Leonie (Name geändert) weiß jederzeit, wo sich ihre circa 20 liebsten Menschen herumtreiben. Sind sie beim Sport, in der Uni oder doch schon wieder beim Ex im Bett gelandet? Die 30-Jährige und ihre Freundesgruppe teilen ihren Standort gegenseitig. Dauerhaft. "Ich schaue so zweimal am Tag, wo sie alle sind. Ich sehe das so ein bisschen als Sammlerspiel", sagt sie.
Die Berlinerin teilt ihren Standort ausschließlich mit Freundinnen, Freunden und Bekannten. "Ich find’s toll", fasst sie zusammen. Auf einer kleinen Karte in ihrem Smartphone kann Leonie ihre Freundinnen und Freunde in Form von kleinen Bildchen verfolgen, wie sie sich in Echtzeit durch die Welt bewegen. So kann sie zum Beispiel spontane Treffen künstlich herbeiführen.
Freundin im Restaurant besuchen
"Letztens habe ich gesehen, dass eine Freundin gerade im Restaurant direkt um die Ecke ist", erinnert sie sich. Sie sei dann kurz vorbeigegangen und habe Hallo gesagt. Leonie schätze diese neu entstandenen Möglichkeiten, Freundinnen und Freunde zu treffen.
"Ich habe auch Freunde, die fast in meiner Nachbarschaft wohnen und wenn ich rausgehe, schau ich nach und merke: Ach guck mal, die ist gerade mit ihrem Hund Gassi", beschreibt sie. Sie könne dann vorbeigehen und die Freundin unterwegs treffen. Diese Begegnungen würden sonst an ihr vorbeirauschen, erzählt sie.
Ich schaue so zweimal am Tag, wo sie alle sind. Ich sehe das so ein bisschen als Sammlerspiel.
«Leonie teilt seit ungefähr einem Jahr ihren Standort mit der Gruppe von circa 20 Menschen. Für sie überwiegen in dieser Zeit die positiven Erlebnisse. "Freunde von mir waren in einer Bar und haben gesehen, dass ich gerade in der Gegend bin und haben dann geschrieben: Hey komm doch kurz vorbei auf ein Bierchen", erzählt die Projektmanagerin.
Standortfreigabe weit verbreitet
Den Standort mit allen oder ausgewählten Kontakten im Handy teilen – das geht mit nur wenigen Klicks. Leonie hat es absichtlich getan. In manchen Apps, wie zum Beispiel der Social-Media-Plattform Snapchat, ist die Standortfreigabe vorgeschrieben. Bei anderen Apps wie zum Beispiel Instagram können Userinnen und User der Freigabe manuell widersprechen.
Junge Menschen oft zu nachlässig im Datenschutz
Isabelle Rosière ist Geschäftsführerin von "Deutschland sicher im Netz" – einer Datenschutzorganisation. Den Standort zu teilen, könne durchaus Vorteile haben, sagt sie. "Die Freundin oder die Familie wissen, wo man sich aufhält, oder man findet sich in einer Großveranstaltung schneller wieder."
Ihr bereite allerdings Sorgen, dass vor allem junge Menschen ihren Standort mit zu vielen Kontakten teilten. "Diese Haltung 'Ich habe nichts zu verbergen' ist aus unserer Sicht immer der erste Schritt ins offene Messer", sagt die Datenschützerin. Man verliere dadurch leicht den Überblick, welche Daten man öffentlich mache.
Vor allem junge Menschen würden zu offen mit ihren Daten umgehen, sagt Rosière. "Ich bin weit weg davon zu sagen, dass junge Menschen gar nicht aufpassen, aber aufgrund der Lebenserfahrung gehen sie einfach ein bisschen naiver damit um." Es gebe die reale Gefahr, dass jemand Interesse habe, jemanden zu verfolgen, fügt sie an. "Gerade junge Mädchen und junge Frauen müssen da leider besonders vorsichtig sein", mahnt sie.
Datenschützerin empfiehlt Standortfreigabe nur an ausgewählte Kontakte
Isabelle Rosière empfiehlt, den Standort nur für einen bestimmten Zeitraum zu teilen. "Und nur für eine bestimmte Person oder Personengruppe, die man ganz genau festlegt und ansonsten möglichst die Standort-Informationen für sich behalten." Grundsätzlich könne man sich immer fragen, ob man sich auch auf einen Marktplatz stellen und rumschreien würde, wo man sich gestern und heute überall befunden habe und mit wem. "Ich glaube, dann kann man mit gesundem Menschenverstand feststellen, dass man das ja auch nicht machen würde."
Für Eltern kann die Standortfreigabe praktisch erscheinen. "Wir können das Bedürfnis nachvollziehen, dass sie sicherstellen wollen, dass die Kinder gut an einem bestimmten Ort angekommen sind", so Rosière. Sie sieht es dennoch kritisch und rät Eltern davon ab. "Wichtig ist an der Stelle Vertrauen und, dass die Unabhängigkeit und Freiheit der Kinder gewahrt bleibt", so die Datenschützerin.
Diese Haltung 'Ich habe nichts zu verbergen' ist aus unserer Sicht immer der erste Schritt ins offene Messer.
«Ihre Empfehlung an Eltern: "Im besten Fall kommunizieren. Also die Standortaktivierung nicht dauerhaft nutzen, sondern sagen, 'ich bin gut zu Hause angekommen', das tut es ja dann im Zweifel auch."
Leonie und ihr Freundeskreis nutzen die Funktion ebenfalls aus Sicherheitsgründen. Immer wieder geben sie sich digital Rückendeckung im Freundinnenkreis, beschreibt Leonie. "Ich hatte schon die Situation, dass eine Freundin mir geschrieben hat, dass sie jetzt auf einem Date mit jemandem ist, den sie noch nicht kennt und mich gebeten hat, ab und zu mal die Location zu checken, falls sie nicht antwortet."
Probleme im Freundeskreis
Doch es gebe auch immer wieder negative Nebeneffekte für die 30-Jährige. Sie habe eine große Freundesgruppe, wolle sich aber nicht immer mit der ganzen Gruppe, sondern auch mal mit einzelnen Freundinnen und Freunden treffen.
"Wenn dann eine Person sieht, dass wir gerade chillen und sich dann fragt, warum sie mir nicht Bescheid gesagt haben, kann es schon ein Problem werden", erklärt sie. Das komme in ihrer Gruppe immer wieder vor. Wenn sie sich deshalb mit einzelnen Freundinnen oder Freunden trifft, schalten sie immer wieder die Standortfreigabe während des Treffens aus.
Sorgen um den Datenschutz mache sich Leonie nicht. "Das Handy zeichnet deinen Standort sowieso die ganze Zeit mit. Deswegen sehe ich da bei der Privatsphäre kein Problem", sagt sie. Leonie kennt die negativen Seiten, die mit der dauerhaften Freigabe des Standorts einhergehen wie zum Beispiel Stalking. Das sei ihr, zum Glück, noch nicht passiert. Für sie überwiegen die positiven Erlebnisse, sagt sie.
Sendung: rbb24 Inforadio, 20.02.2026, 14:10 Uhr
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35 Kommentare
Wer unbedingt immer seinen Standort mitteilen will kann dies gerne tun. Aber andere zu stalken finde ich einfach nur übergriffig.
Mit 30 Jahren - und nciht etwa 13 - eine derart demonstrative Naivität an den Tag zu legen, ist sehr erschütternd. Die Frau ist schlicht nicht autonomiefähig. Standortdaten sind mitunter die sensibelsten Daten überhaupt: Wer trifft sich wann mit wem etc.? Das schulterzuckend preiszugeben, man würde ohnehin erfasst, ist selbstgefährdend und nicht gesellschaftsfähig. Datenschutz ist weder ein Relikt aus der Vergangenheit noch etwas Lästiges - es ermöglicht überhaupt erst ein freies Bewegen in der Gesellschaft. Wer Grundrechte bzw. ihr Übergehen so gleichgültig hinnimmt, schätzt Grundrechte in einer Demokratie nicht.
Die produzieren Meta-Daten wie die Bekloppten ... Wenn ich Des-Information betreiben will, weiß ich sehr genau wer, wann, wo den höchsten Multiplikator-Effekt dafür haben könnte ... In Echtzeit ... Und, diese Daten werden übrigens ganz legal gekauft.