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Kasseler Filmemacher über Palantir: Tech-Milliardäre „wollen die Weltherrschaft“

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Die umstrittene Software der US-Firma Palantir soll in immer mehr deutschen Sicherheitsbehörden eingesetzt werden. Kritiker wie der renommierte Filmemacher Klaus Stern warnen jedoch.

Kassel – Palantir ist vielleicht der geheimnisvollste Konzern der Welt. Die vom US-Unternehmer Alex Karp gegründete Firma wertet Daten aus, mit denen US-Behörden etwa illegale Einwanderer ausmachen. Angeblich half Palantir auch, Osama bin Laden zu finden. Die Ukraine nutzt die Dienste im Krieg gegen Russland ebenso wie die hessische Polizei, um Verbrechen aufzuklären – bis das Bundesverfassungsgericht den Einsatz einschränkte.

Bald könnte Palantir mit seiner Software Gotham trotz vielfacher Kritik sogar bundesweit verwendet werden. Der Kasseler Filmemacher Klaus Stern hat über den Konzern die ebenso aufwändige wie spannende Doku „Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp“ gedreht, die nun in der ARD-Mediathek abrufbar ist und am Mittwoch (22.50 Uhr) im Ersten läuft. Wir sprachen mit dem 56-Jährigen.

Bald könnte Palantir trotz vielfacher Kritik sogar bundesweit verwendet werden

Herr Stern, in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen kommt Palantir bereits zum Einsatz, demnächst wird das auch in Baden-Württemberg der Fall sein. Und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will prüfen, ob die Software auch im Bund verwendet werden kann. Wie sehr besorgt Sie das?

In dem Sinne nicht mehr so sehr. Ich wusste, dass das in Arbeit ist. Die Union wollte Palantir schon 2023 bundesweit einführen. Insofern ist das keine Überraschung mehr. Wenn der Bundesinnenminister behauptet, er wolle die Software überprüfen, ist das eine euphemistische Beschreibung. Dobrindt will Palantir mit aller Macht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat 2020 beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos ein Selfie mit Alex Karp gemacht. In meinem Film sieht man ihn stolz lächeln.

Sie haben vor acht Jahren mit der Arbeit für den Film angefangen. In Deutschland ist das Thema durch die politischen Debatten nun aktueller denn je. Wann war Ihnen bewusst, wie wichtig das Thema noch werden würde?

Schon am ersten Tag, nachdem mich mein Freund Thomas Giefer 2017 auf die Idee gebracht hatte. In einem Berliner Biergarten erzählte er mir von Alex Karp und seiner Firma. Ich habe dann kurz recherchiert und genau gewusst: Das ist mein Thema und absolut relevant. Damals kannte kaum jemand Palantir. 2019 fragte ich bei einem Treffen des Netzwerks Recherche, wer schon von Karp und seiner Firma gehört hatte. Das waren alles Investigativjournalisten. Niemand von ihnen konnte etwas damit anfangen. Vor wenigen Wochen habe ich beim Netzwerk einen Vortrag gehalten. Mittlerweile kennen alle Karp und Palantir.

Der umstrittene US-Unternehmer Alex Karp beim Sport mit seinen Mitarbeitern bei Palantir. Szene aus dem Film „Watching you - Die Welt von Palantir und Alex Karp“.
Vorturner: Der umstrittene US-Unternehmer Alex Karp beim Sport mit seinen Mitarbeitern bei Palantir. © Foto: Sternfilm

Kritiker monieren, dass durch Palantir auch Unschuldige ins Visier von Behörden gelangen könnten. In Ihrem Film prophezeit ein Experte jedoch, dass niemand Kriminalität so genau vorhersagen könne wie Palantir. Wer hat recht?

Wahrscheinlich beide. Allerdings wissen wir es nicht ganz genau. Der Experte, der das in meinem Film sagt, ist Christoph Bornschein, der dem Konzern nahesteht. Palantir ist wie eine geschlossene Auster. Es gibt wahnsinnig viel Geraune darüber, was die Software kann und was nicht. Niemand Unabhängiges hat sie wirklich mal nutzen können. Es kann sein, dass die Software zu 80 Prozent Schlangenöl ist, wie man es nennt, wenn ein Produkt keine echte Funktion hat, aber als Wundermittel angepriesen wird. Allerdings sagen Vertreter der Polizei, Palantir sei das einzige Produkt, das funktioniere. Festzuhalten ist auch: Wo Palantir ist, ist der Skandal meist nicht weit. Deutsche Politiker scheint das nicht zu stören. In Baden-Württemberg waren die Grünen erst vehement gegen die Nutzung der Software, jetzt stimmten sie doch dafür. Das ist schon absurd.

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In Hessen arbeiten die Behörden bereits seit 2016 mit Palantir

Immer wieder betonen europäische Politiker, man dürfe sich bei Sicherheitsfragen nicht abhängig von einer US-Firma machen, gerade in Zeiten von Donald Trump. Wieso schwören dann trotzdem alle auf Palantir?

Weil es tatsächlich noch keine Alternativen gibt. In Hessen arbeiten die Behörden bereits seit 2016 mit Palantir. Das bedeutet auch: In neun Jahren hat es Europa nicht hinbekommen, eine Software als echte Alternative zu entwickeln. Dabei gab es einige Anstrengungen. Palantir betont übrigens, wie toll sie KI in ihre Produkte integrieren. Aber könnte es nicht sein, dass der KI-Fortschritt bald das attraktive Geschäftsmodell von Palantir zerstört? Der Konzern würde sich kannibalisieren. Ich halte das nicht für ausgeschlossen. So könnte es sein, dass eine KI die Software des Konzerns bald ersetzt. Palantir würde somit das eigene Geschäftsmodell abschaffen.

Was ist Alex Karp für ein Mensch?

Er ist witzig, sympathisch, klug, eloquent und redegewandt. Das heißt nicht, dass man seinen Erzählungen glauben darf. Karp behauptet heute noch, er sei ein Linker. Was natürlich Quatsch ist. Er ist der größte Nebelkerzenwerfer, den ich kenne. Und ich kenne einige Nebelkerzenwerfer. Er hat grundsätzlich keine andere Agenda als Peter Thiel.

Der Tech-Milliardär hat nicht nur Paypal mitgegründet, sondern auch Palantir und ist dort einer der größten Anteilseigner. Thiel unterstützt Donald Trump und versucht, dessen Vize JD Vance zu dessen Nachfolger zu machen. Den Staat will er radikal abbauen. Will er auch die Demokratie abschaffen?

Das glaube ich nicht. Das mag jetzt etwas drüber klingen, aber ich denke: Thiel, Musk, Vance und Karp wollen, überspitzt formuliert, die Weltherrschaft. Und sie sind auf dem besten Weg dorthin. Karp sagte bereits 2017, er wolle die wichtigste Software-Firma der Welt erschaffen. Palantir ist jetzt schon die größte digitale Rüstungs- und Überwachungsfirma der Welt. Die Aktie kostete vor zwei Jahren noch 8 Dollar, heute liegt sie bei über 150 Dollar. Da kann einem nur angst und bange werden.

Karp sagte aber auch mal: „Ich habe mich gefragt, ob ich nicht auch gegen mich protestieren würde, wenn ich jünger wäre. Unser Produkt kann zum Töten von Menschen eingesetzt werden.“ Ist er sich nicht immerhin bewusst, was er anrichten kann?

Das ist Koketterie. So wie er sich einmal mit Robert Oppenheimer verglich und sagte, seine Software sei wie die Atombombe. Man wisse nicht, in welche Richtung es sich entwickele. Würde er die Gefahren ernst nehmen, würde er anders handeln.

„Ein bisschen schlechte Organisation passt zu Palantir“

Zuletzt haben Karp und Palantir ein neues Buch in München vorgestellt. Sie waren erst eingeladen, durften dann aber doch nicht in die Käfer-Schänke, wo die Veranstaltung stattfand. Was war da los?

Ich wurde persönlich von der deutschen Büroleiterin von Alex Karp per SMS eingeladen. Von ihr weiß ich, dass sie meinen Film zweimal gesehen hat. Sie fragte sofort nach einem Link. Alex Karp wolle den Film auch unbedingt sehen. Ich fuhr also nach München und freute mich, eine kleine Inneneinsicht zu bekommen. Als ich eineinhalb Stunden vor Beginn der Veranstaltung am Marienplatz ankam, erhielt ich eine SMS, in der es hieß, die Veranstaltung falle aus. Meine Einladung sei damit hinfällig.

Wie ärgerlich.

Ich dachte, das kann doch nicht sein. Ein bisschen schlechte Organisation passt zu Palantir. Dir Firma ist ziemlich chaotisch. Ich bin trotzdem zur Käfer-Schänke gefahren. Dort gingen permanent Leute rein. Die Veranstaltung fand also doch statt. Sie hatten mich bewusst angelogen. Karps Büroleiterin hatte mich dreimal vergeblich angerufen, wie ich später sah. Sie wollte wohl sicher sein, dass ich nicht komme. Am Eingang hieß es: „Sorry, Mr. Stern, wir haben einen Fehler gemacht. Wir können sie nicht reinlassen.“ Vor mir baute sich bedrohlich ein Palantir-Bodygard auf, der immer näher an mich ranrückte. Ein Grund für meine Ausladung wurde mir nicht genannt. Ich fragte dreimal: „Ist das ihr Begriff von Freiheit, den Sie immer so hoch halten?“ Die Büroleiterin stand daneben und beteuerte, es sei nicht ihre Entscheidung gewesen. Irgendjemand wollte also nicht, dass ich bei der Buchvorstellung dabei bin. Lächerlich.

An diesem Mittwoch läuft Ihr Film direkt nach den „Tagesthemen“ im Ersten. Passend dazu gibt es jeden Tag neue Meldungen über Palantir.

Ja, besser hätte man es nicht planen können. Am Mittwoch wird es aller Voraussicht nach auch einen Beschluss des Kabinetts in Berlin zu Palantir geben. Es geht um die bundesweite Nutzung. Ich bin gespannt, wie sich die SPD verhalten wird. (Interview: Matthias Lohr)

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