Die Presse: Zalto Denk'Art Glas in Gmünd gibt es seit mehr als 20 Jahren. Wo auf der Welt findet man Ihre Gläser?
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Christoph Hinterleitner: Wir exportierten sie in mehr als 80 Länder. Natürlich gibt es Regionen, in denen unsere Gläser sehr etabliert sind. In vielen Ländern steckt die Glaskultur noch in den Kinderschuhen. Natürlich findet man unsere Gläser vorwiegend in der Spitzengastronomie.
All die Krisen können aber auch an Zalto nicht spurlos vorübergegangen sein?
In den Anfängen bis 2010 befand sich das Unternehmen ja in der Start-up-Phase. Dementsprechend gab es ein stetiges Wachstum.
Was heißt Start-up-Phase?
Begonnen hat alles 2002. Der bekannte Weinpfarrer Hans Denk wollte das perfekte Weingleis kreieren und fing mit der Glashütte Zalto an zu experimentieren. Anfang 2004 wurde das Glas schließlich erstmals präsentiert.
Ihr Vater, Martin Hinterleitner, und sein Kompagnon, Josef Karner, waren damals aber noch nicht an Bord.
Hans Denk hat die Gläser nach seinen Vorstellungen in unzähligen Verkostungen entwickelt. Er war der Meinung, ein Weinglas brauche gerade Seitenwände und eine große Belüftungsoberfläche. Und er orientierte sich auch an der Idee mit dem Erdwinkel.
Erdwinkel? Also diese 23,5 Grad Neigung der Erdachse zur Ekliptik wurden in das Weinglas integriert?
Ja, das klingt ein wenig esoterisch, aber Pfarrer Denk stand solchen Dingen sehr aufgeschlossen gegenüber.
Und wann wurde aus dem Experiment ein internationales Geschäftsmodell?
Weinpfarrer Denk hat sich 2006 an meinen Vater und an Josef Karner gewandt. Beide waren ja zuvor im Vorstand des Sektherstellers Schlumberger. Zalto war damals in finanzieller Schieflage. Beide sind dann eingestiegen und haben das Unternehmen mühsam neu aufgestellt und saniert.
Und der Name Zalto blieb, obwohl der namensgebende Partner aus dem Unternehmen ausschied. Diese Wunde ist ja bis dato nicht verheilt, oder?
Das ist ein etwas unangenehmes Thema, weil es immer wieder zu Verwechslungen und Verwirrung auf dem Markt kommt. Es ist aber vor allem eine traurige Geschichte. Herr Zalto hat nach dieser schicksalhaften Begegnung mit Weinpfarrer Denk dieses Glas nach dessen Vorstellungen umgesetzt, sich aber selbst kaum für Wein interessiert. Er trinkt selbst kaum Wein und war eher in der Glaskunst und Dekorglaswelt zu Hause als in der Weinwelt. Er hat eine ansehnliche Summe Geld bekommen, als er aus dem wirtschaftlich angeschlagenen Unternehmen ausgestiegen ist. Natürlich ist es aus seiner Sicht schmerzhaft, dass dieses Unternehmen später einen erfolgreichen Weg eingeschlagen hat.
Wann kamen Sie dazu?
Ich habe damals noch studiert, war dann Regionalvertriebsleiter bei Rewe und bin 2011 ins Unternehmen eingestiegen. Damals gab es schon erste Erfolge auf Auslandsmärkten. Immer mehr Menschen auch international interessierten sich für Kulinarik und Wein. Man trinkt weniger, dafür aber mehr guten Wein. Auch in Österreich. Im Geschäftsleben liegt das Thema Wein bei informellen Gesprächen weit vor Sport oder Politik.
Welches Land ist in Sachen Weinkultur sehr spannend?
Das ist zum Beispiel Indien. China ist ja mittlerweile ein etablierter Markt. Wir haben erst dieser Tage zwei Bestellungen von den Ablegern zweier europäischer Drei-Sterne-Restaurants in China erhalten. Und nun fängt man in Indien an, Wein zu trinken. Und wenn dort nur ein Promille der Menschen das tut, dann ist das ein größerer Markt als in vielen europäischen Ländern. Das Potenzial für feinen Wein und Accessoires für schöne Gläser ist groß. Auch Brasilien ist ein gewaltiger Markt. In São Paulo gibt es eine sehr frankophile, weinaffine Community.
Die Weine haben sich aber in den vergangenen 20 Jahren verändert. Das Zalto-Glas aber nicht. Warum?
Das Glas ist dasselbe, es ist allerdings in der Ausführung viel besser geworden. Allein schon, weil die Glasbläser mittlerweile geübter sind. Und manches hat eben einen bleibenden Wert und Stil. Zalto wurde vom „Wall Street Journal“ als eines von sechs ikonischen Produkten mit dem „Unimprovable Award“ ausgezeichnet, da sie nicht zu verbessern sind. Neben uns hat etwa auch die Rolex Oyster diese Auszeichnung erhalten. Die „New York Times“ bezeichnete Zalto einst als den Goldstandard bei Gläsern.
Es muss sich also nichts ändern? Klingt in einer Welt, in der man sich ständig neu erfinden muss, ziemlich retro.
Unser Ansatz war ja von Anfang an, dass wir kein Glas für eine bestimmte Rebsorte machen, sondern für gewisse Weinstile. Unser Credo lautet: So viele Gläser wie nötig und so wenige wie möglich. Aber wir forschen ständig weiter. Und wenn wir zur Erkenntnis kämen, es braucht ein neues Glas, dann würden wir das natürlich auch machen. Aber nicht aus Gründen des Marketings.
Wie viele verschiedene Weingläser braucht man also, damit man nicht als Kultur-Bolschewist gilt?
Es genügt am Anfang ein gutes mittelgroßes Glas, aus dem man mit gutem Gewissen die meisten Weine der Welt trinken kann. Bei uns wäre es das Universal-Glas, bei anderen das Riesling- oder Chianti-Glas. Es ist ja auch kein Zufall, dass bei Verkostungen in der Regel diese Art von Gläsern verwendet wird. Und wer kräftige Rotweine mag, der nimmt sich vielleicht auch ein Bordeaux- oder Burgunder-Glas.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, forschen Sie schon weiter, finden aber nichts Besseres.
Wir wollten einmal gemeinsam mit einem französischen Sommelier und einem Sake-Importeur ein Sake-Glas entwickeln. Aber am Ende sind wir dann immer bei unserem Weißweinglas gelandet. Es ist auch für Sake das perfekte Glas.
Kann man Zalto noch als Familienunternehmen bezeichnen?
Es ist eindeutig ein Zwei-Familien-Unternehmen. Josef Karner und mein Vater, mein Bruder und ich. Das ist das gesamte Management.
Firmensitz ist Gmünd im Waldviertel, produziert werden die Gläser in der Slowakei. Warum?
Wir haben 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gmünd. In einem Partnerunternehmen arbeiten rund 40 Glasbläser nach unseren Anleitungen. Wir machen ja nur eine Glasserie, und diese ausschließlich handgemacht. Und wir lassen nicht aus Kostengründen in der Slowakei produzieren, wir hatten schon vor 20 Jahren in Österreich ein Problem, Glasbläser zu finden. Viele Produzenten haben sich auf Maschinen-Gläser konzentriert, und das Handwerk der Glasbläserei ist bei uns unwiderruflich verloren gegangen. Die Anzahl der Hütten und Glasbläser hat sich drastisch reduziert.
Und wie viele Gläser werden mittlerweile produziert?
Es sind etwas mehr als 500.000 Gläser pro Jahr. Das ist natürlich eine sehr kleine Nische, aber dennoch handelt es sich um die erfolgreichste mundgeblasene Weinglas-Serie der Gegenwart.
Und es soll eine Nische bleiben?
Unser Wachstum ist begrenzt. Es hängt nämlich nicht nur von der Nachfrage ab, sondern auch von der Zahl der Glasbläser, die diese Qualität hervorbringen können. Wir haben in der Coronapandemie gesehen, was passiert, wenn ein Glasbläser ausfällt. Er musste nicht einmal krank sein, es genügte, dass er Kontaktperson war. Und dann fiel mit ihm gleich ein ganzes Team aus.
Die Produktion ging also zurück?
Ja, und gleichzeitig brachte die Pandemie eine neue Biedermeierzeit. Viele haben das Geld, das sie früher im Restaurant ausgegeben haben, für schönes Geschirr und feine Gläser ausgegeben. Dieser Trend hält noch immer an.
Im Fußball heißt das Match Rapid gegen Austria, bei feinen Gläsern Zalto gegen Riedel. Wer ist Rapid, wer Austria?
Mein Vater kommt aus Hütteldorf, somit gibt es nur eine Antwort. Im Gegensatz zum Fußball gibt es in der Glasbläserei aber kein eindeutiges Ergebnis. Die Firma Riedel ist ja in Wahrheit der Begründer einer Glaskultur, die in kaum einem Land so ausgeprägt ist wie in Österreich. Das verdanken wir Riedel. Frankreich etwa hat zwar eine große Weinkultur, aber der Glaskultur wird nicht die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt. Lebensmittel und Grundprodukte haben einen extrem hohen Stellenwert, was auch dazu führt, dass andere Dinge nicht so eine große Beachtung finden. Mittlerweile hat sich Frankreich aber zu einem der stärksten europäischen Märkte für uns entwickelt.
Und wann begann bei Ihnen das Interesse für Wein?
Ich hab schon mit 16 Wein-Literatur wie den „Großen Johnson“ oder „Parker Bordeaux“ verschlungen. Natürlich war Wein und Genuss auch im Elternhaus in Thema. Ich machte später ein Praktikum in einem chilenischen Weingut, auch im Napa Valley in Kalifornien.
Sie haben aber ein Wirtschaftsstudium absolviert.
Ja, ganz klassisch. Aber Wein ist meine Passion.
Ist für Sie Wein eine Wertanlage?
Nein, gar nicht.
Was denn? Kunst, Aktien?
Da ich vor drei Jahren ein Haus gebaut habe, stellt sich für mich die Frage nach Wertanlagen, etwa in Aktien, derzeit nicht.
Zur Person
Christoph Hinterleitner ist Geschäftsführer von Zalto Glas in Gmünd im Waldviertel. Das Unternehmen stellt ausschließlich mundgeblasene Gläser her und exportiert in mehr als 80 Länder. Zalto-Gläser findet man vor allem in der Spitzengastronomie. Zalto beschäftigt 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gmünd. 40 Glasbläser eines Partnerunternehmens in der Slowakei stellen pro Jahr etwas mehr als 500.000 Gläser her.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2023)