Die AZ-Serie "Münchner Gschichten" Einblicke ins Musikgeschäft der 80er: "Adrett und präservativ"

"Wir hatten 35 Fernsehauftritte allein in den Öffentlich-Rechtlichen": Die damalige Münchner Band "Schrott nach 8" mit Sänger Max Geissler (im karierten Sakko). Foto: privat

Max Geissler war Sänger bei "Schrott nach 8" – jener Band, die mit "Zuppa Romana" in Hecks Hitparade landete. Hier berichtet er, was man im Musikgeschäft so alles erleben konnte.

 

München - In der Drachenbar vom Alten Wirt in Obermenzing waren wir eine Clique von zunächst fünf, sechs Leuten, die aber immer weiter wuchs. In dieser Bar gab es eine Bühne. Vier Freunde fingen mit einer Kellerband an und hatten dort ihren ersten Auftritt. Lieder von den Doors, den Stones, so etwas. Da war die Bude immer voll.

Wir haben Eintritt verlangt, dafür gab es Zombie, den wir in Eimern angemischt haben. Irgendwann packte es mich so, dass ich auf die Bühne sprang und die Jungs fragte, ob sie einen Blues spielen können.

Dann habe ich spontan den Obermenzing-Blues gesungen, der Text fiel mir ebenso spontan ein. Charlie Bianco, der Bandleader, mit dem ich so gern Karten spielte – Samba-Canasta, Herzeln, Gundula – der Charlie also sagte, beim nächsten Mal dürfe ich beim Elefanten-Lied den Elefanten geben: "Was müssen das für Bäume sein, wo die großen Elefanten spazieren geh’n, ohne sich zu stoßen?" Da haben wir aus Drahtgestell Ohren gebaut und einen Rüssel, ich bin als Elefant über die Bühne – das war mein erster Auftritt mit "Schrott nach 8". Wie’s so ist: Derjenige, der vorn steht, kriegt den meisten Applaus. Ich fing dann an, mal ein Lied zu schreiben, merkte aber schnell, dass ich nicht der begnadete Schreiber war.

Ich kam als Putzfrau – oder im Bademantel über dem Nacktkostüm

Mein Talent war vielmehr, auf der Bühne zu performen. Einfaches Absingen fand ich aber fad: Es gehört Show dazu! Also kam ich mal als Putzfrau auf die Bühne – oder mit Bademantel und einem hautfarbenen Nacktkostüm drunter, mit aufgenähtem Bären, Luftballons und darauf Babyschnuller als Brustwarzen. Unsere Shows hießen "Adrett und präservativ" oder "Begnadigte Körper". Zu Beginn kauerte ich in einem Ganzkörper-Penis-Kostüm und mit roter Badehaube auf der Bühne – und habe mich zu den Klängen von "Also sprach Zarathustra" langsam erigiert und beim Höhepunkt, wenn die Fanfarenbläser einsetzen, einen Mund voll Milch ins Publikum geblasen.

Heute würde man sagen: sexistisch. Damals haben die Frauen das toll gefunden, weil wir den Männern den Spiegel vorgehalten haben.

Ich war bald ein festes Mitglied der Band, obwohl ich ja eigentlich gar nicht singen konnte. Die anderen Musiker haben sich lustig gemacht, wie unmusikalisch ich eigentlich war. Ich erinnere mich an einen Auftritt im Rollpalast in Aubing (da fuhr man damals noch mit Rollschuhen, nicht Inlineskates wie heute). Ich brauchte immer von der Band einen Akkord vorgegeben, damit ich wusste, in welcher Stimmlage wir singen. Da haben sie sich einen Jux draus gemacht – und haben mich das ganze Lied in der falschen Tonlage spielen lassen, die Sauhunde. Und ich hab es nicht mal gemerkt. Darüber haben sie sich noch jahrelang lustig gemacht.

Wir haben anfangs im Laden von Richard Rigan, der Schwabinger Rocklegende, in der Herzogstraße gespielt. Der hat uns anfangs nur am Dienstag auf die Bühne gelassen. Der sagte: So eine Band, die keiner kennt – da reicht eine Bedienung hinter der Bar. Wir hatten aber in ganz München schwarz plakatiert und viel Mund-zu-Mund-Propaganda gemacht. So war die Bude randvoll. Und Richard telefonierte eilig noch weitere Bedienungen herbei... Wir haben danach einmal im Monat, Donnerstag, Freitag, Samstag gespielt, immer war es voll.

"Mein Talent war, auf der Bühne zu performen" – hier ein Bildbeweis. Quelle: privat

Jedes Mal, wenn uns jemand eine Flasche Champagner auf die Bühne brachte, spielten wir zur Melodie von JJ Cales "Cocaine": "If you wanna get high, high in the sky: Champagne" – und bedankten uns bei unseren Spendern. Richard buchte uns für Silvester, eine Ehre für uns, und für den 29. und 30. Dezember auch. Zwei Tage vorher rief die Rosi von Ariola an: "Freunde, ihr müsst am 29. nach Köln zur Fernsehsendung." – "Geht nicht, da spielen wir beim Richard." – "Dann sagt’s das ab." – "Nein, geht nicht!"

Dann stellte sich heraus: Die TV-Aufzeichnung war abends um sieben, unser Auftritt im Rigan um 21 Uhr. Der Ariola-Chef, der ein Herz für Musiker hatte, genehmigte uns dann tatsächlich einen Privatjet. Und wir fühlten uns im Zehnsitzer wie die Superstars, als wir in Riem landeten – und doch noch um halb zehn im Rigan auf die Bühne stiegen und unsere Show ablieferten.

Wir waren mit unserem Lied "Zuppa Romana" dann sogar bei Dieter Thomas Heck in der ZDF-Hitparade. Da sind wir leider nur Vierter geworden, weil Udo Jürgens, Nena und Angelika Milster mit ihrem Cats-Lied mehr Stimmen gefangen haben.

Heck war der Beste von allen. Der war so lieb und hat sich um jeden einzelnen Künstler gekümmert.

Haindling, der Niederbayer, war auch da mit seinem Lied "Du Depp, du Depp, du depperter Depp, du". Der sagte zum Heck: "Eigentlich müsste ich umtexten: Du Depp, du Heck, du hektischer Depp, du!" Heck blieb ganz locker: "Haha, meine Künstler sind wieder gut drauf." Mein Highlight war, wie wir in der Todeszelle vom Schweizer Hof in Berlin waren. So wird unter Musikern die Hotelbar genannt, wo man nach dem Auftritt hingeht und der Veranstalter, also etwa das ZDF, die ganze Rechnung zahlt.

Bei dieser Sendung war Julian Lennon dabei – der Sohn meines Idols! Die Flying Pickets, Mungo Jerry und Village People. Die kamen aus der Kabine nebenan zu uns rüber und fragten: "Ihr seid sieben Leute: Wer von euch ist schwul?" Die konnten nicht glauben, dass wir alle auf Frauen standen.

Die Flying Pickets luden uns dann alle ein zu einem Privatkonzert unten im Hotel-Schwimmbad. Großartig! Seitdem bin ich A-cappella-Fan.

Mitten ins Konzert platzt aber der spießige Unterhaltung-Abteilungsleiter vom ZDF und brüllte: "Was führt ihr euch so auf? Sofort alle auf die Zimmer! Die Party ist vorbei!"

Beim Texten haben wir uns gekringelt vor Lachen

Aber die Flying Pickets und Lennon haben den auflaufen lassen und mit einem Boykott gedroht. Da hat der Herr Abteilungsleiter den Schwanz eingezogen und sich geschlichen.

Wir hatten 35 Fernsehauftritte allein in den Öffentlich-Rechtlichen und haben 350 000 Singles von "Zuppa Romana" verkauft. Da haben gerade mal 20 000 Mark rausgeschaut – für uns alle, nicht für jeden, aber Walter das Tier, zu dieser Zeit unser Schlagzeuger, hat das falsch verstanden, ist zur Ariola, hat sich das gesamte Geld auszahlen lassen – und wir haben ihn seitdem nie mehr gesehen.

Unser Produzent war Tony Monn, der mit Fancy und der Saragossa Band Geld verdiente. Er kam eines Tages mit Tarantella, einer Melodie von Walter Pietsch, die eigentlich gar nicht zu unserer Band passte, und so entstand dann die Idee, eine italienische Speisekarte zu vertonen. Tony ist in Grünwald dann gleich zu seinem Lieblingsitaliener Al Pino gefahren, mit der Karte zurückgekommen, und dann haben wir uns den Text zusammengesucht. Wenn sich also auf "e spinaci" kein Reim gefunden hat, dann lief es auf "Beirut e Karachi" hinaus. Wir haben uns gekringelt vor Lachen. Am Schluss hat Tony als Texter seinen Namen darunter geschrieben. Eine Single kostete damals sechs Mark, drei Mark davon war der Nettodetailpreis – und davon bekamen wir 3,4 Prozent. Alles andere haben sich Tony, sein Verlag und Pietsch als Komponist geteilt.

Immerhin sind die ganzen Großdiskotheken auf uns abgefahren – wegen unserer Show, die wir selbst so liebten. Wir sind als Band sogar mal an die Nordsee gefahren, aber ich glaube, das ist ein Riesenschwindel: Die Nordsee war nicht da, angeblich Tide, was immer das sein soll. Am nächsten Tag sind wir noch mal hin, und sie war wieder nicht da.

Allzu lang ging das dann leider nicht mehr mit "Schrott nach 8". Wir hatten einen Hit und waren ja nur noch mit dem Tourbus unterwegs. Wenn man aber nicht mehr im Übungsraum ist und keine Zeit mehr hat, um kreativ zu sein, dann entstehen halt keine neuen Ideen und Songs.


Und was haben Sie erlebt? Schreiben Sie an die AZ!

Die AZ wird Sie in diesen Sommertagen unterhalten mit Geschichten aus den Zeiten, in denen München doch noch münchnerischer war als heute. Als Stenze durch die Stadt strawanzten – und Striezis und Schandis aneinandergeraten sind.
Haben Sie selbst auch solche Münchner Gschichten erlebt?
Schreiben Sie sie auf – und schicken sie diese, gern mit Fotos (falls vorhanden) – an leserforum@az-muenchen.de

Oder per Post an:
Abendzeitung
Kennwort: Gschichten
Garmischer Straße 35
81373 München

Die AZ wird ausgewählte Gschichten veröffentlichen.

Lesen Sie hier Teil 1 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Erst ein Ohnmachts-, dann ein Tobsuchtsanfall"

Lesen Sie hier Teil 2 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Sie legten uns Achter an, dann ging's in die Löwengrube"

Lesen Sie hier Teil 3 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Straßenschlägereien, Einzelhaft und ein Wahnsinnsgeschoss"

Lesen Sie hier Teil 4 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "An Zwickl-Fünfer mit de kurzn Kartn"

Lesen Sie hier Teil 5 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Wie Fierek zum Film kam: Mit der Dogge im Commodore

Lesen Sie hier Teil 6 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Ich war nie ein Striezi oder ein Stenz"

Lesen Sie hier Teil 7 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Einsatz am Max-II-Denkmal" und "Schlaraffenland im Keller"

Lesen Sie hier Teil 8 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Küsse hinter der Dult, Tauchkurs im Nordbad"

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1 Kommentar

..und ich war - zu deren Leidwesen - der vermutlich größte Fan der Gruppe! :)

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