es ist keine Jobmesse wie jede andere, sondern eine für queere Menschen.

"Sticks & Stones" heißt sie, und Projektleiterin Julia Kolhoff hat hier alles in der Hand. Im wahrsten Sinne des Wortes: In ihrer rechten Hand hält sie ein Walkie-Talkie, in der linken einen Stapel Zettel, einen Stift und ihr Smartphone.

Julia Kolhoff, Projektleiterin der queeren Karrieremesse Sticks & Stones. (Quelle: rbb)
Julia Kolhoff, Projektleiterin der queeren Karrieremesse Sticks & Stones. (Quelle: rbb)

Dass Kolhoff heute in einem Unternehmen arbeitet, das sich zur Aufgabe gemacht hat, queere Menschen in der Arbeitswelt nach vorne zu bringen, könnte man eine feine Ironie der Geschichte nennen. Zwar ist Kolhoff lesbisch und weiß das auch schon länger, aber: "Ich habe es tatsächlich die ersten zehn Jahre meines Berufslebens verschwiegen." Erst seit vier Jahren gehe sie auch im Job ganz offen damit um – seitdem sie die Projektleitung für die "Sticks & Stones" übernommen hat.

29 Prozent sind im Job nicht out

Davor habe sie in einem großen Konzern der Lebensmittelindustrie gearbeitet, in einer Führungsposition, erzählt Kolhoff. Dort hatte sie Angst, wegen ihrer Homosexualität benachteiligt zu werden, weil sie nicht wusste, wie Vorgesetzte oder Kolleg:innen reagieren würden. "Und da war ich mir so unsicher, dass ich gedacht habe, ich verstecke mich lieber."

Diese Unsicherheit ist für Kolhoff mittlerweile Vergangenheit – für viele andere allerdings nicht. In einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur [fra.europa.eu] unter queeren Menschen in Deutschland von 2024 sagten 29 Prozent der mehr als 14.000 Befragten, sie sprächen mit keinen Arbeitskolleg:innen offen darüber, dass sie queer sind. Weitere 26 Prozent gaben an, darüber nur mit ein paar Menschen auf der Arbeit zu reden. Mit den meisten oder gar allen Kolleg:innen offen über ihr Queer-Sein spricht also weniger als die Hälfte der Befragten.

Beleidigung vom Chef

Es sind Zahlen, die manche überraschen dürften. Schließlich ist es schon 25 Jahre her, dass Klaus Wowereit auf einem SPD-Parteitag mit fester Stimme ausrief: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so!" Es war das erste Coming Out eines Spitzenpolitikers in Deutschland, quasi an seinem Arbeitsort. Es folgten viele weitere: Ole von Beust, Guido Westerwelle, Kevin Kühnert.

Archivbild: Klaus Wowereit lacht während des Bundesparteitages der SPD. (Quelle: imago images/Simon)
Archivbild: Klaus Wowereit lacht während des Bundesparteitages der SPD. (Quelle: imago images/Simon)

Und trotzdem hört man auf der "Sticks & Stones" auch immer noch Geschichten wie die von Chris. Er habe auf der Arbeit einmal eine unangenehme Situation während einer Präsentation überspielen wollen, erzählt er. Weil währenddessen "Fahrstuhl-Musik" gelaufen sei, habe er in die Runde gefragt: "Na, spürt ihr es auch?", und sich dazu ein bisschen bewegt. "Mein Chef damals meinte, ich solle nie wieder so schwuchtelig vor den Leuten rumtanzen - ohne zu wissen, dass ich tatsächlich queer bin."

"Ich denke nicht, dass sich viel verändert hat"

Ein halbes Jahr sei er damals noch in dem Job geblieben, so Chris, danach habe er das Unternehmen gewechselt. Er sei heute Anfang 30, die Situation acht Jahre her. Aber noch vor zwei Jahren gaben in der Umfrage der EU-Grundrechteagentur 19 Prozent der über 12.000 queeren deutschen Befragten an, sie hätten sich in den zwölf Monaten vor der Umfrage am Arbeitsplatz oder bei der Jobsuche mindestens einmal diskriminiert gefühlt [fra.europa.eu]. Immerhin sind diese Werte niedriger als 2020, damals waren es 24 Prozent [fra.europa.eu].

Leo Yannick Wild sagt trotzdem: "Ich denke nicht, dass sich viel verändert hat." Der 51-Jährige leitet bei der Schwulenberatung Berlin die Antidiskriminierungsstelle und die Beratung für trans- und intergeschlechtliche Menschen. Von den über 400 Diskriminierungs-Fällen, die sie dort im vergangenen Jahr dokumentiert haben, seien mehr als 50 im Job passiert.

Keine queerfreundlicheren Branchen

Relativ häufig erzählten Menschen in der Beratung davon, dass sie nach einem Coming Out deutlich benachteiligt werden, so Wild. Und manchmal auch von körperlichen Übergriffen: "Einer trans Person wurde durch eine Kollegin an den Körper gefasst, um herauszufinden, welche Körperteile denn da vorhanden sind."

Dass einige Branchen queerfreundlicher seien als andere, könne er nicht sagen, erzählt Wild. In der selbst titulierten "Regenbogenhauptstadt" Berlin ist ein Coming Out am Arbeitsplatz aus seiner Sicht auch nicht einfacher als in Brandenburg – selbst, wenn es in Berlin mehr queere Arbeitgeber:innen gebe. "Auch dass ein Unternehmen beim Christopher Street Day mitmacht, reicht allein nicht aus."

Nur noch die Hälfte der Unternehmen auf queerer Messe

Für die Frage, ob sich queere Menschen im Job outen und ohne Diskriminierung arbeiten können, seien andere Faktoren entscheidender: "Die Rolle, die Vorgesetzte und Führungskräfte einnehmen, ist zum Beispiel wichtig", sagt Wild.

Das zeigt sich auch bei Julia Kolhoff und der queeren Karrieremesse "Sticks & Stones". "Seit es die Messe gibt, waren die Anmeldezahlen der ausstellenden Unternehmen eigentlich immer steigend", erzählt sie. "Aber in den letzten Jahren geht es langsam wieder bergab." So seien vor zwei Jahren noch 150 Unternehmen dabei gewesen, in diesem Jahr sind es noch knapp 70.

"Ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen brauche"

Auch deshalb sagt Kolhoff, es habe sich schon etwas geändert in den 25 Jahren seit Wowereits berühmten Satz: "Aber definitiv noch nicht genug." Für sie persönlich hat sich mit Ihrem Outing viel verändert – das Versteckspiel auf der Arbeit ist vorbei. "Ich bin jetzt wirklich froh, dass ich das nicht mehr machen brauche", erzählt Kolhoff und lächelt. Völlig normal, fast schon unspektakulär, könnte man denken – und ist es doch immer noch nicht.

Sendung: rbb|24, 10.06.2026, 6:52 Uhr
Audio: rbb|24, 10.06.2026, Klaas-Wilhelm Brandenburg

Berlin Brandenburg Queer

24 Kommentare

  • schwuler Arbeiter

    Na ich sage mal so... ich denke, es ist ein Unterschied, ob Mann oder Frau mit homosexueller Orientierung und auch Partnerschaftsleben in queeren Schmelztiegeln wie Berlin oder Köln lebt oder eben in Brandenburger Städten und Dörfern, quasi der normalen Welt. Auf Arbeit hier spielt der Privatbereich nur in den wenigen persönlichen Gesprächen eine Rolle. Und da gibt jeder so viel preis, wie er denkt oder es dem Personenkreis angemessen erscheint. Es ist usus hier, sich nicht immer mit seiner Lebensart herauszustellen, sondern schlicht einfach ein Teil der breiten Bevölkerung zu sein. Wir als schwule oder lespische Menschen hier wollen ganz normal leben und arbeiten ohne einen Extrabonus für besonders herausgestellte Lebensweisen. Es fragt auch kein Arbeitgeber, mit wem man gerne Sex hat und zusammenlebt. Selbst ob verheiratet oder ledig wird heute nicht mehr nachgefragt so allgemein.

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  • Raffael

    Allein manche Kommentare zeigen, wie genervt viele schon allein vom Thema an sich sind: "die" sollen nicht auffallen, sich nicht so wichtig nehmen, still sein, Arbeitsleistung zeigen, das Thema nicht überhöhen... Um so wichtiger, weiter darüber zu schreiben.

    • Jo

      Übersättigung kann sich fürs Thema ins Gegenteil umschlagen. Hilfreich ist das nicht. Und hier ist meiner Meinung nach der Bogen schon lange überspannt. Einfach leben und leben lassen vor allem. Gilt aber für alle.

  • Wolfgang Banse

    Zum obigen Artikel habe ich einen Kommentar geschrieben und an rbb24 geschrieben.Dieser ist jedoch nicht sichtbar. Queere Menschen,gehandi-capte Menschen hatten und haben es schwer im privaten,wie auch im beruflichen,hier Stigmatisierung.

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