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Interview

"Ich wollte beweisen, dass schwule Männer keine Verrückten, Pädophilen, Perversen oder Kranken sind"

Cruising und offen gelebte schwule Sexualität: Heute vor 50 Jahren feierte der Film "Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975" Premiere in Cannes. Im Interview mit queer.de blickt Regisseur Philippe Vallois zurück.


Szene aus "Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975"

Der junge Regisseur Philippe Vallois verfilmte mit "Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975" seine eigene Geschichte: Er wollte einen Film über seinen Liebhaber drehen. Doch Johan wird kurz vor Drehstart verhaftet. Also macht sich der Filmemacher – gespielt von Patrice Pascal – auf die Suche nach Ersatz. Er trifft Freund*innen und die Familie von Johan und erkundet dabei die Pariser Schwulenszene.

"Johan" ist ein beeindruckender Film, der auch nach 50 Jahren noch sehenswert ist. Der Film erzählt völlig selbstverständlich von der Pariser Schwulenszene, von lustvoll gelebter Sexualität und von Cruising in Saunen, Toiletten und Parks.

Heute vor 50 Jahren – am 17. Mai 1976 – feierte der Film seine Premiere beim Filmfestival in Cannes. Womöglich war so ein mutiger Film nur in diesem kurzen Zeitfenster möglich: Stonewall brachte die queere Bewegung ins Rollen, bis zum ersten Pride in Paris sollte es aber noch bis 1977 dauern. Die Schrecken der Aids-Epidemie waren noch nicht in der Welt.

Zu diesem Jubiläum beantwortete Regisseur Philippe Vallois einige Fragen von queer.de.


Philippe Vallois (Bild: privat)

Vor 50 Jahren wurde dein erster Film "Johan" in Cannes gezeigt. Wirst du dieses Jubiläum feiern?

Du hast mich daran erinnert, dass mein Film "Johan" sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Das war mir gar nicht bewusst. Der Grund dafür ist, dass ich nach wie vor Spielfilme mit kleinem Budget drehe (wie zuletzt "L'éternelle rencontre") oder autobiografische Filme im Stil dessen, was ich mit "Johan" gemacht habe (wie "Un miracle brésilien"). Sie laufen nur auf Festivals wie Chéries Chéris in Paris oder Ecrans mixtes in Lyon.

Und dieses Jahr ist es besonders kurios: Ich drehe gerade einen Film, "Une enquête de coeur", in dem der sehr gutaussehende junge Brasilianer Bruno Hilario Pereira mitspielt. Er war Leiter eines Filmarchivs und hat mich vor vier Jahren mit sieben meiner Filme nach Brasilien eingeladen. Sein großes Interesse an mir kommt daher, dass er "Johan" während seiner Studienzeit gesehen hat und mich unbedingt kennenlernen wollte.

Erinnerst du dich an die Premiere in Cannes? Wie war es, vor allem für dich als junger Filmemacher?

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch in Cannes 1976, ich hatte einige interessante Begegnungen. Die Leute, die sich trauten, meinen Film anzusehen, waren sehr respektvoll und tolerant.

Der Film enthält einige explizite schwule Pornoszenen. Wie waren die Reaktionen auf den Film in Cannes?

Ich glaube, dass das Publikum damals wegen des Themas vorsichtig war und viele sich nicht trauten zu kommen. Sie hatten Angst, selbst für schwul gehalten zu werden, weil sie einen schwulen Film eines unbekannten Regisseurs in Cannes sahen. Damals haben alle Schwulen ihre Sexualität versteckt, und alle meine Freunde hielten mich für verrückt, so einen Film zu drehen. Es gab keinen Skandal in Cannes. Als der Film kurz darauf in die Kinos kam, erhielt ich sowohl gute als auch weniger gute Kritiken.


Szene aus "Johan"

Damit der Film danach ins Kino kommen konnte, musste er aber zensiert werden...

Genau, beinahe wäre der Film wegen Zensur nicht veröffentlicht worden. Ich war sehr traurig und wusste nicht, was ich tun sollte. Aber die SRF (die französische Vereinigung der Filmregisseure, Anm. d. Red) protestierte. Der Kritiker Jean-Louis Bory schrieb einen Artikel im "Le Nouvel Observateur", und die Zensoren stimmten der Veröffentlichung des Films zu – unter der Bedingung, dass die Szenen mit erigierten Penissen herausgeschnitten werden.

Die Geschichte von "Johan" ist sehr besonders – es ist die Geschichte davon, wie du einen Film über deinen Lover Johan drehen willst. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich hatte diesen Typen, Johan, kennengelernt, der einen Ruf als Dieb und Gauner hatte. Aber er war sehr sexy, sehr männlich, ziemlich dominant. Ein echter harter Kerl. Er mochte mich wohl, und ich verliebte mich. Anfangs wollte ich Johan mit diesem Film nur einem breiteren Publikum vorstellen, ich habe ein kurzes Drehbuch improvisiert. Allein die Vorstellung, ihn vor meiner Kamera reden und sich bewegen zu sehen, reichte mir. Er hingegen war ein Schwindler und hatte Ideen für pompöse Hollywood-Szenen, was mit meinem wenigen Geld unmöglich war.

War es schwer, eine Crew dafür zu finden?

Es war Sommer, und es war schwer, einen Kameramann zu finden. Alle hatten Angst, in der Branche schief angesehen zu werden. Zum Glück kam François About ins Spiel; und er war fest entschlossen, sich durch diesen Film als schwul zu outen.


Szene aus "Johan"

Doch dann kam Johan ins Gefängnis...

Exakt! Leider wurde Johan zwei Wochen vor Drehbeginn wegen Scheckbetrugs verhaftet. Ich war am Boden zerstört, der Film musste verschoben werden. Wann würde der Prozess stattfinden? Wie lange würde er im Gefängnis sitzen? Da meine Crew und ein paar Schauspieler bereit waren zu drehen, begann ich mit den Dreharbeiten mit der Idee, einen Film über jemanden zu drehen, den man nie zu Gesicht bekommt – und genau das macht den Film so originell.

Ein damaliger Freund hatte einen sehr guten Job und wohlhabende Freunde. Sie haben mir etwas Geld gegeben, hauptsächlich für das Filmmaterial und ein bisschen für die drei Crewmitglieder. Die Schauspieler wurden nicht bezahlt, sie hätten einen Anteil am Gewinn erhalten.

Sie arbeiteten nur ein oder zwei Tage und waren sehr mutig, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Es waren oft Freunde, mit denen ich Sex hatte. Aber als der Film 1976 in die Kinos kam, herrschte eine Hitzewelle. Die Kinos waren nicht klimatisiert, und der Film spielte keinen Gewinn ein.

Wie blickst du heute auf "Johan"?

Ich freue mich sehr, dass sich heute noch Leute für den Film interessieren, auch wenn ich denke, dass er einige kleinere Schwächen hat, hauptsächlich aus Geldmangel. Filmmaterial war sehr teuer, vor allem Farbfilm. Ich habe deshalb immer nur eine einzige Aufnahme gedreht. Trotzdem ist der Film heute beliebter als bei seiner Kinopremiere.

Mitte der 2000er Jahre wollte ich ihn auf DVD veröffentlichen. Ich habe die herausgeschnittenen Sexszenen gefunden und eingefügt. Dann kaufte Arte den Film und vertrieb ihn in mehreren Ländern.


Szene aus "Johan"

Was war das für eine Zeit, in der du den Film gedreht hast?

1976 wurden im Dragon, einer Art Privatclub, schwule Filme gezeigt. Das war hauptsächlich ein Treffpunkt für schwule Männer. Die Filme waren aber dumm und schlecht gemacht. In der französischen Gesellschaft kursierten viele falsche Behauptungen über Homo­sexuelle. Und ich konnte mich deshalb selbst nicht als solchen erkennen, das hat mich verletzt.

Was war deine Motivation, den Film zu machen?

Ich wollte meinem Lover Johan beweisen, dass schwule Männer keine Verrückten, Pädophilen, Perversen oder Kranken sind, sondern gutaussehende, sportliche, freundliche und ganz normale Kerle. Außerdem wollte ich diese Cruising-Szene in Paris vorstellen, die mich interessierte, weil ich einige Jahre zuvor aus meiner Heimatstadt Bordeaux dorthin gezogen war.

Aber es gab ja auch andere schwule Filmemacher in Frankreich, oder?

In Frankreich gab es viele schwule Filmemacher, doch die meisten erzählten heterosexuelle Geschichten. Marcel Carné, André Téchiné, Jacques Demy, sogar Jean Cocteau – sie alle schrieben über heterosexuelle Liebesgeschichten.

Du hast danach weitere schwule Filme gedreht: "Nous étions un homme" über die Liebe eines Franzosen zu einem deutschen Soldaten im Jahr 1943 und "Haltéroflic" über einen Polizisten und einen Bodybuilder. War es dir wichtig, Filme mit schwulem Inhalt zu machen? War das für dich auch politisch?

Da ich selbst schwul bin, fällt es mir leichter, Geschichten zu erzählen, die mich persönlich betreffen. Und Ehrlichkeit scheint auch für die Zuschauer bereichernd zu sein. Sie sehen, dass ich nicht lüge, was die Dinge voranbringt und Stereotypen entgegenwirkt. Obwohl ich mich nie zu einer politischen Partei bekannt habe, können meine Filme als politisch betrachtet werden. Das sind sie ganz sicher, auch wenn mir das zunächst nicht bewusst ist.

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War dir dabei kommerzieller Erfolg wichtiger oder dass du dich künstlerisch austoben konntest?

Ich liebe die Freiheit. Und ich habe nicht nur Filme gedreht, die Homosexualität thematisieren, weil ich nicht nur an Sex und Liebe denke. Ich habe die Filme gemacht, die mich begeistern. Ich habe einen Fernsehfilm über den Balletttänzer Vaslav Nijinsky gedreht sowie eine Dokumentation über eine ganz besondere Frau, die mit dem Huguette-Spengler-Preis ausgezeichnet wurde. Ich drehte sogar einen Spielfilm, "Das Rätsel der Wüste", der in Berlin den Europa-Preis für Fernsehen gewann. Ich drehte einen Film über den Walzer, über Bauchtanz.

Wäre einer meiner Filme ein Publikumserfolg gewesen oder hätte mich gar eine große Produktionsfirma für die Regie eines Films mit hohem Budget angefragt, hätte ich natürlich zugesagt. Ich wäre überglücklich gewesen. Ich hätte beinahe einen Film mit Jeanne Moreau gedreht, aber drei Wochen vor Drehbeginn platzte alles wegen eines unfähigen Produzenten. Es war auch die Zeit von Aids, und ein Freund lag damals im Sterben.

Wie hat die Aidskrise deine Filme verändert?

Die Aids-Epidemie inspirierte mich zum Filmemachen. Aber was meine Art zu filmen wirklich verändert hat, war der Einsatz kleiner Kameras und Schnittsoftware. Dadurch konnte ich alle technischen Aspekte selbst in die Hand nehmen und Filme mit völliger Freiheit, mit so wenigen Technikern wie möglich und mit wenig Geld drehen. Leider arbeite ich nicht mit bekannten Schauspielern, und meine Filme werden nur auf Festivals gezeigt.

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Queere Filme sind heute deutlich sichtbarer – auch auf Festivals, mit Auszeichnungen wie dem Teddy oder der Queer Palm. Hast du das kommen sehen?

Ich finde es großartig, dass es heutzutage nicht mehr beschämend ist, Filme über Homosexualität zu machen. Umso besser, es gibt so viele neue Talente. Schwule Menschen in Europa haben es sehr gut. In anderen Ländern brauchen sie viel Mut, so wie ich ihn selbst 1975 hatte, als ich "Johan" drehte.

Du bist 77 Jahre alt und drehst immer noch Filme – zuletzt 2023 "L'éternelle rencontre". Hast du jemals daran gedacht, dich zur Ruhe zu setzen?

Im Moment denke ich nicht an den Ruhestand. Ich arbeite gerade mit Bruno an meinem neuesten Film und an einem Auftragswerk: dem Porträt der im letzten Jahr verstorbenen Schauspielerin Héloïse Mignot.

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