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Kommentar

Wie Karin Prien Vielfalt elegant entsorgt

Für die Bundesfamilienministerin ist Vielfalt "kein staatliches Förderziel". Die Aussage der CDU-Politikerin ist so naiv wie gefährlich. Eine Demokratie, die sich vor ihrer eigenen Vielfalt fürchtet, beginnt sich selbst zu verkleinern.


Archivbild: Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) Anfang März 2026 im Deutschen Bundestag (Bild: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Es beginnt, wie mit allen großen politischen Verschiebungen: mit einem Satz, der harmlos klingt. "Vielfalt ist grundsätzlich positiv – aber kein staatliches Förderziel." Ein Satz wie ein frisch gewaschenes Hemd: sauber, glatt, ohne Flecken. Und doch haftet ihm etwas an – ein feiner Geruch von Rückzug.

Die Ankündigung von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) in der vergangenen Woche, das Programm "Demokratie leben!" neu aufzustellen und die bisher geförderten Projekte zum Jahresende auslaufen zu lassen, ist auf scharfe Kritik gestoßen. So soll die Förderung für mehr als 200 Projekte gestrichen werden. Auch Organisationen wie der Bildungsstätte Anne Frank, der Amadeu-Antonio-Stiftung oder Projekten gegen Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit sind möglicherweise betroffen (queer.de berichtete1).

Die neue Nüchternheit gibt sich als Realismus aus. Sie tritt auf wie ein Buchhalter der Demokratie, der endlich Ordnung schaffen will im chaotischen Haushalt der guten Absichten. Zu viel Engagement, zu viele Projekte, zu viele Stimmen. Der Staat, so scheint es, hat sich verfranst in seiner eigenen Liberalität. Nun wird aufgeräumt. Doch wer aufräumt, entscheidet, was stehen bleibt – und was entsorgt wird.

Die stille Mitte spricht nicht – sie wird angesprochen

Die "stille Mitte": ein Phantom, das in politischen Texten erstaunlich laut geworden ist. Sie ist überall und nirgends, verletzlich und zugleich normsetzend. Vor allem aber ist sie ein Versprechen: Wer sie erreicht, gewinnt die Republik zurück. Doch die stille Mitte ist kein Ort, sondern eine Projektionsfläche. Man spricht zu ihr, als wäre sie ein schlafender Riese, der nur geweckt werden müsse, um die Demokratie zu retten. Dabei ist sie vielleicht längst wach – nur nicht in der gewünschten Richtung.

Was hier geschieht, ist eine rhetorische Verschiebung: Nicht mehr die Vielfalt soll geschützt werden, sondern die Mitte. Nicht mehr die Ränder sollen integriert werden, sondern die Mitte stabilisiert. Der Fokus verschiebt sich von den Verletzlichen zu den Verunsicherten. Das klingt moderat. Ist es aber nicht.

Die Ökonomie der Förderung

Der Staat, so wird betont, schulde niemandem Förderung. Ein Satz von unangreifbarer Korrektheit. Natürlich gibt es keinen Anspruch auf Subventionen. Natürlich ist Förderung eine politische Entscheidung. Aber genau darin liegt die Pointe: Förderung ist nie neutral. Sie ist immer ein Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft für schützenswert hält. Wer entscheidet, Vielfalt nicht mehr zu fördern, trifft keine technische, sondern eine kulturelle Entscheidung.

Es ist die Entscheidung, Vielfalt aus der Sphäre des Politischen in die des Privaten zu verschieben. Engagement darf bleiben – solange es sich selbst finanziert. Haltung wird zur Hobbyveranstaltung. Der Staat zieht sich zurück und nennt es Konzentration.

Die Kettensäge der Vernunft

Kritiker*innen sprechen von "Kettensägen-Mentalität". Ein drastisches Bild – und vielleicht gerade deshalb treffend. Denn es beschreibt weniger die Lautstärke der Maßnahme als ihre Logik: Alles, was gewachsen ist, wird zunächst gefällt, um Platz für Neues zu schaffen. Doch Institutionen sind keine Wildnis. Sie sind fragile Gefüge aus Erfahrung, Vertrauen und Kontinuität. Wer sie zerstört, zerstört nicht nur Strukturen, sondern auch Erinnerung.

Die Idee, man könne gesellschaftliche Arbeit einfach neu erfinden, ist ein Lieblingsgedanke politischer Zäsuren. Er hat etwas Verführerisches: den Glauben an den Nullpunkt, an den Neuanfang, an die eigene Gestaltungsfähigkeit. Nur zeigt die Geschichte, dass beim Fällen oft mehr verloren geht als geplant.

Der Verdacht

Zwischen den Zeilen schleicht sich ein leiser Verdacht ein: Haben diese Initiativen vielleicht zu viel gewollt? Sind sie zu einseitig, zu ideologisch, zu weit entfernt von der "Mitte"?

Der Generalverdacht wird bestritten – und doch wirkt er. Denn wer Förderstrukturen radikal infrage stellt, sendet ein Signal: Ihr seid nicht mehr selbstverständlich Teil dieses demokratischen Projekts. Das Misstrauen wird nicht ausgesprochen, aber es wird organisiert.

Die Umdeutung der Demokratie

Am Ende steht eine stille Umdeutung. Demokratie erscheint nicht mehr als ein Raum, der Vielfalt aktiv schützt, sondern als ein Gleichgewicht, das vor Überdehnung bewahrt werden muss. Zu viel Engagement wird zum Problem. Zu viel Differenz zur Gefahr. Zu viel Sichtbarkeit zur Provokation.

Die Demokratie, so scheint es, soll wieder bequemer werden. Weniger konflikthaft. Weniger anspruchsvoll. Mehr Mitte. Doch eine Demokratie, die sich vor ihrer eigenen Vielfalt fürchtet, beginnt sich selbst zu verkleinern.

Die Kunst des Weglassens

Vielleicht ist das Entscheidende nicht, was gesagt wird, sondern was verschwindet. Projekte laufen aus. Programme enden. Begriffe werden vorsichtig umgestellt. Und plötzlich ist da eine Lücke. Sie wird nicht laut beklagt. Sie entsteht geräuschlos – wie ein Raum, aus dem man die Möbel entfernt hat. Man kann ihn noch betreten, aber er ist nicht mehr derselbe.

Die Frage ist nicht, ob Vielfalt überlebt. Das wird sie. Die Frage ist, ob sie noch gewollt ist.

-w-

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