Die Geschichte der 4,5% Kürzung
Die Geschichte der Kürzung – wie es dazu kam, was sie bedeutet und warum der Protest jetzt wächst
Diese Seite bündelt die Entwicklung von der ersten Warnung vor einer Kürzung um 10 Prozent bis zur beschlossenen Absenkung um 4,5 Prozent, die Reaktionen aus Presse und Berufsgruppe, die Petition einer Kollegin, bisherige Protestaktionen und den Aufruf zur Geschlossenheit unter den Verbänden.
1. Geschichte der Kürzung – wie es dazu kam
Die Entwicklung war weder überraschend noch alternativlos. Die Unterlagen zeigen vielmehr eine längere Vorgeschichte, einen vorhandenen Ermessensspielraum und einen ungewöhnlich schnellen Ablauf im März 2026.
Die Kassenseite beantragt eine pauschale Absenkung um 10 Prozent
Nach den vorliegenden Unterlagen forderte der GKV-Spitzenverband im Bewertungsausschuss eine pauschale Absenkung psychotherapeutischer Honorare um 10 Prozent. Die Entscheidung darüber sollte am 11. März 2026 fallen und bereits zum 1. April 2026 wirksam werden.
DPNW macht den Vorgang öffentlich
Das DPNW veröffentlichte frühzeitig eine Pressemitteilung mit der Warnung vor einer massiven Kürzung. Bereits dort wurde darauf hingewiesen, dass dies kein bloßer technischer Vorgang sei, sondern ein Sparbeschluss auf dem Rücken psychisch erkrankter Menschen.
Der Spielraum war vorhanden – und wurde schon einmal genutzt
Schon 2024 lag rechnerisch eine mögliche Absenkung von rund 6 Prozent auf dem Tisch. Damals wurde die Kürzung jedoch nicht umgesetzt. Der Bewertungsausschuss nutzte seinen gesetzlich eingeräumten Ermessensspielraum zugunsten der Versorgung. Genau dieser Punkt zeigt: Die Entscheidung von 2026 war keine mathematische Zwangsläufigkeit.
Der Erweiterte Bewertungsausschuss beschließt 4,5 Prozent Kürzung
Im Bewertungsausschuss sitzen jeweils drei Vertreter der Krankenkassen und drei Vertreter der KBV. Bei Uneinigkeit wird der erweiterte Bewertungsausschuss angerufen. In diesem Fall erfolgte der Übergang auffallend schnell. Nach Einschätzung vieler Beteiligter stand die Schlichtungsinstanz praktisch schon bereit. Beschlossen wurde schließlich eine Kürzung um 4,5 Prozent.
Sofortvollzug trotz angekündigter Anfechtung
Besonders brisant ist, dass die sofortige Vollziehung angeordnet wurde. Selbst bei einer späteren gerichtlichen Überprüfung bleibt die Absenkung damit zunächst wirksam. Die Versorgung und die Praxen müssen also sofort mit den gekürzten Honoraren arbeiten.
2. Die Folgen
Der Spareffekt für die Kassen ist minimal. Die Folgen für Praxen, Nachwuchs und Patientenversorgung sind dagegen real.
Für die Kassen fast nichts
Psychotherapie verursacht insgesamt nur etwa 1,1 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Selbst eine Kürzung um 4,5 Prozent reduziert die Gesamtausgaben lediglich um etwa 0,05 Prozent.
Für Praxen unmittelbar spürbar
Eine psychotherapeutische Praxis ist kaum skalierbar. Es gibt keine technischen Zusatzleistungen, mit denen sich Verluste kompensieren lassen. Sinkt die Vergütung, bleibt nur weniger Einkommen oder mehr Arbeitszeit.
Mehrarbeit statt Ausgleich
Rechnerisch entspricht die Kürzung ungefähr zwei zusätzlichen Arbeitsstunden pro Woche, nur um wieder auf das bisherige Einkommen zu kommen. Das ist faktisch Mehrarbeit ohne Mehrvergütung.
Niedrige Erträge im Vergleich
Nach den Unterlagen liegt der Bruttojahresertrag einer psychotherapeutischen Praxis bei rund 50.600 Euro, also ungefähr 4.200 Euro pro Monat vor Steuern und Sozialabgaben. Nach der Kürzung bleiben rechnerisch nur noch rund 4.000 Euro pro Monat.
Versorgung wird weiter belastet
Wenn wirtschaftlicher Druck wächst, können Praxen weniger Kapazitäten für gesetzlich Versicherte vorhalten oder stärker auf privat Versicherte ausweichen. Das bedeutet absehbar noch längere Wartezeiten.
Problematisches Signal an den Nachwuchs
Die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung ist bereits schwierig. Schlechtere wirtschaftliche Perspektiven im ambulanten Bereich verschärfen dieses Problem und senden ein falsches Signal an junge Kolleginnen und Kollegen.
3. Pressereaktionen vor der Kürzung
Vor dem Beschluss stand die Berichterstattung zunächst im Zeichen der Warnung vor einer drastischen Absenkung und der Frage, ob die Psychotherapie zum Sparfeld werden soll.
„Hände weg von Therapiehonoraren“
Mit der Pressemitteilung vom 2. Februar 2026 wurde öffentlich gemacht, dass die Kassenseite eine Kürzung um 10 Prozent anstrebt. Die Botschaft war klar: Während der Bedarf an Psychotherapie steigt, soll ausgerechnet dort gespart werden.
Warnungen wurden zunächst teils relativiert
Aus Teilen der Berufsöffentlichkeit kam anfangs der Einwand, die Warnungen seien voreilig oder zu scharf formuliert. Im Rückblick dokumentieren die Newsletter-Texte jedoch, dass die Sorge berechtigt war und sich die Entwicklung bereits früh abzeichnete.
Der Kernkonflikt war schon sichtbar
Bereits vor dem 11. März stand die Grundfrage im Raum, ob ein wachsender Versorgungsbedarf als Argument für Ausbau oder als Vorwand für Einschnitte gelesen wird. Genau an dieser Deutung entzündete sich die spätere öffentliche Empörung.
DPNW betonte früh den vorhandenen Gestaltungsspielraum
Schon im Vorfeld wurde darauf hingewiesen, dass frühere Berechnungen nicht automatisch zu Kürzungen geführt hatten. Damit war das zentrale Argument vorbereitet: Die Absenkung war eine Entscheidung – keine schicksalhafte Rechenfolge.
4. Pressereaktionen nach der Kürzung
Nach dem Beschluss entstand ein breites Medienecho. Die Reaktionen kreisten um Versorgung, wirtschaftliche Zumutbarkeit, den Ablauf im Bewertungsausschuss und die Frage, was ein so kleiner Spareffekt rechtfertigen soll.
Deutliche Kritik aus der Selbstverwaltung
Die KBV sprach davon, dass die Interessen psychisch kranker Menschen außer Acht gelassen worden seien. Gerade dort sparen zu wollen, wo für vergleichsweise wenig Geld ein großer Teil der Versorgung stattfinde, sei paradox.
Die Kürzung wurde sofort zum öffentlichen Thema
Die Berichte hoben besonders hervor, dass die Nachfrage nach Psychotherapie steigt, die Wartezeiten bereits lang sind und die Kürzung trotzdem durchgesetzt wurde. Mehrfach wurde auch die ungewöhnliche Geschwindigkeit des Verfahrens betont.
Konkrete Nachfragen zu Praxisalltag und Versorgung
Die vorliegenden Antworten für Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Süddeutsche Zeitung, WDR und ZDF zeigen, welche Fragen Journalisten besonders bewegten: längere Wartezeiten, Verlagerung in den Privatbereich, Nachwuchsprobleme und die Logik der Entscheidung.
Kaum Einsparung, aber hohe Signalwirkung
Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass die Kürzung die GKV-Gesamtausgaben nur minimal senkt, aber den Eindruck erzeugt, psychotherapeutische Versorgung sei politisch nachrangig. Genau diese Signalwirkung wurde als besonders problematisch beschrieben.
5. Die Petition der Kollegin
Die Petition wurde zu einem sichtbaren Kristallisationspunkt des Protests und machte das Thema binnen weniger Tage weit über die Berufsgruppe hinaus bekannt.
6. Bisherige Protestaktionen
Innerhalb kürzester Zeit entstanden in mehreren Städten sichtbare Reaktionen. Die Berufsgruppe trat erstmals seit langer Zeit in dieser Breite öffentlich auf.
Spontane Demonstration vor dem BMG
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Beschlusses kam es in Berlin zu einer spontanen Demonstration vor dem Bundesgesundheitsministerium. Das war ein frühes Signal dafür, dass die Entscheidung nicht als bloße Verwaltungsfrage hingenommen wird.
Kundgebung am 14. März 2026
Für Samstag, den 14. März, wurde eine Kundgebung am Arno-Schmidt-Platz organisiert. Auch dies belegt, wie schnell sich regionale Initiativen gebildet haben.
Große Organisationsgruppe
Allein in Köln schlossen sich bereits über 1.000 Kolleginnen und Kollegen in einer Protest-Organisationsgruppe zusammen. Die Dynamik zeigt, wie stark das Thema die Berufsgruppe mobilisiert.
Telegramgruppe
In einer Telegramgruppe schlossen sich über 4.000 Kolleginnen und Kollegen in einer Protest-Organisationsgruppe zusammen..
Weitere Aktionen auf der DPNW-Seite
Die fortlaufende Übersicht zu Kundgebungen, Aktionen und regionalen Initiativen wird auf der DPNW-Seite gesammelt.
7. Unser Brief an die anderen Verbände
Der Brief wirbt für ein geschlossenes Auftreten der Berufsgruppe. Zugleich hält er ausdrücklich fest, dass das DPNW die Öffentlichkeit, die Politik und die Medien bereits Anfang Februar auf die drohende Kürzung aufmerksam gemacht hat.
Angeschriebene Verbände und Fachgesellschaften
• DPtV – Deutsche PsychotherapeutenVereinigung
• bvvp – Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten
• VPP im BDP – Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
• BKJ – Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
• DGPT – Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie
• FÄ – Freie Ärzteschaft e.V.
• DPG – Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft
• DPV – Deutsche Psychoanalytische Vereinigung
• DGVT – Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie
• D3G – Deutsche Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie
• AGHPT – Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie
• VAKJP – Verband für Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
• DGPPN – Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde
• DGPM – Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie
• DGKJP – Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
• BAG – Berufsverband der Approbierten Gruppenpsychotherapeuten
• BDPM – Bundesverband Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e. V.
• BKJPP – Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e.V.
• BPM – Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
• DFT – Deutsche Fachgesellschaft für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
• DGSF – Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie
• Dvt – Deutscher Fachverband für Verhaltenstherapie e. V.
• SG – Systemische Gesellschaft
• Medi – MEDI GENO Deutschland e.V.
• NGfP – Neue Gesellschaft für Psychologie
Vollständiger Wortlaut des Briefes
Offener Brief an die Berufsverbände der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
An die Vorstände der oben genannten Verbände und Fachgesellschaften
Sehr geehrte Frau Vorständin,
sehr geehrter Herr Vorstand,
die Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses vom 11. März 2026 zur Absenkung der Bewertungen psychotherapeutischer Leistungen stellt eine Zäsur für unsere Berufsgruppe dar. Wie Ihnen bekannt ist, haben wir die Öffentlichkeit, die Politik und die Medien Anfang Februar für das Thema sensibilisiert. Jetzt ist der Beschluss – wenn auch in abgemilderter Form – beschlossen worden.
Innerhalb weniger Stunden ist deutlich geworden, dass diese Entscheidung eine Dynamik ausgelöst hat, die weit über einzelne Verbände hinausgeht. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in ganz Deutschland reagieren mit großer Sorge und zunehmendem Protest.
In dieser Situation halten wir es für entscheidend, dass die gesamte Berufsgruppe geeint, mit einer Position auftritt.
Uns ist bewusst, dass es zwischen den Verbänden unterschiedliche Einschätzungen und Strategien gibt. Das ist in einer pluralen Verbandslandschaft normal. Die aktuelle Situation betrifft jedoch die gesamte psychotherapeutische Versorgung. Gerade deshalb halten wir es für wichtig, dass wir trotz unterschiedlicher Perspektiven dort gemeinsam handeln, wo unsere Interessen übereinstimmen.
Wir möchten deshalb ausdrücklich dafür werben, jetzt gemeinsam zu handeln, statt uns in internen Auseinandersetzungen um Deutungshoheit oder Zuständigkeiten zu verlieren.
Die politische Wirkung unserer Position hängt maßgeblich davon ab, ob wir als Berufsgruppe geschlossen auftreten.
Wir schlagen daher vor, kurzfristig in einen offenen Austausch zwischen den Verbänden einzutreten, um mögliche gemeinsame Schritte zu prüfen – sei es in Form gemeinsamer Stellungnahmen, koordinierter politischer Gespräche oder gemeinsamer Aktionen.
Unser Ziel ist dabei keine Dominanz einzelner Akteure, sondern eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Interesse der psychotherapeutischen Versorgung.
Gerade in einer Situation, in der zentrale Fragen der beruflichen Autonomie und der Versorgungsstruktur berührt werden, wäre ein gemeinsames Auftreten der Verbände ein starkes Signal – gegenüber Politik, Selbstverwaltung und Öffentlichkeit.
Mit freundlichen Grüßen
Der gesamte Vorstand des DPNW