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Buchtipp
Liebe zu dritt oder viert: So klappt es mit der Polyamorie
In ihrem neuen Buch "Polyamorie für Dummies" räumt die queere Sexualpädagogin Jaime M. Grant mit zahlreichen Klischees auf. Ein gelungener Ratgeber für alle Interessierten.
Symbolbild: Polyamorie-Fahne auf einer CSD-Demonstration (Bild: IMAGO / CHROMORANGE)
- Von Christopher Filipecki
24. Januar 2026, 09:41h 5 Min.
Polyamorie ist immer noch ein Thema, das mit vielen Vorurteilen belastet ist. In ihrem Buch "Polyamorie für Dummies"1 (Amazon-Affiliate-Link ) räumt die US-amerikanische Sexualpädagogin Jaime M. Grant, die selbst seit Jahrzehnten polyamor und queer lebt und über diverse Lebenskonzepte referiert, mit vielen davon auf. Das im November erschienene Werk ist dabei nicht nur für diejenigen interessant, die Polyamorie neu ausprobieren möchten, sondern auch für alle, die sie schon praktizieren und feinjustieren möchten – und nicht zuletzt für diejenigen, deren*dessen Partner*in Polyamorie für sich entdeckt hat, man aber selbst noch nicht ganz genau weiß, wohin damit.
Was genau ist denn Polyamorie nun? Bedeutet das nicht einfach, sich nicht festlegen zu wollen? Zu sexuell aktiv für körperliche Treue zu sein? Vielleicht sogar etwas Pathologisches, weil man sich eigentlich nur einredet, viele zu lieben, da aber eher eine nicht behandelte Bindungsstörung zugrunde liegt? Dass davon nahezu nichts stimmt, beweist die Autorin in ihrem mit über 330 Seiten umfassenden Buch mehr als ausführlich. Es reicht völlig aus, Neugier für das Thema mitzubringen. Vorkenntnisse braucht es keine.
Ein Freundeskreis mit Benefits
"Polyamorie für Dummies" ist im November 2025 im Verlag Wiley-VCH erschienen
Trotzdem ist "Polyamorie für Dummies" kein Buch, was man eben mal so liest. Es gibt keine Handlung und baut auch nicht immer logisch aufeinander auf. Es ist vielmehr ein Ratgeber für Selbstreflexion, schärfere Beobachtung und das Aufräumen mit Klischees. Dazwischen befinden sich Erlebnisberichte von polyamor lebenden Personen, Diagramme, Grafiken und Checklisten. Grant erklärt, dass Polyamorie häufig ein Geflecht von vielen Personen ist, die unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen. Eigentlich so wie ein Freundeskreis, nur eben mit Menschen, bei denen auch romantische und/oder körperliche Anziehung vorhanden ist.
Dass man mit der einen Freundin gerne ins Kino geht, sie aber so gar nicht fürs Bouldern aktiviert bekommt, findet jeder völlig normal. Mit dem einen Freund führt man tiefe Gespräche bei dem einen oder anderen Drink in der Bar, dafür ist der Brettspieleabend so gar nicht seins, weil er eigentlich nur an Konsolen zockt – kein Grund zum Konflikt, fragt man halt jemand anderen. Aber für viele ist es ein Problem, wenn der*die Partner*in sich nicht genug für das neuentdeckte Hobby interessiert oder nicht denselben Fetisch teilt. Sofort wird die Partnerschaft hinterfragt, weil etwas Essenzielles fehlt. Dabei könnte man auch darüber nachdenken, in einer polyamoren Struktur alles unter einen Hut zu kriegen, ohne dass jemand auf etwas verzichten oder sich verbiegen muss.
Ehrlichkeit und ein guter Umgang mit Eifersucht
Polyamorie ist nichts, was sich mal eben kurz umsetzen lässt. Es braucht eine kritische Haltung sich selbst gegenüber, viel Ehrlichkeit, noch mehr Verlässlichkeit und einen guten Umgang mit Eifersucht. Der Impuls, dass man nicht möchte, dass Partner*innen sexuell größere Erfüllung durch jemand anderen bekommt als durch einen selbst, ist menschlich – doch wie genau geht man mit dieser inneren Unzufriedenheit um? Grant probiert detailliert und in vielen Kapiteln mit praktischen Übungen, Denkanstöße zu geben, warum man so tickt, wie man eben tickt. Warum einem das eine außerordentlich viel ausmacht und das andere einem total egal ist. Bevor das Ganze also in die Tat umgesetzt wird, braucht es viele Analysen über die Kindheit, Jugend und Ex-Partnerschaften.
Man hat nicht automatisch mit allen Personen in seinem Polykül – so wird das Geflecht aus sämtlichen Personen im Umfeld häufig bezeichnet – Sex, man hat nicht automatisch mit allen einen intensiven Austausch über tiefe Gefühle und man verbringt nicht automatisch mit jeder Person gleich viel Zeit. Das würde auch gar nicht funktionieren. Stattdessen gibt es Absprachen, was mit wem in welchem Umfang für alle Beteiligten funktioniert. Und ob nur ich als Person A mit Person B und parallel mit C etwas laufen habe oder ob Person B und C das genauso haben – und ob wir vielleicht sogar uns alle drei gemeinsam treffen, womöglich sogar zusammenwohnen.
Ein guter Einstieg ins Thema
Ja, unkompliziert ist das nicht. Eine weitere Ebene tut sich auf, wenn Kinder ins Spiel kommen – wer darf sie erziehen? Wer lernt sie überhaupt kennen? Grant zum Beispiel hat selbst keine*n feste*n Partner*in, sondern mehrere Personen mit unterschiedlichen Alltagsschwerpunkten. Äußerst interessant ist das Kapitel im Buch, das sich um Trennungen dreht. Wenn monogame Beziehungen scheitern, gibt es oft einen Point of no Return. Selten lässt sich noch etwas retten, weil die Enttäuschung zu groß war oder über zu lange Zeit existierte. In polyamoren Geflechten hingegen verändern sich die Erwartungen an die andere Person. Die Beziehung bleibt oft bestehen, bekommt aber weniger Gewicht und muss neu eingeordnet werden.
Polyamorie verändert sich im Laufe des Lebens. Generell verändern sich Bedürfnisse und Vorstellungen von Beziehungen. Was einem Ü40 besonders wichtig ist, konnte in den 20ern noch irrelevant sein und umgekehrt. "Polyamorie für Dummies" lässt sich nicht gut als zusammenhängendes Werk lesen, ist aber hervorragend, wenn man sich regelmäßig die Kapitel anschaut, die zu den jeweiligen Gedanken passen, die an dem Tag gerade aufkommen. Ständig wird auf bereits vorangegangene oder noch folgende Abschnitte querverwiesen, sodass es sich lohnt, manches auch doppelt zu lesen, um Zusammenhänge neu zu verknüpfen. Ein guter Einstieg ins Thema, das alle naheliegenden Aspekte hinreichend berücksichtigt.
Jaime M. Grant: Polyamorie für Dummies. Übersetzt von Sebastian Muhr. 336 Seiten. Verlag Wiley-VCH. Weinheim 2025. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-527-72385-0). E-Book: 15,99 €
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