Der britische Schauspieler Nicholas Galitzine spricht im GQ-Interview über Männlichkeit und das Problem, gut auszusehen
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In der Rolle des He-Man, der Kultfigur von Mattel aus den 1980er-Jahren, kann Nicholas Galitzine eine bisher unentdeckte Seite seines Könnens zeigen. Nachdem er sich in „Cinderella“, „Red, White & Royal Blue“ und „The Idea of You“ als Hollywoods Märchenprinz etabliert hat, zieht er 2026 in die Schlacht: als muskulöser, sein Zauberschwert schwingender Prinz im Lendenschurz. Kein Druck: Galitzine soll nur die Welt retten.
Die Blockbuster-Rolle in „Masters of the Universe“ kommt nach einigen turbulenten Jahren im Leben des 30-jährigen britischen Schauspielers, der zunächst in kleinen Autorenfilmen auftrat und in Romcoms sowohl Frauen als auch Männer verführte. Auch die Modebranche hat sein Potenzial mittlerweile erkannt: Anfang des Jahres ernannte Emporio Armani Fragrance ihn zum globalen Markenbotschafter für den Duft „Stronger with You“. Dabei hätte Galitzine lange nicht gedacht, dass er einmal Schauspieler werden würde.
Als Sohn einer griechischen Mutter und eines englischen Vaters wuchs er hauptsächlich in London auf, trieb viel Sport – Leichtathletik, Fußball und Rugby – und kam eher zufällig zum Film. Seine erste Hauptrolle landete er 2014 in der Komödie „The Beat Beneath My Feet“. Mit seiner Darstellung von Hayes Campbell in „The Idea of You“ – einem Harry-Styles-Lookalike, der sich in eine ältere Frau, gespielt von Anne Hathaway, verliebt – sowie mit seinen leidenschaftlichen Szenen in „Mary & George“ brachte er im vergangenen Jahr das Internet zum Beben. Bei Letzterem handelt es sich um ein sexuell aufgeladenes Historiendrama, in dem Galitzine den ehrgeizigen Liebhaber von König James I., George Villiers, spielt und sein gutes Aussehen für machiavellistische Zwecke einsetzt. Doch wie er im Interview erzählt, erwies sich die Rolle des makellosen Schönlings für Galitzine zunehmend als Falle.
Nicholas Galitzine im GQ-Interview
GQ: Für einige Ihrer jüngsten Projekte haben Sie die Kraft Ihres beneidenswert guten Aussehens genutzt. War es Ihr Türöffner?
Nicholas Galitzine: Ich hatte immer ein schwieriges Verhältnis zu meinem Aussehen – auch wenn es mir sicher Türen geöffnet hat. Dass mich andere als gut aussehend empfinden, ist ja zunächst etwas Positives. Das Äußere ist vielleicht das, was Menschen sofort anzieht: Können sie sich einfühlen? Können sie eine Verbindung aufbauen? Aber wenn man sich weiterentwickeln und in der Branche überleben will, kann man sich nicht nur darauf verlassen.
Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass Sie davon abhängig sind, was andere Leute in Ihnen sehen?
Das Frustrierende an der Kreativbranche ist, wenn man das Gefühl hat, sich nicht verwandeln zu können – weil die Leute nur das Äußere sehen und denken: Ist das alles, was du kannst? Ich habe in der Vergangenheit ein paar kitschigere Projekte gemacht, aber ich bereue nichts. Ich habe von jeder Rolle etwas gelernt. Doch als Künstler:in will man sich stetig weiterentwickeln, neue Facetten entdecken und Risiken eingehen. Meine Lieblingsschauspieler:innen sind meist Charakterdarsteller:innen, die Nuancen herausarbeiten, die das Hässliche und die Abgründe in den Charakteren suchen. Genau das reizt mich. Doch man muss sehr dafür kämpfen, mit Regisseur:innen zusammenarbeiten zu können, die einem diese Freiheit zugestehen. Von Anne Hathaway habe ich in dieser Hinsicht unglaublich viel gelernt. In Momenten, in denen ich unruhig wurde, sagte sie zu mir: ‚Sei geduldig. Die Gelegenheiten, nach denen du suchst, werden kommen. Du musst nur methodisch vorgehen.‘ Sie ist ein großartiges Beispiel für eine Schauspielerin, die sich immer wieder neu erfindet. Manchmal reicht es, dass eine einzige Person dein Potenzial erkennt und dir diese Chance gibt.
In „Share“, einem Psychothriller über Cybermobbing und Slut Shaming, der 2019 auf dem Sundance Film Festival lief, bekamen Sie diese Chance.
Die Regisseurin Pippa Bianco sah Potenzial in mir. Sie gab mir die Chance und besetzte mich als AJ, den Freund der Protagonistin, die nach einer Partynacht aufwacht und nicht weiß, ob sie von einem Jungen sexuell missbraucht wurde. Bis dahin hatte ich vor allem romantische Rollen mit langen Haaren gespielt. Aber ich wollte mich unbedingt in diesen unseriösen, etwas ungepflegten Typen verwandeln: mir die Haare abrasieren, einen Diamantohrring tragen und meine Gesichtsbehaarung wachsen lassen. So eine Chance hatte ich in meiner Karriere noch nicht oft. Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Rolle so verwandeln konnte.
In „Mary & George“ spielen Sie an der Seite von Julianne Moore den komplexen Charakter des homosexuellen George Villiers. Welche war die schwierigste Szene für Sie?
Ich bewundere den Regisseur Oliver Hermanus sehr dafür, dass er jemanden wie mich gecastet hat – jemanden, der in seinen Kreisen zuvor unbekannt war. Die Produktion von „Mary & George“ war in jeder Hinsicht eine Tour de Force: Ich habe mir den Knöchel gebrochen und ein geschwollenes Auge zugezogen. Eine der schwierigsten Szenen war die, in der sich meine Figur George – aus Auflehnung gegen seine extrem kontrollierende Mutter, gespielt von Julianne Moore – an einem Baum aufhängen will. Wir haben mitten im Winter gedreht, und es lag so viel Schnee wie seit Langem nicht. Ich war an einer Schlinge befestigt, ohne die Möglichkeit, eine Jacke zu tragen oder mich mit einer Wärmflasche gegen die Kälte zu schützen. Über zwei Stunden hing ich dort, während alle anderen heißen Tee tranken und die Crew überlegte, ob die Einstellung aus einer anderen Perspektive besser wirken würde. Es hat enorme mentale Stärke erfordert, das durchzuhalten.
Woher nehmen Sie diese Stärke?
Mit Anfang 20 hatte ich eine Lebenskrise, ich war auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass ich nicht unbedingt eine spirituelle Bestimmung brauche. Meine Bestimmung liegt in der Resonanz mit den Menschen. Durch meine Arbeit fühlen sie sich gesehen, und das erfüllt mich. Die Schauspielerei hat mein Leben bereichert. Wenn ich Menschen auf der Straße begegne und merke, dass ich sie irgendwie berührt oder beeinflusst habe, macht mich das glücklich. Doch eine Sache ist für mich nicht verhandelbar: Ich werde immer versuchen, unabhängig davon zu leben, ob jemand ein Foto mit mir machen will oder nicht. Ruhm und das ganze Drumherum interessieren mich nicht übermäßig, das sind nur Nebenprodukte meiner Arbeit. Und wenn das alles eines Tages verschwinden sollte, ist das auch in Ordnung.
Sie sind ganz nebenbei zum Liebling der Modewelt avanciert und das neue Gesicht des Emporio Armani-Duftes „Stronger with You“. Finden Sie sich in diesem Namen wieder?
Ich bin ein unglaublich geselliger Mensch, auch wenn ich immer dachte, ich sei sehr unabhängig und allein glücklicher. Ich mag die Idee des Kollektivs, die Kraft der Gemeinschaft – sei es als Sportler, als Teil eines Teams oder in einer Gruppe von Freund:innen. Wenn ich drehe, sind es meine Kolleg:innen und die Crew. Nur gemeinsam können wir am besten funktionieren.
Ein Duft kann einen in der Zeit zurücktransportieren. Erinnern Sie sich an einen Geruch aus Ihrer Kindheit?
Ich verbrachte die meiste Zeit meiner Jugend auf irgendeinem Sportplatz. Mein armer Vater fuhr mit mir stundenlang durch die Gegend, zu einem Rugby-Spiel in einer der abgelegensten Ecken des Landes. Jedes Mal, wenn ich frisch gemähtes Gras rieche, fühle ich mich in diese Zeit zurückversetzt. Dieser erste Moment: Du riechst das Gras, du hast Angst, du bist aufgeregt!
Was verbinden Sie mit Armani?
Mein Vater war außerhalb des Hauses immer perfekt gekleidet – er gab sein hart verdientes Geld aus, um sich die besten Anzüge schneidern zu lassen. Seine Lieblingsmarke war Armani. Je älter ich werde und je mehr ich mich für Mode interessiere, desto mehr möchte ich mich ebenso präsentieren. Es ist eine große Ehre, dass Mr. Armani mich in diese unglaubliche Reihe von Künstler:innen aufgenommen hat. Die Eleganz und der Stil des alten Hollywood haben mich schon immer fasziniert.
Wie würden Sie Ihren modischen Stil beschreiben?
Ich kleide mich sehr nach meiner Stimmung und lege vor allem Wert auf den Schnitt. Am wohlsten fühle ich mich in einem perfekt sitzenden Anzug. Da ich für meine Rolle als He-Man an Gewicht zugelegt habe, kann ich nicht mehr alles tragen. Doch eines bleibt: Mit Eleganz kann man nichts falsch machen. Klassik ist zeitlos, das zieht sich durch die Armani-Kollektionen. Sie sind tragbar und lassen einen immer gut aussehen.
Erinnern Sie sich an eine modische Panne?
Oh, so viele – das passiert schneller, als man denkt! Früher konnte ich mir keine Stylistin leisten und war völlig ahnungslos. Ich erinnere mich an einen übergroßen Anzug, der mir auf dem Laufsteg unglaublich gut gefiel. Aber an mir sah er total unproportioniert aus. Einfach nur riesig!
Und Ihr bester Mode-Moment?
Meine Mutter hat mich neulich an eine Geschichte aus meiner Kindheit erinnert, die ich noch nie erzählt habe. Ich muss ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein und habe mir zum Abendessen einen Anzug angezogen. Ich weiß nicht, woher der Einfluss kam – vielleicht von Paul Newman, den ich damals sehr bewundert habe. Meine Eltern waren an dem Abend überhaupt nicht schick gekleidet. Wenn ich mir vorstelle, wie ich mit meiner Familie zusammensitze und alle Jogginghosen tragen und ich einen Anzug (lacht) …
In dem Kampagnenvideo zu „Stronger with You“ tanzen Sie zu dem Titelsong von „Trainspotting“. Der Film handelt von jugendlichem Eskapismus und Exzess. Haben Sie dazu noch Gelegenheit?
Mein Leben ist das genaue Gegenteil von Exzess. Ich trinke keinen Alkohol, esse wenig und stemme jeden Tag Gewichte. Mein Beruf erfordert so viel Energie, dass kaum Zeit für anderes bleibt. Statt auszugehen, bin ich zum Stubenhocker geworden. Ich schnitze Schachfiguren aus Holz – was unglaublich meditativ ist –, schaue Filme, spiele Videospiele und verfolge meinen Fußballverein Arsenal. Die spielen allerdings gerade miserabel, das ist nicht gerade die beste Form des Eskapismus (lacht). Für Schauspieler:innen sind Methodik, Vorbereitung und Routine essenziell, gerade weil unser Beruf so viel Sensibilität und Emotionen erfordert. Ohne Struktur können diese intensiven Gefühle schnell aus dem Gleichgewicht geraten. Aber um ehrlich zu sein: Ich habe es langsam satt, Gewichte zu stemmen.
Spüren Sie den Erwartungsdruck, den die Rolle einer so bekannten Comicfigur wie He-Man mit sich bringt?
Ich habe jahrelang hart trainiert – geboxt, Muay Thai gemacht – und in den vergangenen fünf Monaten täglich mindestens zwei bis drei Stunden im Fitnessstudio verbracht. In der Rolle des He-Man kann ich endlich all diese Energie bündeln und sowohl meine komödiantischen als auch meine Action-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Gleichzeitig spüre ich den Druck. Viele Menschen lieben diese Figur; ihren Erwartungen gerecht zu werden, ist
eine große Herausforderung.
Unsere Vorstellung von Männlichkeit hat sich in jüngster Zeit stark gewandelt. Wie definieren Sie sie?
Männlichkeit wird oft mit Stoizismus und einer unnahbaren Fassade gleichgesetzt. Doch die Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit werden immer fließender. Ein Mann sollte sensibel sein, Verletzlichkeit zulassen, sich fallen lassen und seine Gefühle ausdrücken können. Gleichzeitig kann es aber auch lähmend sein, zu viel darüber nachzudenken … manchmal muss man einfach loslassen. Ich bin von vielen starken Frauen großgezogen worden und habe dadurch ein sehr gesundes Verhältnis zur Weiblichkeit entwickelt. Gleichzeitig sehe ich mich in vielerlei Hinsicht als einen eher traditionellen Mann, und das ist eine Ambivalenz, die mich fasziniert.
Viele sehen in He-Man nur den Superhelden.
Der Film beschäftigt sich intensiv mit der Frage: Was bedeutet es wirklich, männlich zu sein? Was heißt es, sich stark zu fühlen? Natürlich liegt Kraft in physischer Stärke, aber ebenso viel Macht steckt im Verstehen, im Zuhören und im offenen Austausch. Wir alle wollen uns auf eine gewisse Weise ermächtigt fühlen. Und es gibt wohl kaum ein besseres Beispiel für Empowerment als Superheld:innen. Die Actionszenen und die Spezialeffekte sind natürlich sehr unterhaltsam. Aber es hat auch etwas Beruhigendes, das Gute siegen zu sehen – in einer Welt, die nicht nur schwarz oder weiß, sondern viel komplexer ist.
Und retten Sie am Ende die Welt?
Wer weiß.
Manuela Hainz ist Style Editor bei GQ.