Gerade für junge Menschen ist ein Leben ohne Social Media unvorstellbar. Für sie ist es auch eine Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe. Gleichzeitig wird vor Gesundheitsschäden und Sucht gewarnt. CDU und SPD im Bund wollen nun ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige. Der Co-Chefredakteur von netzpolitik.org, Daniel Leisegang, sieht große technische Hürden. Außerdem gebe es bessere Mittel, die Kinder zu schützen.
rbb|24: Herr Leisegang, es zeichnet sich ein breiter politischer Konsens für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter ab. Was ist nötig, um das zu kontrollieren?
Daniel Leisegang: Für ein solches Verbot braucht es zuallererst eine Ausweisfunktion im Internet – und die fehlt bislang. Die Unternehmen müssten das Alter entsprechend abfragen. Derzeit ist es so, dass man auf Webseiten meist nur anklicken muss: "Bist du über 18?" Das müsste besser kontrolliert werden.
Dafür braucht es seitens der Unternehmen technische Vorkehrungen, und man benötigt Personalausweise. Da beginnt möglicherweise schon das Problem, denn der Personalausweis wird hierzulande erst ab 16 Jahren Pflicht. Diskutiert wird jedoch über ein Mindestalter von 14.
Zur Person
Daniel Leisegang ist Politikwissenschaftler und Co-Chefredakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten zählen Gesundheitsdigitalisierung, digitale öffentliche Infrastruktur und Künstliche Intelligenz (KI).
rbb|24: Wie wären Kontrollen praktisch umsetzbar? Viele Schüler sind technisch versiert und wissen genau, wie sie die Sperren umgehen können.
Leisegang: Das zeigen auch die bisherigen Erfahrungen – da sind uns junge Menschen oft voraus. In Australien wurden Alterskontrolle und Sperren bereits getestet, ebenso in Großbritannien. Man sieht: Jugendliche sind erfinderisch. Es ist nicht besonders schwer, solche Beschränkungen zu umgehen. Insofern wird das sehr wahrscheinlich auch in Deutschland passieren.
Ich befürchte, dass wir am Ende eine Lösung bekommen, die nicht trägt. Derzeit führen wir eine sehr intensive und erhitzte Debatte, die sich teilweise von der Fakten- und Rechtslage gelöst hat. Am Ende könnte eine Scheinlösung stehen, die Jugendlichen eher schadet und den großen Tech-Konzernen signalisiert: Ihr könnt weitermachen wie bisher.
rbb|24: Als eine Art digitaler Personalausweis ist die europäische ID-Wallet im Gespräch, die hohe Datenschutzstandards verspricht. Finden Sie das überzeugend?
Leisegang: Das wissen wir noch nicht, und genau das ist das Problem. Die ID-Wallet soll in Deutschland am 2. Januar 2027 kommen. Das hat der Digitalminister vor Kurzem angekündigt. Bislang ist sie jedoch weder auf europäischer noch auf deutscher Ebene fertiggestellt.
Es gibt zahlreiche offene Fragen. Etwa zur Verknüpfbarkeit von Daten: Wenn ich mich bei Amazon damit ausweise und später bei Facebook, sind diese Daten miteinander verbunden? Ist technisch gesichert, dass ich nur mein Alter nachweise und beispielsweise Meta keine weiteren Daten abfragen kann? Das wissen wir aktuell noch nicht.
Diese Fragen werden derzeit auf europäischer und technischer Ebene geklärt. Deshalb verwundert mich die Zuversicht in der Bundesregierung – insbesondere von CDU und SPD –, dass das sicher und datenschutzkonform umgesetzt werden kann.
Selbst wenn die Technik funktioniert, bleibt ein weiteres Problem: Die Wallet soll verpflichtend für die Anmeldung bei sozialen Plattformen werden. Wenn diese Infrastruktur einmal besteht, könnte der Gesetzgeber später beschließen, dass künftig mehr Daten erhoben werden dürfen.
Deshalb muss das technisch zuverlässig funktionieren und rechtlich dauerhaft abgesichert sein. Gerade weil es um den Schutz von Minderjährigen geht, sollten wir hier sehr vorsichtig und behutsam vorgehen.
rbb24: Mit Blick auf mögliche Schäden durch Social-Media-Konsum bei jungen Menschen: Ist Jugendschutz vielleicht wichtiger als Datenschutz?
Leisegang: Das halte ich für eine schwierige These. Die Frage ist: Wen regulieren wir eigentlich? Regulieren wir die Unternehmen – also schaffen wir sozusagen "verkehrsberuhigte Zonen" und klare Regeln? Oder sperren wir die Kinder ein und sagen: Ihr dürft nicht mehr raus, weil es draußen unsicher ist, und müsst an jeder Ecke euren Ausweis vorzeigen? Ich bin nicht sicher, ob das die bessere Option ist.
rbb24: Wie ließen sich Kinder und Jugendliche im Netz effizient vor gefährlichen Inhalten schützen – über die Vermittlung von Medienkompetenz hinaus?
Leisegang: Diese Inhalte werden von Unternehmen und Plattformen bereitgestellt, die wir regulieren können. Es gibt entsprechende Gesetze. Auf europäischer Ebene haben wir den Digital Services Act, also das Gesetz über digitale Dienste. Dieses Gesetz sieht Schutzfunktionen vor, verlangt mehr Transparenz bei Algorithmen und soll verhindern, dass Kinder und Jugendliche gezielt Werbung ausgesetzt werden. Es ermöglicht stärkere Kontrollen und mehr Transparenz.
All das könnte man anwenden. Derzeit scheint der politische Wille aber eher darauf gerichtet zu sein, Jugendliche stärker zu beschränken. Langfristig wird man sie jedoch nicht vom Internet fernhalten können. Deshalb sollten wir dafür sorgen, dass sie sich in einem digitalen Umfeld bewegen, das ihnen und der Gesellschaft insgesamt zugutekommt.
rbb24: Wie stellen Sie sich das konkret vor? Wie sollen Tech-Unternehmen reguliert werden?
Leisegang: Die Instrumente sind vorhanden – man müsste sie nur konsequent nutzen. Der Digital Services Act befindet sich in der Umsetzung, und inzwischen gibt es Aufsichtsbehörden – wenn auch mit Verzögerung. Jetzt müsste man zeigen, was dieses Gesetz tatsächlich leistet.
Man könnte gegen Praktiken der Tech-Unternehmen vorgehen, die seit Jahren kritisiert werden. Das geschieht jedoch nicht, unter anderem aus Sorge vor politischen Spannungen mit den USA, insbesondere mit Donald Trump.
rbb24: Zusammenfassend: Sollte man ein Verbot für Unter-14-Jährige ernsthaft in Erwägung ziehen?
Leisegang: Zunächst muss man klären, was genau mit "Verbot" gemeint ist. Tatsächlich geht es um Zugangsbeschränkungen – ähnlich wie beim Alkoholkonsum. Eine gewisse Kontrolle ist sinnvoll, denn im Internet gibt es Inhalte, die Kinder nicht sehen sollten.
Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie gestalten wir diese Beschränkungen so, dass das Recht auf digitale Teilhabe gewahrt bleibt? Jugendliche sagen selbst: Das Internet ist der Ort, an dem wir kommunizieren, Kultur erleben und uns austauschen.
Zudem reden wir vor allem über soziale Plattformen und vergessen andere Bereiche wie Onlinespiele, die ebenfalls suchtgefährdend sein können.
Wir sollten stärker gemeinsam mit Jugendlichen darüber nachdenken, wie ein Internet aussehen soll, das sie sich wünschen. Viele berichten selbst von Suchtgefühlen, Druck und psychischen Belastungen. Wissenschaftlich ist vieles noch nicht abschließend geklärt, aber es gibt Handlungsbedarf.
Deshalb ist es richtig und wichtig, Jugendliche in diese Debatte einzubeziehen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ismahan Alboga.
Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 23.02.2026, 19:30 Uhr
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23 Kommentare
Also, was ich sowohl in Berlin als auch hier auf dem Land sehe und mitkriege, müssen die Eltern ran. Die sind die miesesten Vorbilder bei der Sache. Zu gerne werden Kinder vor die screens verpflanzt und fragt mal bei euch rum, wo Alexas im Kinderzimmer stehen. Es ist schockierend! Eltern müssen ausdrücklich ihren minderjährigen Kindern das erlauben und dann ggf. ihre ID vorweisen, Perso, Kreditkarte,...
hm bisher kann Alexa nur Musik abspielen und einige Fragen beantworten… über Skills Witze erzählen …. Wo sehen sie denn da wieder etwas schlechtes ? Und bitte nicht mit Datenschutz usw. kommen… dann informieren sie sich bitte vorher wie der Stand dort ist.
Wenn man so manche Kommentatoren liest denkt man ernsthaft schon in China zu sein. Wtf, was ist los mit euch? Es geht nicht nur die Anonymität verloren, sondern jeder und alles ist immer und jederzeit überwachbar und nachprüfbar, sobald jeder sich authentifizieren muss, ob er das richtige Alter hat. Das gibt's eigentlich sonst nur in Diktaturen, aber wir sind scheinbar nicht mehr weit entfernt davon. Und immer diese dämlichen Vergleiche mit Alkohol, das ist was komplett anderes.
Das Problem ist die fehlende Transparenz bei closed source. Natürlich kann man Authentifizierung mithilfe der Kryptografie digital so organisieren, dass niemand Informationen für Nebenzwecke verarbeiten und sammeln kann. Und genau da sind wir wieder an der Wurzel. Wir setzten komplett auf US-amerikanische Anbieter die alle schon mal eine NSA-Hintertür besitzen müssen und selbst komplett intransparent in ihrer eigenen Datenverarbeitung sind. Wir nutzen die gesamten Systeme ja jetzt schon in der einen oder anderen Form und dass dabei Profile über Verknüpfungen der Daten Dank KI bereits jetzt von denen erstellt und angewandt werden, ist ja überall messbar. Kurzum, wir führen wieder eine Scheindebatte im Rücklicht der Techkonzerne und wachen genauso wie im Ukrainekrieg nicht auf bzw. wollen weiter an Dingen festhalten, die so überhaupt nicht mehr existieren.
Thomas das Problem ist, das die Europäische Entwicklung keine viel bessere ist. Bei uns ist es nicht die NSA sondern das die Vorratsdatenspeicherung auf die man wieder gierig ist. Wir müssen weder in Deutschland noch in der EU so tun als wäre man hier nicht auf die Nachvollziehbarkeit des Verhaltens im Internet aus. Und Unternehmen sind hier genau so gierig auf Datensammeln um mit diesen Geld zu machen. Ob ich erfolgreiche soziale Medien oder andere Plattformen made and hosted in Europe vertrauenswürdiger fände? Nein.
wieso bedarf es dafür wieder eine extra Lösung? Wir haben bereits den elektronischen Ausweis, der auch NUR einzig zur Altersverifikation eingesetzt werden kann...
Man muss sich darüber im Klaren sein, das die Unterhaltungsindustrie an alle Informationen kommen, die auf dem Ausweis vorhanden sind. Durch Tracking und Analyse Dienste wird das Verhalten auf den entsprechenden Plattformen gesammelt und verkauft. Man ist kein Kunde mehr, sondern ein Produkt mit dem Verlust der Anonymität. Dessen muss mich sich bewusst sein und Jugendschutz ist, für mich, kein Jokerargument dafür zu sein.
Die Diskussion um Social Media (SM) ist quasi der Offenbahrungseid. Der Umgang mit SM fällt schwer. Erwachsene selbst scheitern dabei regelmässig. Also SM wie Alkohol oder Drogen zu behandeln und Schuld dem Objekt der Begierde zu geben und einfach zu verbieten ist eher ein konservativer Reflex als Ausinandersetzung mit dem "Problem" (wenn es denn eins sein sollte). Dann doch eher frühkindliche Erziehung ala Aufklärungsunterricht als Enthalsamkeit, die nicht funktioniert. Das wäre doch ein Ansatz :-)